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Sachsens Kinder in Corona-Zeiten stärker gefährdet

Misshandlungsfälle und Vernachlässigungen haben 2020 in Sachsen deutlich zugenommen. Nun wird über die Ursachen dafür gestritten.

Von Gunnar Saft
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Sachsens Jugendämter stießen 2020 auf wesentlich mehr Fälle von akuter Kindeswohlgefährdung als im Jahr zuvor.
Sachsens Jugendämter stießen 2020 auf wesentlich mehr Fälle von akuter Kindeswohlgefährdung als im Jahr zuvor. © Symbolfoto: Nicolas Armer/dpa

Sächsische Kinder sind im ersten Corona-Jahr deutlich mehr Gefährdungen in ihren Familien oder durch ihre Betreuungspersonen ausgesetzt gewesen als vor der Pandemie. Das geht aus aktuellen Angaben von Sozialministerin Petra Köpping (SPD) auf eine Anfrage der AfD-Landtagsfraktion hervor.

Demnach ist 2020 die Zahl der Fälle, bei denen Jugendämter eine vermutete Kindeswohlgefährdung überprüfen mussten, um ein Drittel gestiegen. Waren 2019 noch 6.267 solcher Verfahren notwendig, erhöhte sich deren Zahl im Vorjahr auf 8.335. Noch stärker als die angeordneten Prüfungsverfahren nahmen 2020 dann aber die Fälle zu, bei denen die Kontrollen tatsächlich eine akute Kindeswohlgefährdung ergaben.

Der Anstieg auf mittlerweile 1.550 Fälle lag hier sogar bei 40,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch die Zahl der festgestellten „latenten Kindeswohlgefährdungen“, bei denen weniger gravierende Verstöße als bei den akuten Fällen vorliegen, war mit 1.596 deutlich höher als 2019. Der Anteil der Prüffälle, bei denen Mitarbeiter der öffentlichen Jugendhilfe vor Ort auf keine Kindeswohlgefährdung stießen, nahm dagegen ab.

Laut Angaben des Sozialministeriums bekamen die Jugendämter im vergangenen Jahr die meisten Hinweise auf vermutete Gefährdungen von Kindern von der Polizei sowie von den Gerichten und Staatsanwaltschaften. Zahlenmäßig folgten danach anonyme Verdachtsmeldungen. Aber auch aus medizinischen Einrichtungen, aus Schulen und Kitas sowie von Bekannten oder Nachbarn würden entsprechende Hinweise eintreffen, heißt es.

Wissenschaftliche Untersuchungen laufen noch

Die höheren Fallzahlen von Vernachlässigungen, körperlichen und psychischen Misshandlungen oder sexueller Gewalt gegen Kinder sorgen nun für Debatten. „Der massive Anstieg von Vernachlässigungen und Misshandlungen an Kindern zeigt die dramatischen Folgen der Lockdown-Politik“, ist dabei der Landtagsabgeordnete Rolf Weigand (AfD) überzeugt. Er macht dafür vor allem die CDU-geführte Staatsregierung verantwortlich, die mehrfach Schul- und Kita-Schließungen angeordnet hatte. „Natürlich mutet die Pandemie auch Kindern und Jugendlichen viel zu. Wir unternehmen alles, um die Belastungen so gering wie möglich zu halten und die Jugendhilfe zu unterstützen“, meint CDU-Sozialpolitiker Alexander Dierks. „Die Jugendämter leisten unter schwierigen Bedingungen der Pandemie eine gute Arbeit, nun müssen wir diese Zahlen tiefgehend analysieren und die richtigen Schlüsse ziehen.“

Auch das Sozialministerium räumt höhere Pandemie-Belastungen für Familien ein. Ein direkter Zusammenhang zum Anstieg von Gewaltdelikten gegen Kinder sei aber derzeit „nicht verifizierbar“. Die wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema wären noch nicht abgeschlossen.