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Autoschieber-Prozess nach 60 Sitzungstagen geplatzt

Ende eines spektakulären Verfahrens: Erstmals musste sich eine komplette Bande mutmaßlicher Autodiebe vor Gericht verantworten. Jetzt sind sie frei.

Verfahren beendet - nach eineinhalb Jahren platzt ein Prozess am Landgericht Dresden gegen fünf mutmaßliche Autoschieber. Es soll einer der ersten Prozesse gegen eine komplette polnische Bande auf deutschem Boden gewesen sein.
Verfahren beendet - nach eineinhalb Jahren platzt ein Prozess am Landgericht Dresden gegen fünf mutmaßliche Autoschieber. Es soll einer der ersten Prozesse gegen eine komplette polnische Bande auf deutschem Boden gewesen sein. © Robert Michael

Dresden. Nach mehr als 60 Verhandlungstagen ist am Freitag ein aufwendiger Prozess gegen die mutmaßlichen Hintermänner einer polnischen Autoschieber-Bande geplatzt. Der Grund ist die schwere Erkrankung einer Schöffin. Zwei Angeklagte wurden noch am Freitag aus der Untersuchungshaft entlassen.

Es ist ein spektakuläres Verfahren. Im April 2018 durchsuchten polnische und sächsische Polizisten Wohnungen, Garagen und Werkstätten einer mutmaßlichen Bande von Autodieben im Raum Zgorzelec. Die Männer hatten sich auf hochwertige Limousinen aus Sachsen, Thüringen, Bayern und Baden-Württemberg spezialisiert.

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Im Mai 2019 begann der Prozess am Landgericht Dresden gegen fünf damals 25- bis 36-jährige Angeklagte. Erstmals musste sich eine komplette polnische Bande mutmaßlicher Autoschieber vor einem deutschen Gericht verantworten. Ihnen wird schwerer Bandendiebstahl in zahlreichen Fällen vorgeworfen.

Von den zunächst sieben Angeklagten waren nur fünf zum Prozessauftakt anwesend. Ein Mann war untergetaucht, ein zweiter zwischenzeitlich in Polen verhaftet worden. Doch auch im weiteren Verlauf kamen dem Gericht noch weitere angeklagte abhanden. Im Frühjahr 2020 waren zwei Angeklagte, die nicht in U-Haft saßen, aufgrund der pandemiebedingten Reiseeinschränkungen nicht mehr in der Lage, aus Polen zu ihrem Prozess am Landgericht Dresden zu fahren.

Die Männer hätten nach ihrer Einreise in Quarantäne gemusst. Das Gericht hatte die beiden Angeklagten daher von dem Verfahren abgetrennt, um später in einem neuen Prozess gegen sie zu verhandeln. 

Seit Ende August keine Sitzung mehr

Im Sommer kam ein weiterer Angeklagter nach seiner Entlassung aus der U-Haft nicht mehr aus Polen zurück. Die polnische Justiz hatte den Mann verhaftet, um eine einjährige Freiheitsstrafe zu vollstrecken. Allerdings, so ein Sprecher des Landgerichts, wäre der Angeklagte für den Prozess nach Sachsen überstellt worden. Doch soweit kam es jetzt nicht mehr. 

Seit Ende August konnte aufgrund der Erkrankung der Schöffin kein Sitzungstag mehr stattfinden. Das berichteten nun Gesa Israel und Alexander Hübner, die Verteidiger der letzten beiden verbliebenen Angeklagten. Das Gericht habe alles mögliche unternommen, um die Hauptverhandlung zu retten. Das Verfahren sei so lange wie möglich unterbrochen worden. Am Freitag jedoch stellte auch ein zweiter medizinischer Gutachter fest, dass die Schöffin nicht verhandlungsfähig sei.

Der Vorsitzende Richter Christian Linhardt hat daraufhin die Haftbefehle gegen die letzten beiden Angeklagten aufgehoben. Grzegorz C., der mutmaßliche Kopf der Bande, durfte das Gefängnis nach mehr als zweieinhalb Jahren in U-Haft verlassen. Der Mitangeklagte Kamil W. war seit Frühjahr 2019 inhaftiert. Er habe sich selbst für dieses Verfahren gestellt, sagte Anwältin Israel.

Verstrichene Zeit wirkt strafmildernd

Offiziell ist die Hauptverhandlung noch nicht ausgesetzt, sagte Landgerichtssprecher Thomas Ziegler. Die Kammer werde das erst 25. November, mit dem Ablauf der maximalen Unterbrechungsfrist beschließen.

Faktisch jedoch ist das Verfahren geplatzt und muss mit einer neuen Besetzung des Gerichts wiederaufgenommen werden. Wann das passiert, ist noch nicht klar. Wahrscheinlich ist jedoch, dass es einige Monate dauern kann, denn das Verfahren ist nun keine sogenannte Haftsache mehr, nachdem alle Angeklagten aus der Untersuchungshaft entlassen werden mussten. Haftsachen müssen von den Gerichten bevorzugt verhandelt werden, aufgrund der massiven Eingriffe in die Freiheitsrechte der Betroffenen. 

Natürlich wirkt sich die verstrichene Zeit auch strafmildernd aus. Schon im Herbst 2018 hatte eine andere Kammer des Landgerichts Dresden einen mutmaßlichen Komplizen dieser Autoschieber-Bande zu einer Freiheitsstrafe von sechseinhalb Jahren verurteilt. Der Mann hatte als Kurier ein gutes Dutzend Autos nach Polen gefahren. Seine Entdeckung - es gab schöne Blitzerfotos von dem Mann am Steuer gestohlener Autos auf dem Weg nach Polen -  war einer der Gründe, wie die sächsischen Fahnder überhaupt auf die Bande in Polen kommen konnten.

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