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Wie viele Tiefflieger gibt's im Elbtal wirklich?

Die Sächsische Schweiz ist ein beliebtes Trainingsfeld für Bundeswehrpiloten, aber wie viel wird tatsächlich geflogen? Der Nationalpark hat mitgezählt.

Der Blick von der Pavillonaussicht auf die Sächsische Schweiz wird getrübt von einem tieffliegenden Hubschrauber.
Der Blick von der Pavillonaussicht auf die Sächsische Schweiz wird getrübt von einem tieffliegenden Hubschrauber. © Peter Jäger

Tiefflieger in der idyllischen Sächsischen Schweiz - das geht gar nicht. Zumindest, wenn man die Worte eines Liebstädters hört, den die militärischen Flugbewegungen aufregen. "Man hört sie schon lange vorher kommen", sagt er. "Sie kommen im Doppelpack aus Richtung Glashütte - tiefer als 600 Meter. Dann fliegen sie direkt auf das Schloss zu und ziehen kurz vorher hoch. Eine Schweinerei." Worte wie diese sind keine Seltenheit - immer wieder erheben sich Stimmen gegen Militärflieger über der Sächsischen Schweiz. Eine von ihnen ist der Bundestagsabgeordnete André Hahn von der Linken.

Nationalpark Sächsische Schweiz dokumentiert Militärflüge

Trotz langjähriger Bemühungen und wiederholten Anfragen von Seiten Hahns sieht sich die Luftwaffe der Bundeswehr nicht in der Lage, ihre Flüge zu dokumentieren, geschweige denn diese im Vorfeld anzukündigen. Da es keine Statistik gibt, fehlt es an Transparenz, die viele vermissen. Der Nationalpark Sächsische Schweiz führte jedoch in den vergangenen Jahren Protokoll über das Aufkommen von Militärmaschinen.

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Nationalpark Sächsische Schweiz // Grafik: Gernot Grunwald
Nationalpark Sächsische Schweiz // Grafik: Gernot Grunwald © Nationalpark Sächsische Schweiz // Grafik: Gernot

Die Statistik eines Mitarbeiters des Nationalparks, die bis ins Jahr 2003 zurückreicht, gewährt einen Einblick in den Flugbetrieb über der Sächsischen Schweiz. Jene Auflistung umfasst die fliegenden Düsenjäger, Militärhubschrauber und Transportflugzeuge über dem Gebiet der Sächsischen Schweiz, allen voran über dem Elbtal.

Laut Statistik reicht die Spanne von nur sechs bis hin zu 33 registrierten Fällen pro Jahr und ist damit relativ unregelmäßig. Während allerdings in den frühen Zweitausenderjahren noch im hohen Maße geflogen und gelärmt wurde, hat sich die Lage seit 2010 bis auf Einzelfälle etwas relativiert und ist seit 2015 sogar nur noch im einstelligen Bereich. Das ist zwar ein Erfolg, aber es ist nach wie vor zu viel, lautet der Tenor von Andreas Knaak von der Nationalparkverwaltung der Sächsischen Schweiz.

Häufig angeflogen werden neben dem Elbtal der Pfaffenstein und der Lilienstein. Berichten zufolge steuern die Piloten mit hoher Geschwindigkeit auf ihn zu und ziehen dann kurz vor der Felswand hoch. Häufig kommt es auch zu einfachen Umrundungen, dabei bleiben Maschinen laut den Angaben des Nationalparks nicht immer über dem Felsplateau.

In 38 der insgesamt 289 Fälle der vergangenen 18 Jahre ist von Tiefflügen die Rede - einige davon bis auf eine Höhe von 100 Metern. Bei 17 der Fälle sah sich Knaak gezwungen Anzeige zu erstatten. Nachhaltigen Erfolg zeigte dies nicht. Nicht selten wird vonseiten der Luftwaffe auf ein ausgefallenes Höhenmessgerät verwiesen, weswegen der Vorfall nicht geprüft werden konnte.

Drohnen fast genauso schlimm wie Militärflieger

Nicht weniger dramatisch sehen Naturschützer auch die Nutzung des Luftraumes von Privatleuten. Seit 2017 steigt die Zahl der Drohnen im Nationalparkgebiet dramatisch an. Häufig seien es Drohnen der Marke "Mavic", die den Luftraum unsicher machen, obwohl nach Rechtsverordnung über die Nationalparkregion das Starten, Überfliegen und Landen in diesem Gebiet mit jeglichen Flugobjekten - niedriger als 600 Meter über Grund - verboten ist. Das gilt auch für Drohnen. Ausnahmen müssen von der Landesdirektion Sachsen für Naturschutz und Landschaftspflege genehmigt werden.

Ein Verstoß gegen die bestehenden Regelungen kann mit einem Bußgeld von 50.000 Euro bestraft werden, aber das scheint die wenigsten Drohnenpiloten zu stören. Die summenden Luftobjekte stellen nicht nur eine Gefahr für im Nationalpark heimische Vogelarten wie Schwarzstörche, Uhus und Wanderfalken dar. Auch ihre Brutverluste werden mit den Drohnen in Verbindung gebracht. Außerdem, so heißt es von der Nationalparkverwaltung, stören sie die Besucher des Nationalparks, die herkommen, um die Ruhe zu genießen.

Flüge mit unbemannten Flugobjekten stellen für Mensch und Tier eine ungemeine Belastung dar und sind Naturschützern deshalb genauso ein Dorn im Auge wie Düsenjets des Militärs.
Flüge mit unbemannten Flugobjekten stellen für Mensch und Tier eine ungemeine Belastung dar und sind Naturschützern deshalb genauso ein Dorn im Auge wie Düsenjets des Militärs. © picture alliance / dpa (Symbolfoto)

Die genaue Anzahl und die Häufigkeit der Drohnenflüge über der Sächsischen Schweiz zu erfassen ist für den Nationalpark nicht möglich. Mayr verweist allerdings auf die Videoplattform "Youtube", auf der sich zahlreiche - nach aller Wahrscheinlichkeit selten genehmigte - Luftaufnahmen befinden. "Und das sind nur die, die es danach auch Online stellen", erklärt er.

Landrat Geisler beantwortet Anfrage zu Tieffliegern

Nichtsdestotrotz kämpft André Hahn vor allem dafür, den militärischen Flugbetrieb einzustellen oder zumindest zu beschränken. Erst im Oktober hat er diesbezüglich eine Anfrage im Kreistag gestellt. Die Antwort von Landrat Michael Geisler (CDU) erörtert zwar den Sachverhalt, ist für Hahn allerdings bei Weitem nicht zufriedenstellend.

Geisler, der die Anfrage an das Luftfahrtamt der Bundeswehr weitergeleitet hatte, erklärt, dass das Fliegen in der Sächsischen Schweiz zu Übungszwecken unerlässlich sei, um im Ernstfall einsatzbereit zu sein. "Die Luftwaffe kann diese Aufgabe nur dann erfüllen, wenn sie bereits im Frieden den hierfür erforderlichen Leistungsstand erhält", heißt es in dem dreiseitigen Antwortschreiben Geislers.

Die Luftwaffe hat keine andere Wahl

Weiter heißt es in dem Schreiben, dass das gesamtdeutsche Gebiet für den militärischen Flugbetrieb freigegeben ist - uneingeschränkt. Die dabei einzuhaltende Mindesthöhe für Kampfflugzeuge beträgt 300 Meter, doch auch diese darf in Ausnahmefällen um 150 Meter unterschritten werden. Beim Überflug von Städten mit über 100.000 Einwohnern darf die Grenze von 600 Metern nicht unterschritten werden.

Selbstverständlich werde vonseiten des Militärs versucht, bewohnte und geschützte Gebiete zu meiden, allerdings grenze dies an ein Ding der Unmöglichkeit. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von rund 800 km/h - das sind etwa 13 Kilometer pro Minute - gibt es angesichts der Bevölkerungsdichte Deutschlands keinen Weg, den Flugbetrieb ohne jegliche Lärmbelästigung durchzuführen.

© Joachim Schindler

Ein generelles Flugverbot für das Naturschutzgebiet, so wie André Hahn es erwirken möchte, sei laut Geisler nicht möglich. Eine Flugbeschränkung für Orte mit besonderen Schutzbedürfnissen wie den Nationalpark zu erlassen, würde bedeuten, man müsste das auch für alle anderen Orte mit einem ähnlichen Status tun. Damit wären unter Einbeziehung alle jener Gebiete, wie beispielsweise Krankenhäuser, Altenheime sowie Kindergärten über ein Drittel der Fläche Deutschlands vom Überflug ausgeschlossen. "Für die zur Erfüllung des Auftrages der Bundeswehr notwendigen Übungsflüge wäre letztlich kein nutzbarer Luftraum mehr verfügbar", lautet das Fazit zu dem Thema.

Bürgertelefon der Bundeswehr für Verstöße

Gegenüber Sächsische.de erklärt ein Sprecher der Luftwaffe der Bundeswehr, dass die Flüge so gleichmäßig wie möglich auf den deutschen Luftraum verteilt werden. "Es könnte schlimmer sein", erklärt er, denn im Vergleich zu der Gesamtanzahl an Flügen über Deutschland sei der Flugbetrieb über der Sächsischen Schweiz verschwindend gering. Wie oft nun aber in der Sächsischen Schweiz oder in der Bundesrepublik insgesamt geflogen wird, könne aber nicht gesagt werden.

Dennoch liegt es im Interesse der Bundeswehr, gegen Verstöße - wie beispielsweise eine unnötige Unterschreitung der Mindestflughöhe - vorzugehen. Um Verdachtsfälle zu melden, gibt es ein Bürgertelefon mit der Nummer 0800 8620730.

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