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Warum Elterntaxis keine Lösung sind

Viele Sachsen denken, dass die Schulwege nicht sicher sind. Eine Verkehrspsychologin sagt, was sie selbst ändern können.

Nur mal schnell im Kreuzungsbereich parken, um das Kind rauszulassen? Keine Seltenheit vor Sachsens Schulen.
Nur mal schnell im Kreuzungsbereich parken, um das Kind rauszulassen? Keine Seltenheit vor Sachsens Schulen. © Marijan Murat/dpa

Zum Glück gibt es Corona. Ohne den pandemiebedingten Lockdown mit monatelangem Homeschooling hätte es in Sachsen wohl viel mehr als die bislang 636 Verkehrsunfälle mit Kindern gegeben. 1.405 waren es 2019. Drei davon endeten damals für die Kinder tödlich, 315 wurden schwer verletzt.

Entsprechend schlecht sind die Noten, die Sachsens Eltern in der großen im Familienkompass-Umfrage von SZ, Freie Presse und Leipziger Volkszeitung dem Verkehr in Sachsen gegeben haben. 38 Prozent monieren, dass Kinder sich nicht sicher bewegen könnten, 52 Prozent beklagen, dass der Schulweg mit dem Rad unsicher sei. Die SZ hat darüber mit Verkehrspsychologin Dr. Susann Richter gesprochen.

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Frau Dr. Richter, wie muss ein Schulweg beschaffen sein, um sicher zu sein?

Er muss möglichst kurz und für Kinder überschaubar sein, vor allem an den Straßenquerungen. Wenn es keine Ampeln gibt, müssen Kinder gut die fahrenden Fahrzeuge sehen können. An diesen Querungsstellen sollten möglichst keine Autos parken. Die Querung sollte nicht zu breit und wenn doch, dann mit Mittelinseln geteilt sein. Kinder müssen sich nach links und rechts und links orientieren können. Zugeparkte Straßen, Mülltonnen, die den Weg verstellen, Hecken, die in den Weg ragen, erschweren ihnen die Orientierung.

Wer räumt solche Hindernisse weg?

Die Schulwegpläne stellen die Schulen auf, für die Sicherung ist das Ordnungsamt zuständig. Es sollte zusammen mit der Elternschaft und den Schulen die Wege bewerten und bei Bedarf handeln, also Kontakt zum Grundstückseigentümer aufnehmen.

Ist das nur auf dem Papier so geregelt, oder finden diese Schulwegbegehungen tatsächlich statt?

Ich befürchte, dass die Ordnungsämter damit überfordert sind, alle Schulwege abzugehen. Das aufzudecken, dafür sind auch die Schulen und die Eltern verantwortlich. An jeder Schule sollte es einen Obmann für Verkehrssicherheit geben, der solche Informationen sammeln und an das Ordnungsamt weitergeben könnte.

Ab welchem Alter können Kinder den Schulweg allein bewältigen?

Die Gesellschaft erwartet, dass Kinder das nach zwei, drei Monaten nach der Einschulung schaffen. Oft fühlen sich Eltern dabei unwohl, weil sie denken, dass ihre Kinder das erst lernen müssen. Damit haben sie recht. Es ist sinnvoll, sich den Schulweg zeitig anzusehen, ihn abzugehen, schwierige Stellen direkt zu besprechen. Eltern sollten ihren Kindern erklären, warum sie sich an bestimmten Stellen wie verhalten sollen. Wenn Kinder den dahinterliegenden Sinn verstehen, halten sie sich auch daran. Bis zum Ende des ersten Schuljahres sollte aber jedes Kind den Schulweg alleine gehen können. Sollte irgendetwas dem entgegen sprechen, etwa eine Hauptverkehrsstraße, die sich nicht einfach überqueren lässt, muss man überlegen, ob das verkehrsplanerisch zu regeln ist.

Wie zum Beispiel?

Mit Lichtsignalanlagen, Tempo-30-Zonen, gut beleuchteten und einsehbaren Fußgängerüberwegen oder eben Verkehrsinseln.

Kommunen lehnen Anträge für Tempo-30-Zonen oft wegen mangelnder Verkehrsdichte oder zu wenigen Passanten ab. Was dann?

Ich kenne das Problem auch. In der bestehenden Situation schnell etwas zu ändern, ist leider meist nicht möglich. Letztendlich ist die Kommune aber in der Pflicht, für einen sicheren Schulweg zu sorgen. Sie muss sich etwas einfallen lassen, und seien es Markierungen, um den Schulweg abzugrenzen. Das Problem ist, dass man solche Situationen aussitzen kann. Denn Kinder werden älter und können irgendwann komplexe Verkehrssituationen meistern, die ein Schulanfänger noch nicht bewältigen kann. Eltern wachsen mit ihren Kindern aus der Problematik heraus und fühlen sich dann nicht mehr gedrängt, etwas zu tun. Deshalb sollte die Schule die Arbeit mit der Kommune in der Hand haben, denn sie hat ein jahrgangsübergreifendes Interesse daran, dass sich etwas verändert.

Es gibt also mehr Elterntaxis, weil sich nichts ändert?

Eltern bringen ihre Kinder nicht nur zur Schule, weil der Schulweg zu gefährlich ist. Oft ist das eine Frage der Familienorganisation, das sind zeitliche Aspekte, eine Kombination von Arbeits- und Schulweg, sodass es für die Familien insgesamt günstiger wird. Zu diesen Vorteilen gibt es aber auch den Nachteil, dass das Kind keine eigenen Lernerfahrungen auf dem Schulweg macht. Es meistert ihn nicht selbst, lernt nichts dazu. Der zweite Nachteil ist, dass man selbst Verkehr generiert und für andere Kinder, die alleine oder mit Rad kommen, mehr gefährliche Situationen schafft.

Wie lässt sich das entzerren?

Der Elternverkehr an der Schule muss kanalisiert werden. Dafür sollten in einiger Entfernung Kurzzeitparkplätze geschaffen werden, wo die Eltern halten, die Kinder sicher aussteigen und einen Weg von etwa 100 Metern bis zur Schule zurücklegen können. Dafür könnten Parkplätze von Läden genutzt werden. Kurzzeitparkplätze einzurichten, wäre mit relativ niedrigen Kosten verbunden.

Wie bringt man die Eltern denn dazu, sich darauf einzulassen?

Wenn Kinder selbst sagen, dass sie zur Schule gehen möchten und nicht gefahren werden wollen, dann können sich Eltern eher dazu durchringen. Das zeigen unsere Untersuchungen. Damit die Kinder das von sich aus wollen, kann man sie in der Schule vielleicht mit kleinen Wettbewerben zwischen den Parallelklassen motivieren: Wie viele Kinder kommen pro Tag und Klasse alleine in die Schule? Eltern lassen sich davon mehr beeindrucken, als wenn ihnen gesagt wird, dass sie als Elterntaxi für andere Kinder selbst zum Gefährder werden. Das wirkt weniger. Leider.

Warum blenden sie das denn aus?

Weil die meisten davon überzeugt sind, selbst gute Fahrer zu sein. In der Selbstwahrnehmung sind es meist die anderen, die sich nicht sicher verhalten.

Sie würden den Impuls also wieder in die Hände der Schule geben?

Ja, aber ich meine damit nicht nur die Lehrer, sondern auch die Eltern, die durch ihre Vertreter und den Elternrat eine Ansprachemöglichkeit an die anderen Eltern haben. Es hat eine bessere Wirkung, wenn es aus den eigenen Reihen kommt.

Ist die Angst der Eltern, dem Kind könnte auf dem Weg zur Schule etwas passieren, denn begründet?

Die Unfallzahlen sind in den letzten 30 Jahren so drastisch zurückgegangen, dass es objektiv keinen Anhaltspunkt für diese Befürchtung gibt. Das liegt an den baulichen Veränderungen und an der Verkehrssicherheitsarbeit. Aber die Fakten haben ja nicht unbedingt etwas mit der subjektiven Einschätzung zu tun. Ich denke, das hängt auch damit zusammen, dass Eltern jetzt ihre Kinder mehr umsorgen und überwachen. Ich will das gar nicht negativ bewerten, denn das hat auch mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun.

Trotzdem schätzen mehr als 52 Prozent der Eltern den Schulweg mit dem Rad als nicht sicher ein. Gerade auf dem Land sind aber viele Kinder darauf angewiesen. Wie sehen Sie das?

Ich sehe das auch kritisch. Erst am Ende der Grundschulzeit sind Kinder fähig, sicher mit dem Rad in die Schule zu fahren. Das liegt daran, dass sie die Mehrfachtätigkeiten eher noch nicht beherrschen, also auf den Verkehr zu achten, die Regeln zu kennen, mit dem Rad vertraut zu sein, Gleichgewicht halten, flexibel beschleunigen, bremsen, einhändig fahren und schalten zu können. Dazu müssen sie all das können, was Fußgänger auf dem Schulweg beherrschen müssen, aber schneller, weil das Radfahren eine kürzere Reaktionszeit erfordert. Diese komplexe Tätigkeit, die kognitive Verarbeitung der Verkehrssituation und das richtige Verhalten sind erst zum Ende der Grundschulzeit gegeben. Gerade im ländlichen Raum kommen viele Kinder aber gar nicht anders in die Schule und müssen auch schon in jüngeren Klassenstufen damit fahren. Ich finde das problematisch, vor allem, weil die Kinder alleine und oft auch noch an der Landstraße Radfahren müssen. Die einzige Möglichkeit ist wieder eine langwierige, bauliche und teure: Radwege anzulegen.

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