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Ein DDR-Duft kommt zurück

Die Leipziger Kometikerin Winnie Hortenbach hat nach der Ost-Pflegeserie "Undine" auch den Duft „Wild River“ wieder aufgelegt - vor allem für Männer.

Von Sven Heitkamp
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Die Leipziger Kosmetik-Entwicklerin Winnie Hortenbach lässt alte DDR-Marken wieder aufleben.
Die Leipziger Kosmetik-Entwicklerin Winnie Hortenbach lässt alte DDR-Marken wieder aufleben. © Undine

In einem früheren Friseursalon in der Leipziger Südvorstadt schraubt Winnie Hortenbach zwischen modernen Laborgeräten und alten Gläsern ihre neueste Errungenschaft auf: Eine Flasche „Wild River“, ein sanfter Duft für Männer aus DDR-Zeiten: Frische Note, etwas herb und holzig, nicht zu aromatisch. Seit den 70er-Jahren in Waldheim, Zeitz und Oberlichtenau produziert, verschwanden die Rechte und Düfte von „Wild River“ 2002 in Schubladen des Hamburger Beiersdorf-Konzerns.

Erst Ende 2020 wurden sie wieder frei – und Winnie Hortenbach griff zu. Seit Mitte November verkauft die renommierte Kosmetikentwicklerin ihn wieder: Es ist der gleiche Duft aus dem gleichen Parfümhaus im südfranzösischen Grasse wie früher, aber jetzt verarbeitet zu natürlichen Produkten.

Duschgel, Aftershave, Eau de Toilette und Deospray, im grünen Glas mit Holzverschluss und mit natürlichen Zutaten aus der Region. „Nur beim Parfümöl machen wir wegen der besonderen Geschichte eine Ausnahme“, sagt Winnie Hortenbach. „Es ist der klassische Herrenduft, aber nun auf einer reinen Naturkosmetik-Grundlage.“

Weitere Pflegeserien

Das Comeback im Badezimmer ist nicht der erste Coup der 47-Jährigen, die einst an der TU Dresden ihr Diplom zur Lebensmittelchemikerin abgelegt hat und heute über enorme Erfahrung in der Kosmetikbranche verfügt. Schon 2017 brachte sie „Undine“ auf den Markt. Die DDR-Marke mit dem typischen Apfelduft war schon nach der Wende verschwunden.

Winnie Hortenbach aber sicherte sich die Rechte ebenfalls vom Beiersdorf-Konzern. Inzwischen gibt es die „Undine“ als Duschschaum, Duschgel, Shampoo, Deo, Handgel und Seife. Neben der Apfelsorte gibt es sie nun auch als Bratapfelduft mit Nelke, Zimt und Mandel. Verkauft werden die Produkte im Onlineshop und in einer Handvoll Läden wie der Ostalgie-Drogerie Böhme in Chemnitz, dem „Lädchen“ in Roßwein, der Drogerie Haferkorn in Geithain, der Tourist-Info in Markkleeberg und dem „Vielfach“ in Leipzig.

„In Dresden suchen wir noch Geschäfte, die zu uns passen“, sagt die Firmenchefin. Fürs neue Jahr hat sich die Entwicklerin ein weiteres Großprojekt vorgenommen: Sie plant eine Babypflegeserie, die Ende 2022 auf den Markt kommen soll, samt sanftem Duschschaum, Lotion, Windelcreme, Badeöl und Waschlotion. Mit ihren beiden Mitarbeiterinnen feilt sie noch an den Rezepturen. Arbeitstitel „Nesthäkchen“. Das alte DDR-Produkt „Elasan“ ist vergeben, es wird noch immer produziert.

Eine aufregende Karriere

Allen Produkten gemeinsam ist die ökologische Philosophie der Gründerin. „Wir wollen nur ganzheitliche Naturkosmetik entwickeln, aus dem Herzen Leipzigs und mit regionalen Inhaltsstoffen – ohne PEG und Mikroplastik. Beseelte Stoffe aus der Natur sind besser für die Haut als synthetische Produkte.“ Der naturtrübe Bio-Apfelsaft stammt aus einem Streuobstanbau im Muldental der lokalen Kelterei Klaus, das Leinöl für die Hautpflege von der Leipziger Ölmühle „Leipspeis“, das Salz von der Salzsiederei Halle und die Tenside werden aus Zucker und Kokos gewonnen.

Die Faltschachteln produziert Ellerhold in Radebeul und die Etiketten die Thüringer Papierwarenfabrik in Mühlhausen. „Unsere Rohstoffe und Packmittel kommen fast alle aus Deutschland“, betont Hortenbach. „Notfalls auch aus Frankreich oder Italien, aber nicht aus Asien oder Amerika.“

Hinter der Strategie steht die eigene Überzeugung von nachhaltigen Produkten, aber auch das Bedürfnis vieler Kunden nach regionalen Angeboten. „Naturprodukte unterstützen bei der Selbstheilung des Körpers, Chemieprodukte wirken oft direkter und haben größere Nebenwirkungen“, sagt Winnie Hortenbach. Sie weiß, wovon sie spricht.

Sie hat eine aufregende Karriere in der Kosmetikindustrie hinter sich: 1997 begann sie bei Florena in Waldheim, leitete dort zuletzt die Produktentwicklung, ehe die Abteilung 2008 in die Beiersdorf-Zentrale geholt wurde. Für Hortenbach folgten die Ehrmann-Molkerei im Allgäu, der Kosmetikhersteller „Servicos“ bei Bern, die Entwicklung von Eigenmarken für Handelsketten und eine Position als Teamleiterin beim Naturkosmetik-Konzern Weleda.

Markenfreiheit für den alten Klassiker

2015 kehrte sie mit ihrem Mann zurück nach Sachsen und machte sich selbstständig. Seit Sommer 2015 führt Winnie Hortenbach nun ihre Undine Kosmetik GmbH. Es ist die Verwirklichung des Traums von der Selbstständigkeit und Produkten, die ihren hohen Ansprüchen genügen. Zusätzlich entwickelte sie weiter ökologische Marken für die Drogerieketten Müller und dm, für den Aldi-Ableger Hofer in Österreich und die Luxushautpflege La Prairie.

Im März 2020 flog sie nach Paris, es war die letzte Dienstreise vor Corona. „Das war ein Moment der Standortbestimmung“, sagt sie. Seither habe sie alle Verträge auslaufen lassen und angefangen, sich allein auf Undine und Co. zu konzentrieren. Nun entwickelt und produziert sie alles bis zur Verpackung in ihrer kleinen Drei-Frau-Manufaktur. Nur auf eine Bio-Zertifizierung hat sie bisher verzichtet, wie sie sagt, weil die Kosten dafür in die Tausende gehen würden.

In der Zeit der Selbstbesinnung kam die neue Markenfreiheit für den alten Klassiker „Wild River“ gerade recht. Auch diese Pflegeserie aus den Exquisit-Läden hat eine bewegte Geschichte hinter sich. „Das Parfüm wurde anlässlich des 30. Geburtstags der DDR vermutlich auf einer Leipziger Messe an die Firma Robertet in Köln verkauft“, erzählt sie. „Von dort wurde das Parfümöl nach Leipzig-Miltitz geliefert und weiterverteilt an die Standorte des Kombinates.“

Nach der deutschen Einheit sei das Parfümöl an Florena in Waldheim geliefert und in einer neuen Aufmachung mit Erfolg verkauft worden. Doch als Florena von Beiersdorf übernommen wurde, wurde „Wild River“ eingestellt. Nun kommt das Parfümöl aus Frankreich wieder nach Leipzig. Derzeit produziert die kleine Manufaktur nur gut 50 Flaschen ihrer Produkte in der Woche, nächstes Jahr sollen es mehr werden. „Je aktiver wir werden“, sagt Winnie Hortenbach, „umso aktiver werden auch unsere Produkte wahrgenommen.“