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Fichten fliegen aus der Kirnitzschklamm

Erstmals werden in der Sächsischen Schweiz Borkenkäferbäume per Hubschrauber geborgen. Eine spektakuläre Aktion im extremen Gelände.

Von Dirk Schulze
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Baum am Seil: Der Hubschrauber transportiert eine abgestorbene Fichte von der Oberen Schleuse bei Hinterhermsdorf ab.
Baum am Seil: Der Hubschrauber transportiert eine abgestorbene Fichte von der Oberen Schleuse bei Hinterhermsdorf ab. © Mike Jäger

Kaum ein Mensch ist zu sehen an der Buchenparkhalle in Hinterhermsdorf. Auch wenn der Buß- und Bettag in Sachsen ein Feiertag ist, bei vier Grad und neblig-feuchtem Novemberwetter treibt es nur wenige bis hier heraus für eine Wanderung durch die Sächsische Schweiz. Eine Familie mit zwei Kindern biegt ins Erlebnisgelände Waldhusche ein, dann ist Stille auf dem fast leeren Parkplatz. Nur wer ganz genau hinhört, kann in der Ferne ein dumpfes Brummen erahnen.

Die Wanderroute hinunter zur Oberen Schleuse führt durch nasses Laub und an grün bemoosten Felsen vorbei. Als der schmale Pfad nach dem Abstieg über rutschigen Holzstufen auf einen breiten Schotterweg trifft, weitet sich auch der Blick. Eine Baumlänge links und rechts des Talwegs sind die Hänge kahlgeschlagen, nur in einiger Entfernung ragen die graubraunen Fichten noch in den Himmel. Die meisten tragen längst keine Nadeln mehr, die Rinde hängt in Fetzen von den Stämmen.

Verkehrssicherung heißt es in der Fachsprache der Förster, wenn das Holz entlang der Wege geschlagen wird. Die vom Borkenkäfer abgetöteten Fichten dürfen besonders die Rettungswege nicht blockieren. Bevor sie unkontrolliert zusammenbrechen, werden sie deshalb auch im Nationalpark gefällt. Was angesichts des flächendeckenden Befalls schon entlang der Forststraßen eine Herausforderung bedeutet, ist in einer engen Felsschlucht wie der Kirnitzschklamm beinahe unmöglich.

Erstmals ein Helikopter gegen den Borkenkäfer im Einsatz

Die toten Bäume stehen hier auf schmalen Felsvorsprüngen, teils zwanzig, dreißig Meter über dem kleinen Stausee an der Oberen Schleuse. Die Kahnfahrt auf dem Grenzfluss Kirnitzsch zieht jährlich bis zu 50.000 Touristen an. Damit die Kähne auch im kommenden Sommer noch übers Wasser gleiten können, ist an diesem Tag erstmals ein Hubschrauber im Einsatz. Er soll die absturzgefährdeten Fichten ausfliegen.

Forstarbeiter im extremen Gelände: Tschechische Spezialisten fällen die Fichten im Felshang und hängen sie dann ans Seil des Helikopters.
Forstarbeiter im extremen Gelände: Tschechische Spezialisten fällen die Fichten im Felshang und hängen sie dann ans Seil des Helikopters. © Mike Jäger

Zwei Forstarbeiter warten hoch oben über der Schlucht an einer Felskante. Ihre signalfarbene Schutzkleidung leuchtet durch die Baumwipfel auf der tschechischen Seite der Klamm herunter zur Kahnstation unten im Tal auf der deutschen Seite. Das Grollen aus der Ferne schwillt immer weiter an. Schlagartig wird es zum ohrenbetäubenden Knattern. Der Hubschrauber taucht über den Felsspitzen auf.

Die Maschine fliegt eine halbe Drehung und schwenkt langsam über den Waldarbeitern ein. Die langen Rotorblätter schwingen mit rhythmischem Pfeifen durch die Luft. Der erzeugte Wind ist so stark, dass sich die Bäume am Steilhang meterweit zur Seite biegen. Unten fegt ein regelrechter Sturm durch die Klamm. Zweige und Blätter wirbeln umher, das Wasser der Kirnitzsch schlägt Wellen entgegen der Strömung, Worte sind nicht mehr zu verstehen.

Forstarbeiter am Felshang

Die Männer oben auf dem Fels stehen äußerlich unbeeindruckt inmitten dieses Orkans, nur einen Fußbreit vom Abgrund entfernt. Während der Helikopter über der Schlucht schwebt, greifen sie nach dem herabhängenden Seil und befestigen es an einem gefällten Baum. Der Pilot hält den großen Transporthubschrauber währenddessen ruhig in Position. Auf ein Signal zieht er behutsam an. Der tonnenschwere Stamm richtet sich langsam auf und schwebt dann am Seil hängend durch die Luft davon.

Bei der vom Nationalpark Böhmische Schweiz beauftragten Spezialfirma handelt es sich um das gleiche Unternehmen, das Anfang des Jahres bereits den neuen Holzpavillon auf den Gipfel des Marienfelsens eingeflogen hat. Noch vergangene Woche war nicht genau klar, wann der Hubschraubereinsatz startet. Es sei immer von den Witterungsbedingungen abhängig, erklärte Tomáš Salov, Sprecher des böhmischen Nationalparks. Am Dienstagabend ist die Maschine schließlich in der Region gelandet.

Am Dienstagabend ist der Helikopter in der Böhmischen Schweiz gelandet.
Am Dienstagabend ist der Helikopter in der Böhmischen Schweiz gelandet. © Tomas Salov

Die spektakuläre Fällaktion auf tschechischer Seite der Kirnitzschklamm kostet laut Vorabschätzung rund 73.500 Euro. Die Summe wird zunächst von der Stadt Sebnitz vorgestreckt, die Betreiber der Kahnfahrt auf der Oberen Schleuse ist. Über eine verminderte Pacht erhält die Stadt das Geld später vom Freistaat Sachsen zurück. Diese grenzüberschreitende Lösung wurde nach längeren Verhandlungen von Sachsens Umweltminister Wolfram Günther (Grüne) und dem tschechischen Umweltministerium in Prag eingefädelt. Tschechien hatte kein eigenes Interesse die Bäume zu fällen, da nur die Stadt Sebnitz mit der Kahnfahrt Geld verdient.

Größerer Hubschraubereinsatz im Nationalpark geplant

Ein zweiter, noch umfangreicherer Hubschraubereinsatz soll in wenigen Wochen auf der deutschen Seite der Klamm folgen. Der Nationalpark Sächsische Schweiz rechnet dafür mit Kosten von rund 220.000 Euro. Aus rechtlich-organisatorischen Gründen muss jedes Land einen eigenen Hubschrauber beauftragen, weshalb die Einsätze dies- und jenseits der Grenze getrennt stattfinden. Zudem war die Zersetzung der Borkenkäferbäume auf tschechischer Seite schon so weit fortgeschritten, dass die Kahnfahrt aus Sicherheitsgründen bereits Mitte Oktober stoppen musste und damit zwei Wochen vor dem eigentlichen Saisonfinale.

Lebensgefahr: Der Wanderweg entlang der Oberen Schleuse ist während des Hubschraubereinsatzes gesperrt, das Wasser abgelassen. Die Kahnfahrt soll im Frühjahr 2022 wieder starten.
Lebensgefahr: Der Wanderweg entlang der Oberen Schleuse ist während des Hubschraubereinsatzes gesperrt, das Wasser abgelassen. Die Kahnfahrt soll im Frühjahr 2022 wieder starten. © Mike Jäger

Es dauert nur drei oder vier Minuten, dann ist der Hubschrauber zurück. Das Trageseil baumelt leer in der Luft, die Fichte hat der Pilot auf einer Ebene im böhmischen Teil des Nationalparks abgelegt. Diesmal fliegt er eine andere Stelle an, etwa 50 Meter weiter flussabwärts in der Klamm. Dort hockt ein zweites Team tschechischer Waldarbeiter im Felshang. Während sie eine dort gefällte Fichte anhängen, klettert Team Nummer eins weiter zum nächsten toten Baum und bereitet ihn zum Abtransport vor. So geht es immer im Wechsel.

Insgesamt sollen es rund 100 Bäume werden, die vom tschechischen Felshang abtransportiert werden. Bei dem kommenden Einsatz auf der deutschen Seite geht die hiesige Nationalparkverwaltung sogar von 350 Fichten aus, die ein Hubschrauber aus der Kirnitzschklamm fliegen muss.