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Wer meistert den Wandel in der Lausitz?

Über Kohleausstieg und Strukturwandel wurde schon viel geschrieben. In einem neuen Buch kommen vor allem Menschen aus der Region zu Wort.

Diesen Blick über den Tagebau Nochten auf das Kohlekraftwerk Boxberg wird es nicht mehr lange geben. Der Kohleausstieg ist beschlossene Sache. Wie gehen die Menschen in der Lausitz damit um? Darum geht es in einem neuen Buch.
Diesen Blick über den Tagebau Nochten auf das Kohlekraftwerk Boxberg wird es nicht mehr lange geben. Der Kohleausstieg ist beschlossene Sache. Wie gehen die Menschen in der Lausitz damit um? Darum geht es in einem neuen Buch. © Steffen Unger

Bautzen. „Wer will schon in eine Gegend, die sich für Fremde anfühlen kann wie das Ende der Welt?“, fragt Stefan Nolte für den ehemaligen Niederschlesischen Oberlausitzkreis westlich und vor allem nördlich von Görlitz. Diese Frage mögen sich manchmal nicht nur Fremde, sondern auch Menschen stellen, die schon ihr ganzes Leben oder wenigstens einige Jahre in der Lausitz leben.

Der freie Regisseur und künstlerische Leiter vom Stadtprojekt „Modellfall Weißwasser“ hat einen der 15 Beiträge des noch frischen Buchs „Wir machen das schon - Lausitz im Wandel“ geschrieben. Herausgeber ist Johannes Staemmler, Politikwissenschaftler vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung. Er beschäftigt sich sich seit zweieinhalb Jahren mit der Lausitz und der Frage, wie hier Strukturwandel auf soziale und gerechte Weise gelingen kann.

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Das Buch "Wir machen das schon - Lausitz im Wandel" lässt Menschen aus der Region zu Wort kommen.
Das Buch "Wir machen das schon - Lausitz im Wandel" lässt Menschen aus der Region zu Wort kommen. © Ch. Links Verlag

In den Beiträgen geht es um Bürgermeister, Vereinsvorsitzende, Berufspolitiker, Pfarrer, Selbstständige und eine Baggerfahrerin. Behandelt werden Themen wie Protest, Rechtsextremismus, Bürgerbeteiligung, Integration, Kohle, Rückkehrer, Zuzug, Umzug sowie Leerstand und Lausitzer Identität. Es sind große und wichtige Themen, mit denen sich die Menschen in der Lausitz auseinandersetzen müssen.

Beispiele zeigen die Potenziale der Lausitz

In der Einleitung fragt Johannes Staemmler, ob „es in der Lausitz überhaupt intellektuelle, kulturelle, wirtschaftliche und soziale Potenziale“ gibt, auf die ein Strukturwandel setzen könne? Wer das Buch liest, wird das mit ja beantworten, weil die hier aufgeführten Beispiele klar dafür sprechen.

Da ist etwa die sorbische Pfarrerin Jadwiga Mahling aus Schleife, die ob der Tagebaue "eine große Ungleichzeitigkeit" beobachtet, da einige Menschen bleiben und sogar neue Häuser bauen, andere aber wegziehen. Zumindest hätten sie erkannt, "dass die Geschichte mit der Kohle eine endliche ist".

Oder Dagmar Schmidt, Vorsitzende des Vereins Lausitzer Perspektiven aus Raddusch, die in ihrem Beitrag "Der lange Weg zur Bürgerregion" darüber schreibt, wie es gelingen kann, die Menschen mitzunehmen. "Um mehr Menschen für den Strukturwandel zu gewinnen, brauchen wir mehr Transparenz und eine dauerhafte Beteiligungskultur."

Das Buch bietet viele verschiedene Perspektiven

Aus dem Landkreis Bautzen ist etwa der Sorbe und Nebelschützer Bürgermeister Thomas Zschornack dabei. Er gilt vielen seit Jahren als vorbildlicher und mutiger Kommunalpolitiker, der zeigt, was in einer kleinen Gemeinde mit zielgerichteter Kreativität möglich ist. Bei Angelina Burdyk dreht sich viel um die Entstehung des Vereins Mosaika in Bischofswerda und darum, wie sich ehrenamtliche Arbeit und Integration verbinden lassen und dabei helfen, eine neue Heimat zu finden.

Die Stärken des Buches sind die vielen verschiedenen Perspektiven sowie die Nähe zu den Protagonisten. Weil die Region so groß und unterschiedlich ist, dürften hier selbst Lausitzer viel Neues, interessante Geschichten oder mögliche Vorbilder entdecken. Viele Texte stammen von den Handelnden selbst. Dazu kommen Interviews. Es tut dem Buch gut, die Protagonisten so frei und ehrlich sprechen zu lassen. Das sorgt für Authentizität und Glaubwürdigkeit.

Gibt es eine gemeinsame Lausitz?

Durch die verschiedenen Autoren haben es die Leser aber auch mit unterschiedlichen Textqualitäten zu tun. Ein strafferes Lektorat wäre an manchen Stellen angebracht gewesen. Die meisten Texte behandeln ihr Thema konkret und gehen ins Detail. An manchen Stellen allerdings werden nur pauschale Argumente geliefert. Der konkrete Bezug fehlt. Die Interviews wirken stellenweise, als würde eine Fragenliste abgearbeitet. Übergänge sind zu sprunghaft und abrupt.

Das schadet dem Buch insgesamt aber nicht. Wer sich die Frage stellt, wie die Lausitz mal aussehen soll oder wie man sich daran beteiligen könnte, wird hier genügend Antworten und mögliche Modelle finden.

Das Buch mag auch der Versuch sein, eine gemeinsame Lausitz her- oder darzustellen, die es möglicherweise so gar nicht gibt. Zumindest behaupten die Grünen-Politikerinnen Franziska Schubert und Annett Jagiela im letzten Beitrag des Buches, dass die Lausitz bei der Frage nach dem Wandel gespalten wirkt. „Das liegt auch daran, dass es kein gemeinsames Ziel gibt“, schreiben sie. Zumindest noch nicht, ließe sich nach der Lektüre ergänzen.

Das Buch „Wir machen das schon - Lausitz im Wandel“ hat 232 Seiten und ist im Christoph Links Verlag erschienen. Es kostet 18 Euro. ISBN-Nummer: 978-3-96289-115-2

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