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Zwei starke Frauen räumen ihren Posten

Die beiden Oberbürgermeisterinnen Barbara Ludwig und Pia Findeiß treten in Chemnitz und Zwickau zeitgleich ab. Was erwartet ihre Nachfolger?

Am Sonntag sind OB-Wahlen in Chemnitz und Zwickau. Barbara Ludwig (l.,SPD) und Pia Findeiß (SPD) werden dann ihr Amt abtreten.
Am Sonntag sind OB-Wahlen in Chemnitz und Zwickau. Barbara Ludwig (l.,SPD) und Pia Findeiß (SPD) werden dann ihr Amt abtreten. © dpa

Rechter Terror, rechte Ausschreitungen: Zwickau hat den NSU, Chemnitz die Demonstrationen im August 2018. Das Image beider Städte galt deshalb als angeschlagen bis lädiert und ist es zum Teil bis heute.

Das hat die Amtszeit der beiden SPD-Oberbürgermeisterinnen Pia Findeiß und Barbara Ludwig geprägt. Kurz vor den OB-Wahlen am Sonntag schauen Chemnitz und Zwickau selbst aber lieber in die Zukunft. Chemnitz will 2025 Europas Kulturhauptstadt werden. Zwickau will als Automobilstadt mit der ersten E-Auto-Fabrik von Volkswagen in Sachen Elektromobilität ganz vorn mitspielen.

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Zum Ende der Amtszeiten ein Blick zurück: Am 4. November jährt sich zum neunten Mal das Auffliegen der rechtsextremen Terrorgruppe, die zuletzt in Zwickau lebte. Chemnitz war vor zwei Jahren tagelang im Ausnahmezustand, nachdem Daniel H. am Rande des Stadtfests von einem Asylbewerber erstochen worden war. Es folgten Demonstrationen, bei denen auch der Hitlergruß gezeigt wurde. Plötzlich standen Zwickau und Chemnitz unfreiwillig im Rampenlicht - und am Pranger.

Chemnitz: hip, urban und kreativ

Während die Zwickauer Oberbürgermeisterin Findeiß für ihre Haltung gegen rechts vom Internationalen Auschwitz Komitee ausgezeichnet wurde, musste sich Rathauschefin Ludwig den Vorwurf gefallen lassen, "ihre" Chemnitzer nicht entschieden genug gegen den Vorwurf einer braunen Stadt verteidigt zu haben. Das ist der Blick von außen.

Der Blick aus dem Inneren geht in eine andere Richtung: die Zukunft. Während sich Chemnitz nicht zuletzt über das Thema Industriekultur seit einigen Jahren neu erfindet und inzwischen durchaus als hip, urban und kreativ gilt, hat Zwickau mit seinen berühmten Söhnen Max Pechstein und Robert Schumann Pfunde, mit denen die viertgrößte Stadt Sachsens kräftig wuchert. Die beiden Innenstädte haben sich fein herausgeputzt und wirtschaftlich betrachtet gilt ohnehin ganz Südwestsachsen als Motor der Entwicklung im Freistaat.

Zwei Frauen und sieben Männer kandidieren

Und der fördert die Chemnitzer Bewerbung für Europas Kulturhauptstadt 2025 nach Kräften: Sollte Chemnitz den Titel holen, gibt es 20 Millionen Euro aus der Landeshauptstadt. Ein gewaltiges Konjunkturpaket für die einstige Industriestadt, die lange im Schatten von Dresden und Leipzig stand. "Chemnitz ist plötzlich im Fokus. Da kann man nicht mehr vorbeigucken oder nur hingucken, wenn irgendetwas schiefgeht oder etwas Schlimmes passiert. Sondern Chemnitz ist dann auf der europäischen Karte", sagt Barbara Ludwig in einem Imagefilm zur Bewerbung, die sie maßgeblich initiiert hat.

Wenn die Entscheidung Ende Oktober für oder gegen Chemnitz fällt, steht schon fest, dass Ludwig nach 14 Jahren an der Stadtspitze nicht mehr Rathauschefin ist. Zwei Frauen und sieben Männer kandidieren um das Spitzenamt in der drittgrößten sächsischen Stadt. Ob am Ende wieder eine Frau das Rennen macht, ist schwer abzusehen. Mit großer Wahrscheinlichkeit fällt die endgültige Entscheidung erst im zweiten Wahlgang am 11. Oktober.

Zurück zur Schule?

In Zwickau hingegen scheint relativ sicher, dass wieder eine Chefin ins Rathaus einzieht. Drei der fünf Kandidierenden sind Frauen. Die Favoritenrolle hat die bisherige Baubürgermeisterin Kathrin Köhler (CDU) inne. Findeiß wird nach zwölf Jahren vor Ablauf ihrer zweiten Legislatur in den Ruhestand gehen. Zu ihrer Nachfolge hält sich die SPD-Politikerin bedeckt. Nur so viel: Dass eine der drei Kandidatinnen und damit eine Frau die Nase vorn hat, das wäre ihr Wunsch, sagte Findeiß.

Was haben die beiden Frauen nach ihrem Rückzug aus der Politik vor? Findeiß will mit 64 Jahren mehr Zeit mit Enkelkindern und Familie verbringen. "Konkretere Pläne habe ich im Moment noch nicht. Erstmal ankommen, erstmal Abstand." Nach 26 Jahren als Kommunalpolitikerin will sie ihr Mandat im Kreistag behalten und ihrer Heimatstadt treu bleiben. Ludwig - mit Jahrgang 1962 etwas jünger - liebäugelte öffentlich immer wieder einmal mit ihrem eigentlichen Beruf als Lehrerin. Mit höheren Ämtern soll nach Kulturdezernentin, sächsischer Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst sowie SPD-Bundesvorstand hingegen Schluss sein.

Wohnhaus mit Steinen beworfen

Die Fußstapfen für eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger sind in beiden Fällen nicht ohne: Findeiß und Ludwig gelten als starke, durchsetzungsfähige Frauen. Beiden wird zudem von vielen bescheinigt, an ihrem Amt gewachsen zu sein. So musste Findeiß nicht zuletzt durch Anfeindungen und Bedrohungen von rechts, die bis ins Private hineingingen - einen Steinwurf auf ihr Wohnhaus inklusive - viel aushalten.

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"Natürlich macht das etwas mit einem. Aber im Nachhinein kann ich das einordnen. Was mir viel mehr zu denken gibt, ist die gesamtgesellschaftliche Frage nach Mitmenschlichkeit." Der Aufschrei nach dem Absägen eines gerade erst gepflanzten Gedenkbaums für Enver Simsek, dem ersten Mordopfer des NSU, im letzten Herbst habe gezeigt, dass viele Zwickauer inzwischen eine andere Haltung zu diesem Kapitel Stadtgeschichte entwickelt hätten. Hinschauen statt wegducken: Auch Chemnitz thematisiert die Brüche seiner Historie auf dem Weg zur Kulturhauptstadt offensiv. Damit beim "Nischel", dem legendären Karl-Marx-Denkmal, wieder andere Bilder in den Sinn kommen als die vom Sommer vor zwei Jahren. (dpa)

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