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Mit Flechten verflochten

Der Dresdner Andreas Gnüchtel erforscht Zwitterwesen, die als Überlebenskünstler an den erstaunlichsten Orten vorkommen.

Andreas Gnüchtel braucht in Dresden-Lockwitz nur vor die Tür zu gehen, wenn er Flechten sehen will. Auch an alten Mauern wachsen sie gern.
Andreas Gnüchtel braucht in Dresden-Lockwitz nur vor die Tür zu gehen, wenn er Flechten sehen will. Auch an alten Mauern wachsen sie gern. © Jürgen Lösel

Das Auffälligste an Flechten ist ihre Unauffälligkeit. Sie sitzen überall, an Steinen, auf Waldböden oder Bäumen. Trotzdem bemerkt man sie nicht. Es sei denn, man hätte den Spürsinn jenes Mannes, der sich wie kaum ein anderer damit auskennt: Andreas Gnüchtel, 70, groß, hager, mit strubbligem grauem Haar unter der Wollmütze und modischem Dreitagebart. Mode wäre das Letzte, was ihn interessiert. Ihn interessieren die Kleckse an einer Mauer in Dresden-Lockwitz. Dort wuchs er auf, und dort wohnt er wieder seit einiger Zeit.

Er braucht nur vor die Tür zu gehen, wenn er Flechten gucken will. Jede von ihnen kennt er persönlich. Manche, sagt er, sehen aus wie die Bäumchen bei der Modelleisenbahn. Andere bilden feste Krusten. Sie lassen sich nur mit Hammer und Meißel lösen. Wieder andere sind mit dem Untergrund an einem einzigen Punkt verbunden. Es gibt Flechten mit niedlichen Rüsseln. Mit Weißkrautblättern in Miniatur. Mit roten Fingernägeln an grauen Händchen. Die Finger-Scharlachflechte ist die Flechte des Jahres 2020.

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Andreas Gnüchtel muss eine Weile nach der deutschen Bezeichnung suchen. Er hat in der Schule Latein gelernt. Nicht nur deshalb gehen ihm die lateinischen Begriffe flott von den Lippen. „Das ergibt sich von allein.“ Schön wär’s. Kenner wie er lassen sich in Sachsen an einer Hand abzählen. Er hat deutschlandweit einen Namen. Andere Biologen haben im Internet-Portal zur Geländeliste der Flechten ein Dutzend Fundorte eingetragen. Der Dresdner bietet das Mehrfache mit 65.491 Datensätzen. Er lächelt entschuldigend: „Ich bin nicht ganz auf dem Laufenden, es sind schon wieder ein paar mehr.“

Bevor er auf Flechtenjagd geht, schaut er auf einem Messtischblatt nach Regionen, die noch weniger erforscht sind. Die Gegend nördlich von Zwickau und das Leipziger Land zeigen einige weiße Flecke. „Es kommt ja immer auf die Leute vor Ort an.“ Aber es wächst kaum jemand nach, der sich mit dieser seltsamen Familie befassen will. Wie in manchen anderen Bereichen droht ein Schatz an Spezialwissen verloren zu gehen. Gnüchtel erzählt, dass er einige Bachelor-Arbeiten von Gartenbau-Studenten in Pillnitz betreute, die sich mit Flechten befassten. Keiner konnte sich ausdauernd dafür begeistern. Auch seine drei Kinder möchten das Erbe nicht antreten. Wer will sein Leben an eine Sache hängen, die weder Fisch noch Fleisch ist und nicht einmal eine Pflanze?

Beim genaueren Hinsehen zeigt sich der kleine grüngelbe Fleck auf einer Mauer als wahres Wunder der Natur.
Beim genaueren Hinsehen zeigt sich der kleine grüngelbe Fleck auf einer Mauer als wahres Wunder der Natur. © Jürgen Lösel

Andreas Gnüchtel wollte das. Doch im ersten Leben studierte er in Leipzig Mathematik und arbeitete als Programmierer. „Softwareentwickler würde man das heute nennen.“ Wer krude Zeichenketten entschlüsseln kann, kann auch Flechten lesen. Damit begann er Anfang der Achtzigerjahre: „Weil ich sonst als Botaniker im Winter nichts zu gucken hatte.“ Flechte geht immer. Moos geht immer. Bei Schnee nahm er mitunter den Besen mit. Die Lupe sowieso. Das Ganze unter dem Dach des Kulturbundes. Jetzt: Arbeitsgemeinschaft sächsischer Botaniker. Dort leitet Gnüchtel die Gruppe Lichenologie, Flechtenkunde. Nach dem politischen Umbruch, sagt er, hat er das Hobby zum Beruf gemacht. Zehn Jahre lang arbeitete er in Tharandt am Institut für Ökologie und Umweltschutz, unter anderem an einem Entwicklungsplan für die Wälder in der Sächsischen Schweiz. Dann wechselte er an das Institut für Botanik an der TU Dresden.

Manchmal wird er gleich um die Ecke fündig. Am Galgenberg in der Nähe vom Kaufpark Nickern hat sich die Gewöhnliche Gelbflechte an Spitzahorn-Bäumen angesiedelt. „Das freut mich“, sagt er, „das freut mich wirklich.“ Aufmerksam betrachtet er die rundlichen gelben Zeichen auf der Borke, die kaum größer sind als ein Euro. Hier und hier, und hier ist noch eines! Ein erwachsener Mann mit der Nase am Baumstamm, das muss Vorbeifahrenden seltsam erscheinen. „Seit 2000 war die Gelbflechte fast vollständig aus Sachsen verschwunden“, sagt Gnüchtel, „wegen der Schwefeldioxid-Immissionen. Nur in der Nähe vom Kalkwerk Hermsdorf im Osterzgebirge gab es noch einen Standort. Es ist ein gutes Zeichen, dass sie wiederkommt.“ Etliche Schmetterlingsraupen wie das Elfenbein-Flechtenbärchen sind ganz wild danach.

Andreas Gnüchtel hat zwar für die Rote Liste der gefährdeten Arten in Sachsen seinen Part zugeliefert. Doch vom drohenden Aussterben spricht er ungern. „Vielleicht sind die Flechten zwischenzeitlich nur verschollen, oder wir finden sie bloß nicht.“ Eine Spezies, die es seit mehr als 600 Millionen Jahren gibt und die sich im Hochgebirge ebenso ausbreiten kann wie in den Tropen, eine solche Spezies dürfte allerhand Überlebenskünste entwickelt haben. Nur eines können diese spektakulären Kleckse nicht. Sie blühen nie.

Auf der Lockwitzer Mauer zeigt sich deutlich: Flechten sind Lückenbüßer. Sie wachsen, wo sonst nichts wächst. Manche können unbeschadet Frost und Trockenstress überstehen. Angeblich wurden sie sogar schon auf Glas und Gummi und auf verrosteten Autokarosserien entdeckt. Auf Beton sowieso. „Wenn er nicht gerade frisch gegossen ist“, sagt Andreas Gnüchtel spöttisch. Bei solchen Geschichten bleibt er skeptisch. Das gilt genauso für die Speisepläne von Zukunftsforschern. Sie schwärmen vom Nährstoffpotenzial der Flechten. Im Dresdner Hygienemuseum sollte dieser Tage eine Konferenz zum Thema „Future Food“ stattfinden. Vermutlich wären Flechten serviert worden. „In Japan gibt es das, eine bestimmte Art der Nabelflechten wird für Speisen verwendet. Na ja. Kann sein.“ Pause. „Bei diesen winzigen Geschöpfen muss man schon lange sammeln, um satt zu werden.“ Außerdem wachsen die meisten sehr, sehr langsam.

Die Gewöhnliche Gelbflechte war eine Weile in Sachsen verschollen, seit 2000 ist sie sogar an Bäumen in stark befahrenen Straßen zu entdecken.
Die Gewöhnliche Gelbflechte war eine Weile in Sachsen verschollen, seit 2000 ist sie sogar an Bäumen in stark befahrenen Straßen zu entdecken. © J. Loesel, loesel-photographie.d

Doch so abwegig ist das Ganze nicht. Es klingt durchaus kulinarisch, wenn Gnüchtel das Zwitterwesen erklärt. Man darf nur nicht an Sushi und Goldröhrling denken, wenn er von Alge und Pilz spricht. Hier geht es um eine millimetergroße Beziehung, die nach Liebe aussieht oder wenigstens nach einer Zweckgemeinschaft. Sie wurde erst im späten 19. Jahrhundert entdeckt: Die Alge liefert mithilfe von Fotosynthese die Kohlenhydrate, der Pilz revanchiert sich mit mineralischen Nährstoffen, mit Unterkunft und Schutz vor Austrocknung. Fast wäre man geneigt, politisch korrekt von einem Verhältnis auf Augenhöhe zu reden. Doch der Kenner zerstört das Bild trauter Zweisamkeit: „Der Pilz hat das Sagen! Die Alge führt ein Sklavendasein! Das klingt hart, ist aber so.“ Vom Wohnort des Pilzes hängt alles andere ab.

Begeistert erzählt Andreas Gnüchtel von jenen Flechten, die das Gestein in den Alpen oder im Osterzgebirge bedecken, leuchtend gelb bis olivgrün. Die scharf voneinander abgegrenzten kantigen Felder wirken wie Länder und die schwarzen Fruchtkörper darin wie Städte. Die Landkartenflechte kann Tausende Jahre alt werden und wird deshalb zum Bestimmen des Gletscherrückgangs genutzt. Andere Arten dienen der Untersuchung der Luftqualität, weil sie empfindlich auf Abgase reagieren. Bioindikatoren, sagt der Fachmann. Die Schwefelflechte an den schattigen Felsen der Sächsischen Schweiz ist aber auch schön. Rund 370 Flechtenarten gibt es im Elbsandstein. Viele mögen das Kellerklima. Andere bevorzugen eine sonnige Aussicht. In der hintersten Ecke existiert sogar die seltene Wolfsflechte. Sie liebt Nadelbäume, vor allem Lärchen, und sieht aus wie ein gelbgrüner Zottelbart. Vorsicht vor Berührung! Am Gift sollen schon Wölfe gestorben sein. Es ist der einzige Standort in Deutschland, sagt Gnüchtel, den er kennt. Aber er sagt ihn nicht weiter.

Häufiger findet er seine Lieblinge auf Friedhöfen und am meisten dort, wo Grabsteine in Ruhe verwittern dürfen. Die unterschiedlichsten Gesteinsarten, die alten Bäume, die schattigen Wege, das macht Friedhöfe zu einem Paradies für Flechten. „Man muss sie nur lassen und nicht so viel putzen“, sagt Andreas Gnüchtel. „Flechten sind keine Krankheit. Sie schaden dem Stein nicht, denn sie haben keine Wurzeln. Sie schaden auch Bäumen nicht, weil sie nicht als Parasiten leben wie etwa der Hallimasch.“ Oft lohnt sich ein Blick auf die Rückseite eines Grabsteins. Reizende Rosetten. Auch Einfassungen zeigen sich oft bewohnt. Flechten sind gern mal Kantenhocker. Insgesamt sind für Sachsen rund 1.000 Arten bekannt, weltweit etwa 25.000. Zu den berühmtesten zählt eine Flechte mit dem irreführenden Namen Isländisches Moos. Die verzweigten graugrünen Triebe ähneln kleinen Geweihen. Schon im 17. Jahrhundert war die heilkräftige Wirkung gegen Husten und Halsentzündung bekannt. Inzwischen sieht das der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel der EU genauso. Das kann man schriftlich kriegen. „Ich habe solche Pastillen schon gelutscht“, sagt Andreas Gnüchtel. Wer, wenn nicht er.

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Das Isländische Moos erkennt er sofort. Zweifelsfälle müssen unterm Mikroskop seziert werden. Manche geben ihr Geheimnis erst nach chemischer Behandlung preis. Sie wechseln die Farbe. Oder auch nicht. Die Gewöhnliche Gelbflechte reagiert auf Kalilauge purpurrot. Gnüchtel nutzt das Labor des Instituts für Botanik der TU Dresden, wo er zuletzt arbeitete. Seine Flechtenbelege und seine Sammlung von 10.000 getrockneten Pflanzen hat er dem „Herbarium Dresdense“ der Uni übergeben. Eine kostbare Datenbank. Die ersten Exemplare stammen aus dem 18. Jahrhundert.

Obwohl Andreas Gnüchtel von Haus aus Mathematiker ist, zählt er nicht, wie viele Flechten er selbst entdeckt hat. Solche Art Wettbewerb lehnt er ab. Es kommen sowieso ständig neue hinzu.

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