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Tödliche Liebe: Deutschlands Tradition als Brücke zwischen Russland und dem Westen

Das 20. Jahrhundert war ein deutsch-russisches, so Historiker Stefan Creuzberger. In Dresden traf er seine Kollegin Tatiana Timofeeva, die im Exil an der Oder lebt.

Von Oliver Reinhard
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Kurz nachdem Leonid Breschnew seine Rede zum 30. Jahrestag der DDR beendet hatte, schloss er Erich Honecker in die Arme und gab sich mit ihm einem derart innigen sozialistischen Bruderkuss hin, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte.
Kurz nachdem Leonid Breschnew seine Rede zum 30. Jahrestag der DDR beendet hatte, schloss er Erich Honecker in die Arme und gab sich mit ihm einem derart innigen sozialistischen Bruderkuss hin, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. ©  AP/dpa

Gut 100 Jahre sind vergangen, seit zum Entsetzen des Westens zwei Ausgestoßene der europäischen Staatengemeinschaft sich zusammenrauften und zusammenfanden. Der eine trug nach Meinung der Sieger die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg, der andere war geächtet als Revolutionär und Feind aller alten Ordnungen inklusive Demokratie: das Deutsche Reich in Form der Weimarer Republik und die Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepubliken. Im Vertrag von Rapallo verbündeten sich die beiden Parias 1922, nahmen wieder diplomatische Beziehungen auf und stärkten einander, weil sie einander brauchten.

Es war eines von mehreren Ereignissen, die die Zeit zwischen den Jahren 1900 und 2000 in der Rückschau zum „deutsch-russischen Jahrhundert“ machen, wie Stefan Creuzberger sein aktuelles Buch nennt. Unlängst stellte der Rostocker Historiker es in Dresden vor. Am Militärhistorischen Museum, wo man Sinn für Wissenschaft, Lehre und Dramatik zugleich hat, hieß die Veranstaltung „Tödliche Liebe“. Natürlich ging es darum, was die beiden „Nationen“ verbindet, aber ebenso, was sie trennt.

1922 unterzeichneten Reichskanzler Joseph Wirth (2. v. l.) und Vertreter der sowjetrussischen Seite den Vertrag von Rapalllo, der die beiden Außenseiter-Nationen Europas eng aneinander band.
1922 unterzeichneten Reichskanzler Joseph Wirth (2. v. l.) und Vertreter der sowjetrussischen Seite den Vertrag von Rapalllo, der die beiden Außenseiter-Nationen Europas eng aneinander band. © Bundesarchiv Koblenz

Wunsch der meisten Sachsen: Deutschland soll vermitteln

Auch sie saß als stummer Gast mit im Saal, die Hoffnung vieler Menschen, Deutschland könne wie so oft schon Bindeglied zwischen dem Westen und Russland sein, gerade jetzt, während des Krieges gegen die Ukraine. Umfragen deuten darauf hin, dass eine Mehrheit der Bundesbürger sich wünsche, ihr Land möge zwischen den beiden Kriegsgegnern vermitteln. Das ist zwischen Schkeuditzer Kreuz und Görlitz mehr als sonstwo der Fall: Laut einer Erhebung der Sächsischen Zeitung und des Meinungsforschungsinstituts Civey im Sommer wünschen sich fast zwei Drittel der Sächsinnen und Sachsen (62,6 Prozent) Deutschland als Brückenbauer.

Ebenfalls nach Dresden gekommen war die russische Historikerin Tatiana Timofeeva, die kurz nach Kriegsausbruch aus Russland geflohen war und seither im deutschen Exil lebt. „Das Thema ,Deutschland‘ ist in Russland tief verankert“, sagte sie. „Die Russische Geschichte war immer sehr eng mit der deutschen Geschichte verbunden, schon das Zarenreich hatte sich wirtschaftlich, kulturell und wissenschaftlich an Europa und an Deutschland orientiert.“

Da dem deutschen Reich eine eigene Luftwaffe nach 1919 verboten war, wurden ab 1925 Piloten Im russischen Lipezk ausgebildet, zum Beispiel an diesen Heinkel D17. Auch Russland bekam im Gegenzug Militärhilfe.
Da dem deutschen Reich eine eigene Luftwaffe nach 1919 verboten war, wurden ab 1925 Piloten Im russischen Lipezk ausgebildet, zum Beispiel an diesen Heinkel D17. Auch Russland bekam im Gegenzug Militärhilfe. © Bundesarchiv

Das Kaiserreich ließ das Zarenreich untergehen

Tatsächlich gibt es kaum andere Staaten auf der Welt, deren Beziehungen im 20. Jahrhundert nur annähernd so nachhaltig durch Revolution und Umbruch, durch Terror und Gewalt sowie durch Abgrenzung und Verständigung geprägt waren. Diese gemeinsamen Wirklichkeiten des Russisch-Deutschen Verhältnisses bestimmten immer wieder das Weltgeschehen und wirken bis heute.

Als Personifizierungen stehen unverändert exemplarisch dafür der ehemalige Zar Nikolaus und sein Cousin Kaiser Wilhelm der Zweite. Als „Nicky“ und „Willy“ waren sie einander nicht nur als fleißige Brieffreunde eng verbunden, und dennoch weder wirklich willens noch in der Lage, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zu vermeiden. Letztlich zeichnete der eine sogar für den Tod des anderen verantwortlich: Es war Wilhelms Militär, das Lenin 1917 im Zug von der Schweiz nach Russland schaffte und damit den Untergang von Zarenreich samt Zar besiegelte.

Obwohl sie ideologische Todfeinde waren, arbeiteten Hitler und Stalin pragmatisch zusammen, überfielen gemeinsam Polen und gaben sich bis 1941 gegenseitig Finanz- und Militärhilfe.
Obwohl sie ideologische Todfeinde waren, arbeiteten Hitler und Stalin pragmatisch zusammen, überfielen gemeinsam Polen und gaben sich bis 1941 gegenseitig Finanz- und Militärhilfe. ©  [M] AP/dpa / SZ

Hitler und Stalin: Geistes-Gegner als pragmatische Partner

In den Zwanzigern pendelte das russisch-deutsche Verhältnis in koninuierlichem Wechsel zwischen gutem Einvernehmen, Konflikten und Misstrauen. Trotz aller Probleme obsiegte meist die Bereitschaft zum Kompromiss jenseits der vorhandenen Gegensätze. Besonders verbindend als Kitt blieb der Nutzen, den beide Seiten aus den Wirtschaftsbeziehungen ziehen konnten und nicht zuletzt aus der geheimen militärischen Zusammenarbeit: Ohne deutsche Hilfen hätte die Rote Armee keine moderne Waffentechnologie in größerem Maße entwickeln können, und ohne die geheimen Stützpunkte in Russland hätte Deutschland keine Luftwaffe aufbauen können.

Extrem bemerkenswert waren die Dreißiger: Obwohl die ideologischen Gegensätze zwischen Stalin und Hitler nicht größer hätten sein können und zu regelrechten Antagonismen auswuchsen, setzten sie laut Creuzberger nach wie vor auf Pragmatismus. Ab 1938 habe Stalin sich intensiv um ein Bündnis mit Hitler bemüht, bekanntlich erfolgreich: Mit dem Hitler-Stalin-Pakt – und erheblichen Finanzhilfen für den Krieg des „Dritten Reiches“ gegen Polen – begann 1939 der Aufstieg der Sowjetunion zur Weltmacht, vollendet nach Abwehr der deutschen Invasoren ab 1941 mit dem Sieg über Deutschland 1945.

Schon 1952 hatte die wirtschaftliche Kooperation zwischen Bundesrepublik und UdSSR wieder begonnen, und nach Bundeskanzler Adenauers Besuch in Moskau 1955 - hier mit dem Vorsitzenden des sowjetischen Ministerrates, Nikolai Bulganin - wurden erneut diploma
Schon 1952 hatte die wirtschaftliche Kooperation zwischen Bundesrepublik und UdSSR wieder begonnen, und nach Bundeskanzler Adenauers Besuch in Moskau 1955 - hier mit dem Vorsitzenden des sowjetischen Ministerrates, Nikolai Bulganin - wurden erneut diploma © Bundesarchiv Koblenz

DDR und SU hatten selbe Feinde: Faschismus und Westen

„Zwar ist seither der ,Große Vaterländische Krieg‘ die bestimmende Identifikationsgröße, leider“, sagt Tatiana Timofeeva. „Aber der vergangene Krieg ist das eine, die Gegenwart etwas anderes, eigenes.“ So seien die DDR und die Sowjetunion einander eng verbunden gewesen, auch auf der zwischenmenschlichen Ebene. „Beide hatten den gleichen Feind“, sagt Timofeeva, „den Faschismus und den Westen“.

Trotzdem er ein glühender Antikommunist war, führte Kanzler Konrad Adenauers Moskaubesuch 1955 zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion, die wirtschaftliche Zusammenarbeit hatte bereits einige Jahre vorher begonnen. Wieder gab ein Deutschland den Brückenbauer zum Westen und wurde es noch mehr mit der Ostpolitik von Willy Brandt.

Wurden und blieben ziemlich beste Freunde: Wladimir Putin und Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder.
Wurden und blieben ziemlich beste Freunde: Wladimir Putin und Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder. © Archiv: REUTERS

Warum Putin Verhandlungen rundweg ablehnt

Über die Gorbi-Manie schließlich fanden die Deutschen Mitte der Achtziger wieder zueinander, sagte Stefan Creuzberger, und niemandem hat man die Wiedervereinigung mehr zu danken als eben Michail Gorbatschow. Diese Dankbarkeit verband sich auf das Passendste mit dem Bewusstsein der historischen Schuld für die Deutschen Verbrechen in der Sowjetunion zwischen 1941 und 1945. Eben jene Mischung ließ die Bundesrepublik auch noch nachgiebiger, verständnisvoller und konfliktscheuer Brückenbauer bleiben, als Wladimir Putin „sein“ demokratisches Land mehr und mehr in eine Autokratie verwandelte.

Dass Bundeskanzler Olaf Scholz seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 sehr zum Unmut der meisten Deutschen vergleichsweise zögerlich handelt, ebnet ihm keinen Weg gen Osten und erst recht nicht zu einer baldigen Beendigung des Krieges. Während seines jüngsten Telefonats mit Wladimir Putin sagte ihm dieser laut der russischen Agentur Tass, die Unterstützung des Westens für die Ukraine veranlasse ihn dazu, „den Gedanken an Verhandlungen rundweg abzulehnen".

Die Historikerin Tatiana Timofeeva (hinten) lehrte an der Moskauer Lomonossow-Universität die Geschichte der totalitären Regimes in Deutschland und Russland des 20. Jahrhunderts. Nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine floh sie nach De
Die Historikerin Tatiana Timofeeva (hinten) lehrte an der Moskauer Lomonossow-Universität die Geschichte der totalitären Regimes in Deutschland und Russland des 20. Jahrhunderts. Nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine floh sie nach De © RBB

"Ich weiß nicht, ob ich einen stabilen Frieden noch erlebe"

Vor allem wollten die Zuhörerinnen und Zuhörer im Dresdner Museum von Tatiana Timofeeva wissen: Und nun? Was bleibt zu tun? „Wissenschaftliche und kulturelle Kontakte weiterpflegen“, lautete die bekennend hilflose Antwort. Ob es mit einem Russland unter Wladimir Putin noch die Chance auf einen stabilen Frieden geben kann? „Ich hoffe es“, sagte die 57-Jährige, die heute an der Viadrina-Uni in Frankfurt an der Oder lehrt. „Aber ich weiß nicht, ob ich das noch erleben werde. Ich bin Historikerin, ich muss die Gegenwart ohne Emotionen betrachten. Nur - das schaffe ich noch nicht.“

Nach dem Kriegsausbruch habe sie lange auf einen Umsturz im Kreml gehofft. „Da können sie mal sehen, wie naiv ich bin.“ Als die Nachricht vom russischen Angriff kam, hielt Tatiana Timofeeva übrigens gerade eine Vorlesung an der Lomonossow-Universität in Moskau. Das Thema war die „Machtergreifung“ Adolf Hitlers 1933.

Buchtipp: Stefan Creuzberger, Das deutsch-russische Jahrhundert: Geschichte einer besonderen Beziehung. Rowohlt-Verlag, 672 Seiten, 36 Euro