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Die Müllerburschen vom Amselgrund

Sie war die Liebe seines Lebens, die Rathewalder Mühle. Als der Vater starb, fassten die Söhne einen Entschluss: Die Mühle soll leben.

Von Jörg Stock
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Die Bruderschaft und ihr Projekt: Sebastian, Tobias und Fabian Eisold führen das Lebenswerk ihres Vaters, die Rettung der Rathewalder Mühle, fort.
Die Bruderschaft und ihr Projekt: Sebastian, Tobias und Fabian Eisold führen das Lebenswerk ihres Vaters, die Rettung der Rathewalder Mühle, fort. © Steffen Unger

Wenn der Müller drei Söhne hat, darf nur einer die Mühle haben, und die anderen müssen sich mit Nutz- und Haustieren begnügen. So geht es im Märchen. In echt standen die Dinge anders, jedenfalls in der Rathewalder Mühle. Als der Müller starb, brannte keiner der Brüder darauf, das Erbe anzutreten. Sie waren Ingenieure und Unternehmer geworden, lebten ihr eigenes Leben. "Wir waren alle gut ausgelastet", sagt Sebastian, der Mittlere von den dreien. "Da war keine Luft für Experimente."

Der Amselgrund ist ein urwüchsiges Stück Erde. Etwa zwei Kilometer lang, verbindet er Hohnsteins Ortschaft Rathewalde mit dem Rathener Amselsee, treu begleitet vom Grünbach, der am Amselfall den höchsten Sprung eines Gewässers in der Sächsischen Schweiz vollführt. Durch diesen Grund wanderten vor zweihundert Jahren die kunstsinnigen "Entdecker" der Sächsischen Schweiz. Heute sind es die Touristen, die ihnen auf dem Malerweg folgen.

Die Rathewalder Mühle markiert das obere Ende des schluchtartigen Amselgrunds.
Die Rathewalder Mühle markiert das obere Ende des schluchtartigen Amselgrunds. © SZ Grafik

Jahrhundertelang drehte der Grünbach auch Mühlräder. Die frühesten Nachrichten von der Mühle im Amselgrund stammen vom Ende des 16. Jahrhunderts. Seit dem 18. Jahrhundert gibt es Bilder, um 1900 kamen die Postkarten dazu. Es war die Zeit, als aus der Schneide- und Mahlmühle eine populäre Einkehr wurde. Ihr Besitzer, Gustav Richard Ebert, lockte die Leute nicht nur mit Kaffee und Gebäck in seine "Kuchenschänke". Das Drumherum mit Veranda, Ruheplätzen auf Felsterrassen und einem Turmhäuschen, das hoch über allem am Berg klebte, entzückte die Sommerfremden.

Beim Wandern: Ein Technikerherz verliebt sich

Als Wolfram Eisold, Ingenieur für Elektro-Maschinenbau aus Tharandt, 1997 durch das Mühlenanwesen wanderte, war die einstige Sommerfrische längst am Vermodern. Bis 1990 hatten zwei volkseigene Betriebe hier ihre Ferienheime betrieben. Das Ende der DDR schien, nachträglich, auch die Mühle zu ereilen. Doch Eisold hatte eine Vision: Er wollte der neue Müller von Rathewalde sein.

Die Rathewalder Mühle Anfang des vorigen Jahrhunderts. Holz wurde mindestens noch bis in die 1930er hinein geschnitten.
Die Rathewalder Mühle Anfang des vorigen Jahrhunderts. Holz wurde mindestens noch bis in die 1930er hinein geschnitten. © Sammlung Eisold

"Unser Vater war vernarrt in die Mühle", sagt Sebastian Eisold. "Wenn sich etwas drehte und klapperte, schlug sein Technikerherz höher." Der Mittvierziger sitzt in der heimeligen Gaststube, die erweitert ist um einen luftigen Anbau Richtung Biergarten. All das hat noch der Senior gebaut, erzählt er. Wie so vieles. "Er hat hier jeden Stein in der Hand gehabt."

Die Gaststube ist jetzt geschlossen. Winterruhe. Sebastian Eisold trägt Arbeitsklamotten. Sein Bruder Fabian auch, dessen Kettensäge irgendwo draußen kreischt. Heute ist Mittwoch. Mittwochs ist immer Bautag bei den Eisolds. Dann kommen sie aus Tharandt hierher und arbeiten dafür, dass die Mühle einmal wieder so aussieht, wie auf den Postkarten. Es geht langsam, sagt Sebastian. "Aber es geht voran."

Die "Kuchenschänke" des Gustav Ebert auf einer Postkarte der Jahrhundertwende. Man erkennt Aussichtsterrassen und ganz rechts die Jägerklause.
Die "Kuchenschänke" des Gustav Ebert auf einer Postkarte der Jahrhundertwende. Man erkennt Aussichtsterrassen und ganz rechts die Jägerklause. © Sammlung Eisold

Nachdem Wolfram Eisold das Mühlengrundstück 2003 erworben hatte, setzte er zuerst die Gasträume und die Terrasse instand, um die Rathewalder Mühle als Einkehr wieder ins Gespräch zu bringen. Das funktionierte. Der hausgebackene Kuchen, etwa die bodenlose Eierschecke, und die Forellen, direkt am Weg nach Geheimrezept geräuchert, wurden zu Bestsellern.

Für die Mühle: Brüder krempeln ihr Leben um

Die Wirtschaft besorgten die Mädels der Familie - drei Generationen. Wolfram Eisold baute indes weiter. So rekonstruierte er die verfallene Sägemühle. Er wollte dem Grünbach wieder ein Rad zum Drehen geben. Neue Stützbalken für die Wasserzufuhr entstanden. Der Müller spielte sogar mit dem Gedanken, aus der Wasserkraft Strom zu machen, besorgte sich Turbinen und Steuertechnik, verlegte Rohre und grub dafür das halbe Grundstück um.

So sieht es heute im Ferienquartier Jägerklause aus. Die Wand des Wohnzimmers wird von gewachsenen Felsen gebildet.
So sieht es heute im Ferienquartier Jägerklause aus. Die Wand des Wohnzimmers wird von gewachsenen Felsen gebildet. © Steffen Unger

Das Schicksal wollte es anders: 2017 starb Wolfram Eisold. Sollte das Mühlenprojekt mit ihm beerdigt werden? Sebastian und Fabian, beide Maschinenbau-Ingenieure, und Tobias, Chef eines Catering-Services, taten sich schwer, Müller zu werden. Ihre Wochen waren ausgefüllt mit Job und Familie. Doch die Vorstellung von der Herzenssache des Vaters, die in fremde Hände fällt, behagte keinem, sagt Sebastian. "Das passte einfach nicht rein in den Kopf."

Und so passierte es: Die Rathewalder Mühle wurde zum Projekt der Bruderschaft. Dazu krempelten die drei ihr bisheriges Leben teilweise um. Einer hängte den Job ganz an den Nagel, der andere reduzierte ihn auf die Hälfte. Die beiden Ingenieure sind jetzt die Bauarbeiter. Für Tobias, der neben seinem Catering nun auch die Mühlengastronomie führt, hat sich vergleichsweise wenig geändert. "Alles eine Frage des Delegierens", sagt er.

Rustikal und zweckmäßig: Über dem einstigen Kuhstall ist ein Quartier für Rucksackwanderer entstanden, hier die Wohnküche.
Rustikal und zweckmäßig: Über dem einstigen Kuhstall ist ein Quartier für Rucksackwanderer entstanden, hier die Wohnküche. © Steffen Unger

Im Mai 2018 wurde das Gartenlokal neu eröffnet, wie eh und je mit Selbstgebackenem. Die "Kuchenschänke" soll ihrem Ruf treu bleiben. "Die Stachelbeertorte ist einfach der Hammer", sagt Tobias, "da kann sich die Eierschecke hinten anstellen." Zum Geld verdienen braucht es aber mehr. Und daran hatte der alte Müller mit seinem Technikerherz nicht gedacht: Ferienwohnungen.

Das Geschäft mit den Hausgästen läuft besser, als alle dachten. Hätte man das nur gleich gewusst, sagt Sebastian Eisold. Dann wäre die Entscheidung für die Mühle nicht so verdammt schwergefallen. Bisher gibt es Platz für 17 Leute. Viele Berliner kommen her, aber auch Tschechen, Holländer, Franzosen, Chinesen. Spontanbesuche sind eher nicht zu empfehlen. "Wir sind praktisch ausgebucht."

"Mal abschalten." Katrin und Joachim Laske aus Niesky, sonst überzeugte Ostsee-Urlauber, machen Ferien in der Sägestube.
"Mal abschalten." Katrin und Joachim Laske aus Niesky, sonst überzeugte Ostsee-Urlauber, machen Ferien in der Sägestube. © Steffen Unger

Die erste Unterkunft wurde vor drei Jahren fertig, in der Blockhütte Jägerklause, rustikal, mit blanker Felswand im Wohnzimmer. Es folgte das Matratzenlager für Rucksacktouristen, einfach und zweckmäßig, mit Badezimmer im alten Kuhstall. Das jüngste Projekt ist die Sägestube. Ein Ehepaar aus Niesky trägt gerade die Reisetaschen hinein. Mal ein bisschen im Wald sein, sagen sie, mal abschalten von dem ganzen Corona-Mist.

Wenn die zwei in ein paar Jahren wiederkommen, können sie durchs Fenster bestimmt schon ein acht Meter großes Wasserrad bei der Arbeit sehen. Die Balken fürs Gerinne sollen nicht umsonst gebaut sein, sagt Sebastian. Und wann werden die Müllerburschen ihren eigenen Strom mahlen? Dazu grinst er nur. Noch sind die Wochen dafür zu kurz. "Aber wenn der achte Wochentag erfunden ist, machen wir das."