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Sachsens Polizei setzt Super-Scanner ein

Kontrollieren ohne anzuhalten: Sekundenschnell checkt ein neues Gerät der Polizei vorbeifahrende Lkw auf der Autobahn. Was es alles leisten soll.

Polizeihauptkommissar Tino Hausdorf überprüft an der A 4 bei Bautzen mit einem speziellen technischen System die Informationen des digitalen Fahrtenschreibers eines vorbeifahrenden Lkw.
Polizeihauptkommissar Tino Hausdorf überprüft an der A 4 bei Bautzen mit einem speziellen technischen System die Informationen des digitalen Fahrtenschreibers eines vorbeifahrenden Lkw. © Steffen Unger

Bautzen. Etwa zehn Lkw stehen an diesem Montagmittag auf dem Parkplatz des Rasthofs Oberlausitz an der A 4. Gerade hält ein Brummi mit polnischem Kennzeichen. Der Fahrer sieht jede Menge Polizei und reicht unaufgefordert alle nötigen Papiere aus seiner Kabine. „Heute große Kontrolle?“, will der junge Pole wissen. Statt einer Antwort bekommt er seine Unterlagen zurück – alles in Ordnung. Die Polizisten wünschen eine gute Weiterfahrt.

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Es hätte aber auch nicht alles in Ordnung sein können. Bisher erkannten die Beamten das erst, wenn sie ein Fahrzeug kontrollierten. Ab sofort sehen sie auch beim Vorüberfahren, ob ein Lkw-Fahrer etwa seine vorgeschriebenen Ruhezeiten nicht einhält, zu schnell unterwegs ist oder sonst etwas tut, was er besser nicht tun sollte.

Möglich macht das ein kleiner blauer Kasten, nicht viel größer als ein Brillenetui. In dem Kasten steckt ein kleiner Sender, der die Fahrtenschreiber von vorbeifahrenden Lkw anpeilt. Vorausgesetzt, der Fahrtenschreiber ist digital. Seit Juni 2019 müssen in der gesamten Europäischen Union alle neu zugelassenen Lkw diese digitale Technik mitführen.

Kontrollen nun doppelt so effektiv wie bisher

Der kleine blaue Kasten kann irgendwo am Rand der Autobahn stehen oder auch zur Ausrüstung eines Polizeiautos gehören. Ob der Kasten nun steht oder mit den Polizisten mitfährt – in jedem Fall übermittelt er den Beamten im Bruchteil einer Sekunde 19 verschiedene Daten zum Fahrzeug. Das Ganze nennt sich DSRC - Dedicated Short Range Communication.

Auf ihrem Display erblicken die Polizisten dann grüne und rote Punkte – grün heißt: keine Beanstandungen. Sehen die Kontrolleure zu viel Rot, winken sie den Lkw bei nächster Gelegenheit von der Fahrbahn. Zum Beispiel an der Einfahrt zum nächsten Parkplatz.

Unnötige Pausen sollen so der Vergangenheit angehören – weil ein Fahrzeug eben nur dann angehalten wird, wenn es auch einen Grund dafür gibt. „Wir kontrollieren damit mindestens doppelt so effektiv wie bisher“, erklärt Falko Schölzel, Erster Polizeihauptkommissar. „Wer sich an die Regeln hält, wird auch nicht rausgewunken.“

Fünf Polizeidirektionen gibt es in Sachsen, jede hat so einen blauen Kasten bekommen. Damit ist der Freistaat das erste Bundesland, das diese neue Auslesetechnik überall anwenden kann. Rund 50.000 Euro hat die Staatskasse dafür ausgegeben.

Zahl der Lkws auf der A 4 in zehn Jahren verdoppelt

Gut angelegtes Geld, findet Innenminister Roland Wöller (CDU), der sich die Technik an diesem Montagmittag auf dem Rasthof Oberlausitz zeigen lässt: „Es gelingt uns auf Grundlage der ausgelesenen Daten, auch Fahrzeuge zu kontrollieren, die vermeintlich optisch unauffällig sind. Somit gestalten sich die Kontrollen künftig nicht nur effektiver, sondern auch objektiver. Das ist ein Beitrag zu mehr Sicherheit auf unseren Straßen.“

Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU), der sich hier in der Scheibe eines Polizeiautos spiegelt, präsentierte an der A 4 bei Bautzen das neue System, mit dem die Beamten gezielt Lkw-Fahrer herauswinken können, um Verstöße zu ahnden.
Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU), der sich hier in der Scheibe eines Polizeiautos spiegelt, präsentierte an der A 4 bei Bautzen das neue System, mit dem die Beamten gezielt Lkw-Fahrer herauswinken können, um Verstöße zu ahnden. © dpa-Zentralbild

Die Verkehrspolizei will den blauen Kasten vornehmlich an der Autobahn einsetzen, sagt ihr Leiter Frank Wobst. Aber auch an Landstraßen kann die neue Technik Lkw kontrollieren. Als Beispiel nennt Wobst die Bundesstraße 178.

Wie nötig es ist, auffällige Lkw zu kontrollieren und notfalls aus dem Verkehr zu ziehen, zeigen zwei Zahlen: Vor zehn Jahren waren auf der A 4 durch die Oberlausitz in 24 Stunden durchschnittlich 5.693 Lkw unterwegs. Jetzt sind es 10.820 pro Tag, Tendenz weiter steigend. Zeitweise rollt Stoßstange an Stoßstange. Wenn da hinter einem Lenkrad ein völlig übermüdeter Fahrer sitzt, ist der Brummi eine rollende Zeitbombe.

„Kleines Gerät, große Wirkung“, lobt Wöller. „Jetzt bräuchten wir nur noch eine Technik, die beim Vorbeifahren den Alkohol im Blut des Fahrers misst.“

Sachsen ist mit DSRC nicht nur deutschlandweit Vorreiter, sondern gehört zu den Schnellsten in der ganzen EU. Spätestens ab 2024 müssen alle Mitgliedsstaaten der Union ihre Kontrollbeamten mit Geräten zur Fernkommunikation mit digitalen Fahrtenschreibern ausgerüstet haben.

So viel der kleine blaue Kasten auch kann – Einiges kann er nicht und soll er auch nicht. So legt er keine Buß- oder Zwangsgelder fest. Und die neue Technik speichert auch keine Daten länger als drei Stunden. Dann werden sie automatisch gelöscht.

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