merken
PLUS Leben und Stil

Bierverkostung: Schmeckt nach Oktoberfest

Die Wiesn fällt aus, gefeiert wird trotzdem. Doch welches Festbier schmeckt besser – bayerisches oder sächsisches? Die SZ bat Laien und Fachleute zur Blindverkostung.

O’zapft is! Biersommelier Jens Zimmermann (3. v. l.) inmitten seiner Testcrew.
O’zapft is! Biersommelier Jens Zimmermann (3. v. l.) inmitten seiner Testcrew. © Christian Juppe

Was für ein appetitlicher Anblick, dieses klare Goldgelb mit stabilem, feinporigem Schaum, der langsam im Glas emporsteigt. Auch der Geruch, leicht süßlich mit milder Hopfennote, lässt hoffen. Was das wohl für ein Bier sein mag?

Es ist ein Festbier, so viel steht fest. Schließlich war es Jens Zimmermanns Idee: Wenn schon das Oktoberfest wegen Corona ausfallen muss, könne man doch wenigstens Biere trinken, wie sie auf der Wiesn ausgeschenkt werden. Welche es konkret sind, will der Biersommelier aus Radeberg aber nicht verraten. Noch nicht. „Wenn ihr wisst, welche Marke ihr vor euch habt, entsteht in eurem Kopf eine vorgefertigte Meinung“, verteidigt er seine Geheimniskrämerei. An diesem Abend im Dresdner Szenelokal Burgerheart wird blind verkostet. Hinter einem Sichtschutz füllt der 56-Jährige die Gläser und balanciert sie auf dem Tablett zu seinem Publikum. Auf den Tischen liegen A4-Formulare, auf denen Punkte für Aussehen, Geruch, Trunk, Nachtrunk und den Gesamteindruck eingetragen werden müssen. Dazu gibt es eine Extrazeile mit der Beschriftung „Biertrinkerschluck“. Diese Kategorie fehle bei Profi-Verkostungen, erklärt Zimmermann. „Es ist die Aufforderung an euch, jedes Bier spontan so wahrzunehmen, wie ihr es im Alltag tun würdet.“

Anzeige
Große Jubiläumsaktion bei XXL KÜCHEN ASS
Große Jubiläumsaktion bei XXL KÜCHEN ASS

Zum 25-jährigen Geburtstag gibt es bei den sieben XXL KÜCHEN ASS-Fachmärkten in Sachsen den gewohnten Service und tolle Jubiläumsangebote.

Stefanie Richter vom Szenelokal Burger Heart bringt Bier-Know-how mit.
Stefanie Richter vom Szenelokal Burger Heart bringt Bier-Know-how mit. © Christian Juppe

Wie sich herausstellt, hat bisher niemand aus der Runde ein fachmännisch angeleitetes Tasting absolviert. Entsprechend groß ist die Neugier. Selbst bei Christian Schwingenheuer, der seit 18 Jahren handwerklich Bier herstellt. „Ich trinke gern mal etwas, das nicht aus meinem eigenen Kessel kommt“, sagt der 44-jährige. Daniel Löwe, der einen Onlineversand für Hobbybrauer betreibt, bevorzugt Pilsner. Gastronomin Stefanie Richter und SZ-Editorin Linda Barthel ordern in Gaststätten am liebsten naturtrübes Kellerbier. Qualitätsmanager Adrian Schuster, nach eigenem Bekunden mit Hasseröder sozialisiert, mag mittlerweile vor allem Helles. Sozialarbeiter und Metal-Fan Henry Kromer schließlich outet sich als Freund gut gehopfter India Pale Ales. „Dafür fasse ich weder Stout noch Schwarzbier an.“

Zumindest in dieser Hinsicht droht heute kein Ungemach. Alle acht Testbiere changieren zwischen Gold-, Kupfer- oder Bernsteintönen. Es existierten zwar Beschreibungen, was ein deutsches Festbier ausmache, aber das kontrolliere niemand, sagt Jens Zimmermann. Dafür lasse sich Gesichertes zur Historie sagen: „Festbiere haben sich aus dem Märzen entwickelt.“ Wie der Name andeutet, handelt es sich um untergäriges Vollbier, das ursprünglich im März gebraut, in Kellern gelagert und auf Volksfesten im Herbst getrunken wurde. „Märzen musste um diese Zeit gebraut werden, da im Sommer das Brauen untergäriger Biere schlicht unmöglich war“, erklärt der Biersommelier. Auch heutiges Festbier sei untergärig, mit stets ähnlichen Werten für Stammwürze, Alkoholgehalt und Bitterkeit.

Qualitätsmanager Adrian Schuster, nach eigenem Bekunden mit Hasseröder sozialisiert, mag mittlerweile vor allem Helles.
Qualitätsmanager Adrian Schuster, nach eigenem Bekunden mit Hasseröder sozialisiert, mag mittlerweile vor allem Helles. © Christian Juppe

Die für den SZ-Test ausgewählten bayerischen Biere hält der Kenner allesamt für stilprägend und qualitativ „auf hohem Niveau“. Allerdings hätten sich auch hiesige Brauereien erfolgreich an Interpretationen dieses Braustils versucht. Die Feldschlößchen-Brauerei habe ihr Pichmännel-Festbier gar zu einer Marke entwickelt. Grund genug, Biere aus Sachsen und Bayern gegeneinander antreten zu lassen. Auch ein Gebräu aus Thüringen hat Zimmermann in die Auswahl aufgenommen. Seine Begründung: Dieses Festbier habe Anfang September bei den World Beer Awards eine Silbermedaille verliehen bekommen.

Mittlerweile haben fast alle Teilnehmer ihr Glas ausgenippt und ihre Bewertungen zu Papier gebracht. „Es ist sinnvoll, wenn ihr zum Neutralisieren etwas Wasser trinkt“, rät der Zeremonienmeister. „Außerdem hilft euch das, über den Abend zu kommen.“ Guter Tipp. Mit 5,5 bis 6,3 Volumenprozent enthalten die acht Biere mehr Alkohol als gängige Pilsner. Wer zwischendurch Appetit verspürt, kann zu einem Stück Baguette greifen.

Bier Nr. 2 wird hereingetragen. Etwas dunkler erscheint es im Gegenlicht, mit rötlichem Schimmer. Andächtiges Schweigen. Schauen, riechen, erster Schluck. Und noch einer. „Wie kommt ihr mit der Kategorie ,Biertrinkerschluck‘ zurecht?“, fragt Jens Zimmermann in die Runde. Hier und da ist ein Nicken zu sehen. „Macht Lust auf mehr“, schreibt Daniel Löwe auf seinen Zettel. Er vergibt acht von zehn Punkten.

Alle acht Testbiere changieren zwischen Gold-, Kupfer- oder Bernsteintönen.
Alle acht Testbiere changieren zwischen Gold-, Kupfer- oder Bernsteintönen. © Christian Juppe

Nach zwei weiteren Bieren zieht der Sommelier ein Zwischenfazit. „Eher uneinig seid ihr bei Aussehen und Geruch“, sagt er, nachdem er einige Bögen überflogen hat. „In den anderen Kategorien liegt ihr eng beieinander.“ Auch die bisher kredenzten Sorten verrät er nun. Oktoberfestbier der Spaten-Brauerei sei Nummer eins gewesen, Freiberger Festbier die zwei. Als Nummer drei entpuppt sich der bereits erwähnte Medaillengewinner der World Beer Awards, ein Bier der Altenburger Brauerei. Im vierten Glas war Oktoberfest-Märzen von Hacker-Pschorr aus München.

Nach kurzer Pause geht es in die zweite Probierrunde. Leider nicht mit der optimalen Trinktemperatur von sechs bis acht Grad Celsius, wie Zimmermann nach dem Einschenken bedauernd anmerkt. „Dieses Bier ist etwas kälter, als es sein sollte. Wärmt es ein bisschen auf, indem ihr das Glas in beide Hände nehmt.“ Adrian Schuster schmeckt es trotzdem nicht. „Zu würzig, mit einem seltsamen Nachgeschmack“, bemängelt der 25-Jährige. Näher definieren kann er ihn aber nicht. Daniel Löwe hingegen lobt „schöne Brotnoten“ und einen Trunk, der an Toffee, Biskuit und Honig erinnert.

„Den Einsatz von Rauchmalz finde ich sehr mutig“, wirft Christian Schwingenheuer ein. Der Hausbrauer klingt, als sei er sich seiner Sache ganz sicher. Diesmal löst Jens Zimmermann sofort auf: Für das Festbier aus der Privatbrauerei Fiedler im Erzgebirge sei sogenanntes Red-Amber-Malz verwendet worden, das tatsächlich ein ganz zartes Raucharoma ins Bier eintrage. Unkonventionell sei es aber auch deshalb, weil es unter der Bezeichnung „Kupfer“ vermarktet werde und mit 5,5 Volumenprozent den niedrigsten Alkoholgehalt aller Testbiere habe.

Den nackten Zahlen zufolge haben die Biere von Hacker-Pschorr (8,0) und Münchner Hofbräu (8,7) den besten Gesamteindruck hinterlassen.
Den nackten Zahlen zufolge haben die Biere von Hacker-Pschorr (8,0) und Münchner Hofbräu (8,7) den besten Gesamteindruck hinterlassen. © Christian Juppe

Wie sich selbst Fachleute täuschen können, zeigt sich beim nächsten Probeschluck. Zunächst wird das eingeschenkte Bier mehrfach ob seiner optischen und geschmacklichen Vorzüge gepriesen. „Farbe, Schaum, die fruchtige Note – hier mochte ich fast alles“, sagt Henry Kromer. Hobbybrauer Daniel Löwe pflichtet ihm bei. „Das war auch einer von meinen Favoriten bisher.“ Christian Schwingenheuer meint gar, die Herkunft des Bieres zu wissen. „Schmeckt wie ein Ostprodukt.“ Falsch, stellt sich wenige Minuten später heraus. Das vermeintlich sächsische Festbier ist von Hofbräu München abgefüllt worden.

Auch die letzten zwei der acht Biere – das Dresdner Pichmännel-Festbier und Frenzel’s Festbier aus Bautzen – werden nach dem Verkosten kontrovers diskutiert. Frenzel’s sei ihr „zu fruchtig“ gewesen, sagt SZ-Editorin Linda Barthel. Stefanie Richter dagegen ist sehr angetan. „Das war das einzige Bier, was ich ausgetrunken habe. Kann man gediegen genießen.“ Jedoch habe der intensive, herb-hopfig duftende Gerstensaft wenig mit klassischem Oktoberfestbier gemein, ist sich die Gruppe einig. „Mich hat dieses Bier leicht an ein IPA erinnert“, findet Henry Kromer.

Weder Gewinner noch Verlierer

In der Tat sei Gerstensaft, der für die Wiesn gebraut und abgefüllt werde, eher „Schwungbier“, das sich leicht wegtrinken lasse, sagt Jens Zimmermann. Muss es ja auch – bei Maßkrügen mit einem Fassungsvermögen von einem Liter.

Weiterführende Artikel

Diese Wossis haben sich in Görlitz was gebraut

Diese Wossis haben sich in Görlitz was gebraut

Ein Lausitzer Ex-Offizier und eine Bier-Sommeliere aus Bayern scheitern im Westen und ziehen mit ihren Töchtern nach Görlitz. Hier geht ein Traum in Erfüllung.

Das Ergebnis aller Bewertungsbögen schickt uns Jens Zimmermann tags darauf per E-Mail. Den nackten Zahlen zufolge haben die Biere von Hacker-Pschorr (8,0) und Münchner Hofbräu (8,7) den besten Gesamteindruck hinterlassen. Dafür landet die Ost-Konkurrenz in einigen Teildisziplinen vor der Konkurrenz aus Bayern. Dem Altenburger (9,2) und Frenzel’s Festbier (9,3) bescheinigten die Tester das beste Aussehen, dem Kupfer von Fiedler (8,2) den angenehmsten Nachtrunk. Gewinner und Verlierer küren will Zimmermann aber auf keinen Fall. „Geschmack ist am Ende des Tages doch etwas höchst Subjektives.“ Den Ansatz sächsischer Braumeister, etwas Eigenständiges zu kreieren, statt traditionsreiche bayerische Oktoberfestbiere zu kopieren, halte er jedoch „nicht für die schlechteste Idee“.

Eine weitere Festbier-Verkostung (max. 16 Teilnehmer) veranstaltet Jens Zimmermann am 2.10. um 20 Uhr im Burgerheart in Dresden. Anmeldung: [email protected]

Mehr zum Thema Leben und Stil