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Sachsen will KI-Land werden

Der Freistaat soll bis 2025 zu einem der führenden deutschen Forschungs- und Innovationsstandorte werden. Dazu gehört auch, den Menschen die Angst zu nehmen.

Christian Mayr von der TU Dresden zeigte in Leipzig einen Superrechner, der das menschliche Gehirn simuliert.
Christian Mayr von der TU Dresden zeigte in Leipzig einen Superrechner, der das menschliche Gehirn simuliert. © sächsische zeitung

Der bekannte KI-Experte Richard Socher, aufgewachsen in Dresden, macht sich Sorgen, dass in Deutschland die Skepsis gegenüber Künstlicher Intelligenz (KI) so stark ist, dass der Mut fehle, neue Technologien auszuprobieren. „Das birgt die Gefahr, dass Deutschland im internationalen Wettbewerb zurückfallen könnte. Wenn es keine großen KI-Firmen gibt, wird Deutschland an Bedeutung verlieren“, warnte der Informatiker und Ex-Chefwissenschaftler im Sommer im Sächsischen Industrieclub.

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Mit dem Oberbegriff KI werden Anwendungen und Systeme beschrieben, die in der Lage sind, Aufgaben zu lösen, die bisher nur als vom Menschen lösbar galten. Durch Verfahren des maschinellen Lernens können Maschinen und Rechner Zusammenhänge in riesigen Datenmengen erkennen und relativ selbstständig Lösungen finden. So bildet sich die motorische Intelligenz des Menschen in der Robotik ab oder die virtuelle Intelligenz in der Bildverarbeitung und Computer-Vision.

Rainer Gläß, Vorstandschef von GK Software in Schöneck (Vogtland), sieht das ähnlich. „Viele Hidden Champions wie Putzmeister oder Kuka werden von chinesischen Firmen gekauft. Damit fließt Know- how nach China ab, die sich immer mehr zur digitalen Weltmacht entwickeln“, betonte er am Donnerstagabend auf dem 6. Zukunftsforum der Initiative Simul+ des sächsischen Regionalentwicklungsministeriums in Radebeul. In Sachsen sei die KI noch unterrepräsentiert, kritisierte Gläß.

Viele Unternehmen würden auf einem riesigen Datenschatz aus produzierenden Maschinen und Geräten sitzen, mit denen sich eine eigene Plattformökonomie begründen lassen könnte, so die Vision des Software-Unternehmers. Er fordert den Aufbau eines Forschungsinstituts für KI-Anwendungen, am besten in Südwestsachsen. Seine Botschaft an diesem Abend: „Die KI bringt mehr Chancen als Risiken. In Zeiten der Veränderungen kann man Boden gutmachen und wirtschaftlich erfolgreich sein.“ Sein Unternehmen mit derzeit rund 1.500 Beschäftigten investiert nach eigenen Angaben in KI-Lösungen.

Bestehenden Stärken in Forschung bündeln

Genau das will die Landesregierung nun angehen. Sachsen soll bis zum Jahr 2025 zu einem der führenden deutschen Forschungs- und Innovationsstandorte für Künstliche Intelligenz (KI) werden. Wie das gelingen soll, dazu wurde auf Initiative von Staatskanzlei-Chef Oliver Schenk in den vergangenen eineinhalb Jahren gemeinsam mit Wirtschaft und Wissenschaft eine Strategie erarbeitet. Diese wurde am 7. September vom Kabinett beschlossen und jetzt auf einem Kongress „KI in Sachsen 2021“ in Leipzig vorgestellt.

Für den Hochtechnologie-Standort Sachsen sei es von großer Bedeutung, die bestehenden Stärken in Forschung und Wissenschaft in diesem Bereich zu bündeln und noch bekannter zu machen, sagte Ministerpräsident Michael Kretschmer zum Auftakt. Auf ein KI-Forschungsinstitut in Südwestsachsen muss Rainer Gläß vorerst noch warten, aber bei der Digitalagentur Sachsen soll eine Kompetenzstelle KI etabliert werden, um die Vernetzung der verschiedenen Akteure zu verbessern.

„Wenn KI eine Schlüsseltechnologie ist, dann brauchen wir eine ehrgeizige Strategie und müssen Felder definieren, in denen wir uns besonders engagieren wollen und dafür dann auch die Ressourcen bereitstellen“, betonte Schenk. So soll die KI-Forschung in Sachsen weiter ausgebaut werden. Besonderes Augenmerk gilt dabei dem Transfer der Forschungsergebnisse in erfolgreiche Produkte und Dienstleistungen. Nicht nur Großkonzerne, auch kleine und mittlere Firmen in Sachsen sollen die Möglichkeit erhalten, KI-Lösungen in ihren Betriebsabläufen und in der Produktion testen zu können. Entsprechend müssen die Rahmenbedingungen für KI-Fachkräfte, Start-ups wie etablierte Firmen etwa aus dem Handwerk verbessert werden. An dem Dialogprozess, über sechs Online-Seminare verteilt, waren neben dem Branchenverband Silicon Saxony e. V. auch die sächsischen Handwerkskammern beteiligt.

Akzeptanz und Vertrauen in der Bevölkerung schaffen

Weiterer Schwerpunkt ist, Akzeptanz und Vertrauen in der Bevölkerung zu schaffen. Dabei spielen die Schulen sowie Aus- und Weiterbildung eine wichtige Rolle. Wo da im Alltag die Probleme liegen, wurde auf dem Kongress deutlich. Maria Piechnick, Mitgründerin von Wandelbots, schilderte von den Mühen, ein Robotikprojekt an der Berufsschule für Elektrotechnik in Dresden umzusetzen. „Wir beschäftigen uns damit seit eineinhalb Jahren und das ist für ein Start-up sehr lang“, so Piechnick. In diesem Herbst soll es nun starten. Es komme darauf an, diese Technologien einfach und zugänglich zu gestalten.

Zum Abschluss des ganztägigen Kongresses wurde diskutiert, wie ein verantwortungsbewusster Umgang mit Daten und KI aussehen muss. „Wir müssen von Anfang an dafür sorgen, dass die Menschen einer Technologie vertrauen, die sie nur bedingt verstehen“, betonte Gesine Märtens, Staatssekretärin im sächsischen Justizministerium. Das erfordere eine staatliche und politische Garantie, dass KI-Entscheidungen und Prognosen sicher seien. Eine solche Garantie könnte ein Beirat für digitale Ethik sein, so Märtens. In der Strategie des Freistaats ist verankert, einen solchen Beirat mit Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft, aber auch Zivilgesellschaft zu bilden.

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