merken
PLUS Leben und Stil

Ein seltener Apfel kommt nach Sachsen zurück

In der Oberlausitz wurde jetzt das Obst des Jahres gekürt. Die bedrohte Sorte gibt’s nun auch für den heimischen Garten.

Vom Aussterben bedroht: Eine Oberlausitzer Muskatrenette, wie sie noch 2010 im Vorfeld des Tagebaus Reichwalde stand und dann weichen musste.
Vom Aussterben bedroht: Eine Oberlausitzer Muskatrenette, wie sie noch 2010 im Vorfeld des Tagebaus Reichwalde stand und dann weichen musste. © Grit Striese

Am Rande des Tagebaus Reichwalde, westlich von Viereichen, stand einst ein Baum mit einer schönen breiten Krone. Der Laie mochte nichts Besonderes daran finden. Doch es handelte sich um ein sehr seltenes Exemplar: eine alte regionale Obstsorte, die aus Sachsen fast verschwunden ist – die Oberlausitzer Muskatrenette. Ihre rot-marmorierten Äpfel schmecken süß-säuerlich, mit typisch würzigem Aroma. „Ein Apfel mit Charakter, wie ich ihn liebe“, sagt Grit Striese.

Sie ist Sprecherin der Pomologen in Sachsen – ein Verein von Obstkundlern, die sich für den Erhalt vom Aussterben bedrohter Sorten einsetzen. „Mit dem intensiven Obstanbau auf Niederstämmen finden sich in den Läden nur noch einige wenige, eigens dafür gezüchtete Sorten“, sagt sie. Dabei gebe es allein Tausende Apfelsorten – jede etwas anders in Farbe, Form, Geschmack, Reife, Ertrag und Verwendung. Doch viele dieser traditionellen, oft nur regional vorkommenden Sorten geraten in Vergessenheit. Striese: „Sie sind aber ebenso Kulturgut wie historische Bauwerke, Lieder und Bräuche.“

Wandern
Schritt für Schritt
Schritt für Schritt

Gerne an der frischen Luft und immer in Bewegung? Wanderwege, Tipps und Tricks finden Sie hier.

Seit 2016 küren die Pomologen deshalb eine Sächsische Obstsorte des Jahres. Ihr Ziel: die Sorte bekannt zu machen und zum Nachpflanzen zu animieren. In diesem Jahr fiel die Wahl erneut auf einen Apfel – die Oberlausitzer Muskatrenette.

600 verschiedenen Apfelsorten in einem Garten

Vorausgegangen ist eine lange Recherche über Herkunft und Verbreitung. Laut dem Oberlausitzer Pomologen Max Jubisch soll die Apfelsorte um 1885 als unveredelter Wildling von einem Straßenwärter in Großschönau bei Zittau angepflanzt worden sein. Schon vor dem Ersten Weltkrieg haben Oberlausitzer und Dresdner Baumschulen die Sorte vermehrt. Dadurch kamen auch Bäume in andere Regionen, beispielsweise nach Nordböhmen. Doch Bedeutung im Anbau erlangten sie nur als Lokalsorte in der Oberlausitz. „Denn der Apfel kommt dort perfekt mit den Höhenlagen zurecht und bildet beste Frucht- und Lagereigenschaften aus“, sagt Striese.

Der Baum von Reichwalde ist inzwischen dem Tagebau gewichen. Doch Pomologe Klaus Schwartz hat für die Vermehrung des neuen Apfels des Jahres gesorgt. In Löbau verfügt Schwartz über eine der größten privaten Obstsorten-Sammlungen Deutschlands. Unter seinen etwa 600 verschiedenen Apfelsorten ist auch eine Oberlausitzer Muskatrenette. „Im Frühjahr habe ich davon mehr als 300 Reiser geschnitten und an Baumschulen in Sachsen zur Veredlung geliefert“, sagt er. Als kleine Bäumchen sind sie nun dort erhältlich, um einen Platz in möglichst vielen Gärten in Sachsen zu finden. Im Herbst ist die beste Pflanzzeit.

Die Äpfel werden wegen ihre rot-marmorierten Früchte für ihren würzigen, süß-säuerlichen Geschmack geschätzt.
Die Äpfel werden wegen ihre rot-marmorierten Früchte für ihren würzigen, süß-säuerlichen Geschmack geschätzt. © Grit Striese

Die Oberlausitzer Muskatrenette gilt als robust und ausgesprochen frosthart. Sie stellt keine überhöhten Ansprüche an den Boden und die Wasserversorgung und eignet sich auch für Grasland. „Nach dem Erziehungsschnitt ist nur gelegentliches Auslichten notwendig“, sagt Schwartz. „Die Früchte sollten im September vor der Vollreife geerntet werden. Denn zu spät gepflückt und zu lange gelagert, werden sie mürbe und verlieren an Geschmack.“ Mit der Resonanz, die die jährliche Kür der Sachsen-Obstsorte findet, sind die Pomologen zufrieden. „Viele Menschen haben keine Lust mehr auf das Schauobst aus der Kühlung, das immer gleich schmeckt und oft mit Pflanzenschutzmitteln behandelt ist“, sagt Grit Striese.

Auch angesichts zunehmender allergischer Reaktionen wachse das Interesse an traditionellen Obstsorten aus dem heimischen Garten. Striese: „Den größten Erfolg hatten wir mit dem Safranapfel, ein wunderbar saftiger Apfel von feinem süß-säuerlichen Geschmack.“ Mehr als 700 junge Bäumchen davon haben einen neuen Besitzer gefunden. In den nächsten Jahren sollen sich zu den bisherigen Apfelsorten und der Birnensorte auch alte regionale Kirsch- und Pflaumensorten gesellen: „Die Vorarbeit läuft bereits, wir müssen ja auch für genügend Reiser sorgen“, so Klaus Schwartz.

Zu den Ersten, die die Oberlausitzer Muskatrenette neu anpflanzen, gehört Peter Pachl. Der Chef des Vereins Naturpark Zittauer Gebirge wird Anfang Oktober gemeinsam mit den Pomologen ein Bäumchen in den Naturparkgarten in Großschönau setzen. Nach 116 Jahren kehrt die regionale Sorte damit wieder an ihren Ursprungsort zurück.

Hier gibt es die Jungbäume:

Weiterführende Artikel

Obstland erwartet in Leisnig gute Apfelernte

Obstland erwartet in Leisnig gute Apfelernte

Die Bedingungen waren besser als in den Vorjahren. Geerntet werden 20 Sorten. Im Herbst wird eine Neue gepflanzt.

Mehr zum Thema Leben und Stil