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Nach dem Sturm: Wanderer riskieren ihr Leben

Das Unwetter ist vorbei, die Schäden sind es noch lange nicht. Im Nationalpark Sächsische Schweiz gilt deshalb ein Betretungsverbot - das viele missachten.

Von Heike Sabel
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Im Nationalpark besteht für Wanderer nach dem Sturm Lebensgefahr. Trotzdem wird das Besuchsverbot ignoriert. Wie hier im Heringsgrund nahe Schmilka, am Zugang zur Heiligen Stiege, wo etliche Borkenkäferfichten umgestürzt sind.
Im Nationalpark besteht für Wanderer nach dem Sturm Lebensgefahr. Trotzdem wird das Besuchsverbot ignoriert. Wie hier im Heringsgrund nahe Schmilka, am Zugang zur Heiligen Stiege, wo etliche Borkenkäferfichten umgestürzt sind. © Mike Jäger

Ein Sonntagswetter, das zum Rausgehen ruft. Wohin? Klar, in die Sächsische Schweiz. Rathen, Gamrig, Amselsee, Hohnstein. Doch drei Tage nach dem gewaltigen Sturm bleibt fast der gesamte Nationalpark Sächsische Schweiz für Besucher gesperrt. Rot-weißes Flatterband an den Parkplätzen, Verbotsschilder. Unübersehbar.

Trotzdem sind die Nationalpark-Ranger Monika Leuschke und Frank Kowalzik am Wochenende unterwegs. Um Ausflügler zu informieren, mit ihnen zu reden, zu warnen und sich mit einigen von ihnen ein Katz-und-Maus-Spiel zu liefern, bei dem es nur einen Verlierer gibt: die Sicherheit. Auto an Auto fährt am Sonntag in Richtung Sächsische Schweiz. Es ist klar, die beiden Ranger werden viel zu tun haben.

Einheimische am unvernünftigsten

Der Parkplatz am Füllhölzelweg am Ziegenrücken ist einer der vielen kleinen Wanderparkplätze, auf denen man sein Auto abstellen kann und nach wenigen Schritten im Wald ist. Die ersten Wanderer am Sonntagmorgen kommen auf der gegenüberliegenden Straßenseite aus Richtung Hohnstein durch den Wald. Drei Leute mittleren Alters, zwei Männer, eine Frau. Einer der Männer sagt auf die Frage, wo sie herkommen: "Aus dem Nationalpark." Dass Sturm war, hätten sie gewusst. Aber der sei ja nun vorbei. Jetzt an der Straße weiterzulaufen, ist auch gefährlich, sagt die Frau. Einer der Männer, er ist aus Dippoldiswalde, bedankt sich für die Hinweise. Trotzdem gehen die drei den gleichen verbotenen Weg wieder zurück.

Ein Pirnaer Kraftfahrer hält an. Monika Leuschke geht zu ihm. Der Fahrer plustert die Wangen auf. "Na toll, das habt ihr wieder gut hingekriegt", sagt er verächtlich und fährt davon. Die Einheimischen wären die Unvernünftigeren, ist die Ranger-Erfahrung des Wochenendes. Sie meinen, sich auszukennen und das bewahre sie. Monika Leuschke kennt sich auch aus. Doch als sie am Freitag mit zwei Lehrlingen auf einer ersten Sichtungstour war und es plötzlich hinter, über und vor ihr krachte, liefen alle drei schneller, um heil aus dem Wald herauszukommen.

Sperrbänder entfernt

Eine halbe Stunde, nachdem die beiden Ranger den Füllhölzel-Parkplatz verlassen haben und zum Gamrig-Parkplatz gefahren sind, ist passiert, was Monika Leuschke und Frank Kowalzik ahnten: Das Sperrband am Füllhölzelweg-Parkplatz ist abgerissen, liegt mit dem Schild zerknüllt am Rand. Der Parkplatz ist nun gut gefüllt. Die Absperrbänder zum Wanderweg wurden nicht abgerissen, aber trotzdem missachtet. Dahinter laufen die Wanderer.

Absperrband und Verbotsschild abgerissen und in eine Ecke geworfen - nicht nur wie hier am Parkplatz Füllhölzelweg am Ziegenrücken.
Absperrband und Verbotsschild abgerissen und in eine Ecke geworfen - nicht nur wie hier am Parkplatz Füllhölzelweg am Ziegenrücken. © Heike Sabel

Im Kirnitzschtal zwischen Bad Schandau und der Neumannmühle stehen am frühen Sonntagnachmittag noch drei von fünf Absperrungen. Die Parkplätze sind dennoch gut gefüllt. Kraftfahrer fuhren drumherum oder hielten das Sperrband hoch. Am Beuthenfall wurde es entfernt. An der Neumannmühle wird trotz Sperrscheibe auf den Parkplatz gefahren.

Warum ist der Nationalpark gesperrt und wie lange noch?

  • Der Sturm ist zwar vorbei, der Wald danach aber unberechenbar. Dort, wo Bäume auf dem Weg liegen, ist die Gefahr sichtbar. Oft aber hängt sie noch in den Bäumen fest. Beim nächsten, selbst leichten Wind, krachen die Bäume und Äste herunter und reißen Felsen mit. Für Menschen besteht Lebensgefahr.
  • Rettung kommt nicht oder viel zu spät, weil die Fahrzeuge auf mit umgestürzten Bäumen blockierten Wegen nicht durchkommen und weil sich die Retter selbst nicht in Gefahr bringen wollen.
  • Viele der ursprünglich frei geschnittenen Wege dürften nach dem Sturm wieder versperrt sein. Das genaue Ausmaß kann derzeit noch nicht beziffert werden. Deshalb ist es auch dort, wo es nicht ausdrücklich verboten ist, ratsam, Wälder nicht zu betreten.
  • Die Sicherungsmaßnahmen an öffentlichen Straßen wie im Kirnitzschtal, im Tiefen Grund und am Ziegenrücken waren aus Sicht des Nationalparks wirksam.
  • Wie lange es dauert, bis im Nationalpark Sächsische Schweiz wieder gewandert werden darf, ist derzeit offen. Noch erfolgt die Bestandsaufnahme. Die Beräumung werde Wochen dauern, heißt es.

Rathen/Gamrig: Ja, ja und trotzdem weiterlaufen

Das Gamrig-Gebiet und Rathen mit dem Amselsee und der Bastei sind zwei der beliebten Wanderziele. Entsprechend der Andrang. Viele von denen, mit denen die Ranger sprechen, sehen das Verbot und die Gefahr am Ende ein. Doch die Aufgabe der Ranger ist an diesem Wochenende ein Rennen gegen - um im Bild zu bleiben - Windmühlen. Sie reden mit drei Leuten, derweil laufen vier an ihren vorbei.

Rangerin Monika Leuschke (Mitte) und Ranger Frank Kowalzik informierten am Wochenende etliche Wanderer über das aktuelle Betretungsverbot im Nationalpark. Viele Ausflügler zeigten sich einsichtig, aber nicht alle.
Rangerin Monika Leuschke (Mitte) und Ranger Frank Kowalzik informierten am Wochenende etliche Wanderer über das aktuelle Betretungsverbot im Nationalpark. Viele Ausflügler zeigten sich einsichtig, aber nicht alle. © Marko Förster
Abgesperrt und trotzdem voll mit Autos: Auf diesem Wanderparkplatz im Kirnitzschtal war am Sonntag so viel los wie an anderen Wochenenden auch.
Abgesperrt und trotzdem voll mit Autos: Auf diesem Wanderparkplatz im Kirnitzschtal war am Sonntag so viel los wie an anderen Wochenenden auch. © Marko Förster
Wegen der massiven Sturmschäden im Nationalpark wurden Wanderwege und Parkplätze der Nationalparkverwaltung aus Sicherheitsgründen abgesperrt, darunter dieser am Füllhölzelweg am Ziegenrücken.
Wegen der massiven Sturmschäden im Nationalpark wurden Wanderwege und Parkplätze der Nationalparkverwaltung aus Sicherheitsgründen abgesperrt, darunter dieser am Füllhölzelweg am Ziegenrücken. © Marko Förster
Bis hierhin und nicht weiter, genau dafür steht die Absperrung an einem Wanderweg nahe der Neumannmühle im Kirnitzschtal. Das Verbotsschild hielt dennoch nur wenige Wanderer vor einem Ausflug in den Wald ab - trotz Lebensgefahr.
Bis hierhin und nicht weiter, genau dafür steht die Absperrung an einem Wanderweg nahe der Neumannmühle im Kirnitzschtal. Das Verbotsschild hielt dennoch nur wenige Wanderer vor einem Ausflug in den Wald ab - trotz Lebensgefahr. © Marko Förster

Die Straße in Richtung Rathen wird verbotenerweise zugeparkt. Der Parkplatz für die Rathener Übernachtungsgäste ist ebenfalls voll. Für die falsch parkenden Autos sind die Kommunen zuständig. "Eigentlich müssten mal einige Autos abgeschleppt werden, damit es Wirkung hat", sagt Kowalzik.

Abschleppen gegen das Falschparken

Sechs Frauen aus Hainichen laufen ebenfalls in Richtung Rathen. Eine von ihnen sagt: "Warum habt ihr denn den schönen Parkplatz zugemacht, es sind doch Ferien." Ja, doch den Sturm hat das auch nicht interessiert, sagt Monika Leuschke. Frank Kowalzik spricht von Lebensgefahr. Die Frau: "Ach so." Seine Empfehlung, den Panoramaweg zu laufen, finden die Frauen nicht so toll. Am Ende sagen sie: "Sie haben recht" - und laufen weiter.

Eine dreiköpfige Familie hört sich zwar an, was die Ranger sagen und nicken, aber Frank Kowalzik ahnt, was die Miene des Mannes bedeutet: "Und jetzt gehen Sie trotzdem weiter." Strafen werden keine verhängt, die Nationalparkverwaltung will bewusst auf Erklären und Überzeugen setzen. Doch viele laufen trotzdem weiter. Die Straße nach Rathen ist nicht gesperrt. Aber es ist auch eine Straße durch den Wald. Ob die Wanderer nicht doch rechts und links in den Wald verschwinden - Monika Leuschke und Frank Kowalzik befürchten es und hoffen doch auf die Vernunft der Leute.

Lösung: Mehr große Wanderparkplätze

Die Lösung aus Ranger-Sicht wären einige große Wanderparkplätze, von denen Busse fahren. Weniger Verkehr, besserer Überblick. Ein Konzept dafür müsse vom Landkreis kommen, sagen sie. Die vielen kleinen Wanderparkplätze sind für die Wanderer gut, für Situationen wie jetzt aber unüberschaubar und nicht beherrschbar.