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Wassermangel im Spreewald: Der Grund kommt näher

Im Spreewald steigt mit sinkenden Pegeln die Abhängigkeit von Sachsen. Und die Angst, es könnte mit dem Tourismus die wichtigste Einnahmequelle versiegen.

Fährmann Gerrit Jericke hat genug Wasser unter seinem Kahn. Noch.
Fährmann Gerrit Jericke hat genug Wasser unter seinem Kahn. Noch. © Thomas Kretschel

Wasser strömt im Schattenspiel der Bäume über ein Wehr. Ein Vater manövriert seine Familie im Paddelboot durch ein Schleusentor. Sein Baby schläft auf den Beinen der Mutter. Für Fährmann Gerrit Jericke ist klar: „Das sind die wahren Übeltäter“, sagt er und sticht mit der Rudel, einem vier Meter langen Holzstab, von seinem Kahn aus ins Wasser. Wer in den Spreewald reise, sollte wissen, wie viel angestautes Wasser mit jedem Schleusengang entrinne, schimpft er - im Durchschnitt sind das 40 Kubikmeter.

Der Wassermangel löst Nervosität aus im Spreewald. Der Tourismus ist die Haupteinnahmequelle der Region. Rund 280.000 Menschen leben hier, doch allein im Juli zählte man rund 288.000 Übernachtungen. Die Gäste schätzen den „Amazonas von Brandenburg“; das weit verzweigte Netz aus Spree-Kanälen misst fast 1.000 Kilometer. 

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Das fehlende Wasser macht Touristiker nervös

Noch nie sind die Folgen der heißen, trockenen Sommer mit hohen Verdunstungswerten und der warmen, milden Winter mit wenig Niederschlag so sichtbar geworden wie jetzt. "So extrem", heißt es vom brandenburgischen Umweltministerium, sei Niedrigwasser seit Beginn der regelmäßigen Aufzeichnungen noch nie aufgetreten. Im August wurden 15 Gräben nicht mehr mit Wasser versorgt, einige sind vollkommen ausgetrocknet. Wehre, Fischaufstiegsanlagen und derzeit elf Schleusen wurden auf behördliche Anweisung geschlossen, Anwohner dürfen kein Gießwasser mehr entnehmen. 

Alle möglichen Maßnahmen, alle verfügbaren Wasser-Reserven, so das Ministerium, seien ausgeschöpft. „Relativ gut“ sei nur der innere Ober- und Unterspreewald noch mit Wasser versorgt. Das Wasser kommt neben Tagebauen vor allem aus der Talsperre Spremberg, die pro Sekunde rund sechs Kubikmeter abgibt, kleinere Mengen aus Bautzen, Quitzdorf, Bärwalder See und Burghammer.

Um die wasserarmen Talsperren zu entlasten, bewässert man statt drei großen Armen nur noch die Hauptspree, die an Burg, Lübbenau und Lübben vorbeiführt, um dann Richtung Berlin zu entschwinden. Den Niedrigstwert hat sie noch nicht gerissen: Wenn weniger als 1,5 Kubikmeter pro Sekunde die Wehr- und Schleusenanlage bei Leibsch verlassen, ist die Trinkwasserversorgung der Hauptstadt gefährdet. Zuletzt waren es 2,04 Kubikmeter. Dem Erhalt dieser Marke ordne man das Wassermanagement unter, heißt es vom regionalen Wasser- und Bodenverband. 

Gerrit Jericke war erst Fischer, dann Tauchlehrer. Seit 2015 ist er beim Spreehafen in Burg angestellt, der mit seinen 15 Kähnen bis zu 30 Rundfahrten am Tag anbietet.
Gerrit Jericke war erst Fischer, dann Tauchlehrer. Seit 2015 ist er beim Spreehafen in Burg angestellt, der mit seinen 15 Kähnen bis zu 30 Rundfahrten am Tag anbietet. © Thomas Kretschel

Gerrit Jericke beginnt seine Rundfahrt an der Hauptspree. Er ist beim Spreehafen in Burg angestellt, der mit seinen 15 Kähnen und bis zu 30 Rundfahrten am Tag zu den größeren Anbietern gehört.

Mit Wasser arbeitet der 56-Jährige, der aus Leipzig stammt, schon immer: erst als Fischer, dann als Tauchlehrer. 2015 zog er in den Spreewald, wurde Fährmann und will nach eigenen Worten nie wieder weg. Jericke stemmt die Beine in den Boden des Kahns und zündet sich eine Marlboro an. Die hellgrauen Haare hat er zurück gegelt. Es ist ein warmer September-Nachmittag, die meisten Fahrten sind ausgebucht.

Am Pegel fehlen zehn Zentimeter

Dass die Strömung durch das Wasser aus der Talsperre zugenommen hat, bemerkt Jericke vor allem bei voller Besetzung mit 25 Personen. „Ist schon anstrengend“, sagt er. „Es gibt eine Stelle, da steht der Kahn, wenn du nur einen Stich auslässt.“ Jericke lässt seine Hände an der Rudel entlang klettern, greift bei jedem Hieb um. „Man muss viel Kraft haben für den Job.“ Am Ufer gleiten Steinpilze vorbei, ein meterhoher Brombeerbusch streckt seine Schlingen gen Wasser, Federn treiben unterhalb eines Hühnerstalls im Schlick.

52,7 Zentimeter erreicht die Spree auf einer Pegel-Messlatte, die der Kahn passiert. Es fehlen ungefähr zehn Zentimeter. "Wenn du da Kurven schnippelst, kann es dir passieren, dass du aufliegst. Dann müssen die Gäste schaukeln, und ich schiebe.“ Ansonsten, sagt Jericke, bemerke er nicht viel vom Niedrigwasser. 

Ein Spreepegel bei Burg: Es fehlen gut zehn Zentimeter. "Wenn mann nicht aufpasst, müssen die Gäste schaukeln, und ich schiebe", sagt Fährmann Jericke.
Ein Spreepegel bei Burg: Es fehlen gut zehn Zentimeter. "Wenn mann nicht aufpasst, müssen die Gäste schaukeln, und ich schiebe", sagt Fährmann Jericke. © Thomas Kretschel

Nach dem Braunkohle-Ausstieg werde sich die Situation gewiss verschlimmern, sagt der Fährmann. Sein Ton wechselt von freundlich zu ärgerlich. Etwa die Hälfte des Spree-Wassers stammt aus den Tagebauen des Braunkohlekonzerns Leag, der mit seinen Grabungen auf Grundwasser stößt, das er abpumpt und in den Fuss leitet. 

Umweltschützer verweisen darauf, dass die Regionen ihr Grundwasser ohnehin selbst brauchen, um als Ökosystem zu funktionieren. Im Abschlussbericht der Kohlekommission heißt es: „Es ist verbindlich zu regeln, dass bei einem vorfristigen Ausstieg aus der Braunkohleförderung das Wassermanagement insbesondere für die Spree abgesichert wird.“

Ausgetrocknete Kanäle, geschlossene Schleusen

Johannes Schimmank bemerkt das Niedrigwasser schon jetzt. Schnörkeltattoos ziehen sich über den Arme des 34-Jährigen in knielangen Jeans und Poloshirt mit Silberohrringen und   Fünf-Tage-Bart. Schimmank und sein Vater betreiben den Waldschlösschen-Hafen in Burg. Viel Zeit hat er nicht, zu viel ist los in diesen Tagen. „Wir bieten vor allem Rundfahrten an auf dem verzweigten Netz“, sagt er. Inzwischen seien es Hin-und-Zurück-Fahrten, weil einige Kanäle ausgetrocknet oder Schleusen geschlossen seien. „Wenn das so weitergeht, haben wir irgendwann ein Problem. Wasser ist unser Kapital.“

Ein größeres Problem sei gerade die Verschlammung der Kanäle. Früher pumpten Bagger den Schlamm an Land. Eine Baggergut-Richtlinie deklariert ihn inzwischen zu Sondermüll, es wurden erhöhte Konzentrationen von Arsen, Zink, Kupfer oder Nickel gemessen. Damit ist die Entsorgung erheblich teurer geworden, pro Tonne kostet sie etwa 75 Euro. Umweltschützer sehen die Leag in der Schuld. Das Unternehmen dagegen beteuert, es liefere Trinkwasser-Qualität ab.

"Redet bloß nicht mit Reportern!"

Auf die Besucherzahlen wirkt sich das noch nicht aus. „Weil Deutschland im eigenen Land Urlaub macht, war es ein gutes Jahr für uns“, sagt Schimmank. Zwar sind die Übernachtungszahlen im Spreewald im Vorjahresvergleich von Januar bis Juli um knapp ein Drittel gesunken, das aber dürfte dem coronabedingten Shutdown zuzurechnen sein. Im Juli stiegen die Zahlen im Vorjahresvergleich um gut vier Prozent, seit 2006 sind die jährlichen Übernachtungszahlen von gut 1,1 auf zuletzt fast zwei Millionen gestiegen.

Das brummende Geschäft gepaart mit der latenten Sorge vor einer trockengelegten Zukunft lässt Touristiker vor Medien zurückschrecken. Viele reagierten auf Anfragen überhaupt nicht oder lehnen Gespräche über Folgen des Wassermangels ab. Eine Hafen-Mitarbeiterin warnte zwei Kahnfahrer: „Redet bloß nicht mit Reportern, die wollen schreiben, dass es hier kein Wasser gibt, damit keine Touristen mehr kommen.“

„Redet bloß nicht mit Reportern, die wollen schreiben, dass es hier kein Wasser gibt, damit keine Touristen mehr kommen.“ Die Nerösität im Spreewald ist groß.
„Redet bloß nicht mit Reportern, die wollen schreiben, dass es hier kein Wasser gibt, damit keine Touristen mehr kommen.“ Die Nerösität im Spreewald ist groß. © Thomas Kretschel

Gerrit Jericke zeigt keine Scheu. Sein Kahn fährt unter einer Brücke durch, die so niedrig ist, dass Spinnen darunter ohne Netz umsteigen könnten. Sein Rudel piekst in flaches Wasser, auf dessen Grund rötliche Pflanzenwurzeln wie Tentakeln um sich greifen. „Wer im Spreewald ertrinkt, ist zu faul zum Aufstehen“, sagt er. 

Redseligkeit bei Fährmännern sei wichtig, erklärt Jericke. Er selbst sei lieber spontan als Gags von der Schallplatte zu erzählen. Dann zählt er seine gängigsten doch auf. Von den vielen Libellenarten erzähle er gerne. „Dann sage ich, dass die schönsten davon Männchen sind und wenn es von Berliner Feministinnen Morddrohungen gibt, sage ich ihnen: Wir haben es hier auch mit vielen Frauen zu tun. Vor allem mit welchen, die uns traktieren und aussaugen.“

Wasserläufer hüpfen übereinander und drücken feine Dellen in die Wasseroberfläche, zwei Paddler überholen den Kahn. „Verbissenen Paddlern sage ich auf jeder Kahnfahrt: Warst du letztes Jahr nicht mit einer anderen Frau hier?“ Jericke lacht. Am häufigsten kommen seine Gäste aus Sachsen und das seien auch die freundlichsten. Pflaumenlikör und „Spreewald bitter“ stehen eng gedrängt auf den Tischen des Kahns, drum herum reihen sich geschwungene Holzbänke mit roten Stoff-Auflagen.

Früher sei Hochwasser das größere Problem gewesen, sagt der stellvertretende Hafenmeister Thomas Petsching. Dieses Jahr sei es das Niedrigwasser.
Früher sei Hochwasser das größere Problem gewesen, sagt der stellvertretende Hafenmeister Thomas Petsching. Dieses Jahr sei es das Niedrigwasser. © Thomas Kretschel

Thomas Petsching ist der stellvertretende Hafenmeister in Burg und Chef von Fährmann Jericke. Neben der Standard-Ausrüstung verfügten fünf Kähne der Flotte auch über Kamine, erzählt er. „Dezember ist inzwischen wie Hauptsaison.“ Auch er ist im Stress. Anrufe von Mitarbeitern, eine Kundenschlange am Verkaufsstand der berühmten Spreewald-Gurken. Sieben Plastikfässer mit verschiedenen Sorten reihen sich hinter Holz-Hüllen nebeneinander. „Für jeden, der Zuhause auf eine Katze aufpasst, ein Eimer, oder?“, fragt Petsching ein Paar. 

Dann hat er Zeit, erklärt anhand einer Spreewald-Karte, wo früher die Landwirtschaft Felder flutete, welche künstlichen Kanäle und Wehre man als Schutz gegen Hochwasser baute - lange Zeit sei das das vorrangige Problem gewesen. Mit seinen 36 Jahren und 30 Jahren Fahrerfahrung ist Petsching der dienstälteste Kahnfahrer des Hafens - die logische Fortsetzung seiner Familiengeschichte: „Mama Kahn, Papa Kahn, Oma Kahn, Opa Kahn.“

"Wir sind absolut abhängig von Sachsen"

Dieses Jahr bemerke er die Ebbe in den Talsperren erstmals deutlich. „Wir sind absolut abhängig von Sachsen“, sagt er. Wenn es diesen Sommer geregnet habe, sei das „ganz nett“ gewesen, aber nur Oberflächenwasser. „Wir hier haben bei den Abfahrtsstellen von den Kähnen Glück, da ist immer genug Wasser da. Aber es betrifft die Runden, die kleinen Gräben, die wir nicht mehr mit voller Besetzung befahren können.“ 

Durch den Tourismus „geht es uns richtig gut". Die Häuser seien gemacht, die Mietpreise wie in den Städten. Gleichzeitig „haben wir schon Zukunftsangst. Ohne die Spree gäbe es keinen Tourismus.“

Naturschutzverbände würden sich freuen, wenn es weniger Tourismus gäbe. Thomas Fischer, der stellvertretende Vorsitzende des Nabu-Regionalverbands, sagt, dem Naturschutz fehle im Gegensatz zu Massentourismus, Braunkohle und Landwirtschaft im Spreewald eine Lobby. „Wir haben Gewässer-Abschnitte, die sind ökologisch tot. Der Spreewald verkommt zur Groß-Kläranlage für Berlin.“ Immer mehr Arten stürben schon jetzt aus oder seien bedroht. 

Nutrias und Bisamratten vermehren sich im Spreewald rasant. Dieses Exemplar heißt "Donald Trump". Der Fischotter hingegen gehört zu den gefährdeten Arten.
Nutrias und Bisamratten vermehren sich im Spreewald rasant. Dieses Exemplar heißt "Donald Trump". Der Fischotter hingegen gehört zu den gefährdeten Arten. © Thomas Kretschel

Dabei zeichnete die Unesco die Moor- und Auenlandschaft noch vor rund 20 Jahren für ihre Artenvielfalt als Biosphärenreservat aus. „Der Spreewald war mal ein stimmiges Ökosystem“, sagt Fischer. Braunkohle, Massentourismus, Wehrbauten, entwässerte Kanäle, in denen Fische nicht mehr schwimmen können, hätten es empfindlich gestört. Die Trockenheit verschärfe das Problem.

Die ergriffen Maßnahmen, so auch das Umweltministerium, könnten „ in den unmittelbar betroffenen Gewässern zu schädlichen Beeinträchtigungen von Organismen führen“, die "aquatische Tier- und Pflanzenwelt" werde "entsprechend negativ beeinflusst." Ohne sie seien aber noch mehr Lebensräume von Austrocknung betroffen. Langzeitfolgen des Klimawandels seien nicht absehbar. „Doch müssen wir uns darauf einstellen, dass alle auf das Wasser angewiesenen Arten und Lebensräume massiv unter Druck kommen werden.“

Gerrit Jericke hat seine zweistündige Rundfahrt fast beendet. Ein hellhaariger Nutria, eine Art Mischung aus Biber und Ratte, hockt am Ufer und putzt sein Gesicht. „Dem haben wir einen Namen gegeben: Donald Trump.“ Drei Paare paddeln entgegen, ein grauhaariger Mann lässt die Füße zu beiden Seiten ins Wasser hängen. Dann rauscht eine Hochzeitsgesellschaft mit bunten Kleidern und weißen Tischdecken vorbei, die Jericke einem Nobelhotel zuordnet.

Ob die Gäste das Problem des Spreewald kennen? Der Betrieb hier lässt jedenfalls nichts davon spüren, dass in der Region das Wasser knapp werden könnte.

Hier finden Sie alle Teile unserer Serie "Savanne Lausitz? Der Kampf um das Wasser".

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