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Müll nach Corona-Treffen: Lästig oder gefährlich?

Leipzig und Dresden haben seit der Pandemie ein Problem mit Müll im öffentlichen Raum. Auf dem Land hat sich die Lage indes wieder beruhigt.

Vollgestopfte Mülleimer in Leipziger Park: Nicht erst seit der Corona-Krise ein Problem.
Vollgestopfte Mülleimer in Leipziger Park: Nicht erst seit der Corona-Krise ein Problem. © dpa-Zentralbild

Sachsen. Zurück zur Natur: So lautet die Devise für viele Sachsen in der Zeit der Corona-Pandemie. Während die Diskotheken geschlossen bleiben und die Gastronomie weniger Einnahmen verzeichnet, zieht es die Menschen vermehrt ans Wasser und in öffentliche Parks.

Besonders in warmen Sommernächten hat die Polizei deshalb oft alle Hände voll zu tun, um auf die Einhaltung der Abstandsregeln zu achten. Nicht immer gelingt das, wie etwa am berühmt-berüchtigten „Assi-Eck“ im Dresdner Szeneviertel Neustadt. Hier tummeln sich Abend für Abend hunderte Partywütige auf engstem Raum.

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Neben der Infektionsgefahr gibt es ein weiteres Problem: Müll. Glasflaschen, Plastikverpackungen, Zigarettenstummel. Vor allem in den sächsischen Großstädten haben die Behörden vermehrt mit den Hinterlassenschaften nach Feiern und Treffen im öffentlichen Raum zu kämpfen. Das zeigen die Anfragen von Sächsische.de bei den zuständigen Rathäusern und Landratsämtern.

Vier Tonnen mehr Abfall in der Öffentlichkeit

Zwar gebe es noch bislang keine offiziellen Zahlen, aber „eine subjektive Zunahme des hinterlassenen Abfalls“ sei an verschiedenen Stellen in Dresden erkennbar, so Stadtsprecher Karl Schuricht. Zu diesen Müll-Brennpunkten zählen ihm zufolge vor allem bestimmte Spielplätze, wenig frequentierte Parkplätze, Einkaufszentren und Parks.

Gerade während der Ausgangsbeschränkungen hätten viele Teile der Bevölkerung städtisches Grün für sich entdeckt. Dazu kommt, dass bei warmem Wetter generell mehr Abfall anfällt. „Die Dresdnerinnen und Dresdner sowie die Gäste der Landeshauptstadt haben auch schon vor der Pandemie vor allem in den Sommermonaten die städtischen Grünflächen genutzt“, sagt Schuricht.

Dass immer mehr Menschen dabei ihren Müll liegen lassen, beobachtet die Stadt nicht erst seit dem Virus. 2019 wurden in Dresden insgesamt 418 Tonnen Restmüll, Sperrmüll und Grünabfall von öffentlichen Flächen entfernt.

Das sind vier Tonnen mehr als im Vorjahr. Mit Werbeplakaten und Sprüchen wie „Das Maß ist voll“ versucht die Verwaltung seitdem, ihre Bürger für das Problem zu sensibilisieren. Spezielle Neuregelungen wegen Corona gebe es aber nicht, sagt Schuricht. „Auch bisher musste beim Beräumen auf den Infektionsschutz geachtet werden.“

„Mangelndes Unrechtsbewusstsein“

Auch in Leipzig beobachtet man schon länger mit Sorge, dass die Rücksichtslosigkeit beim Thema Müll steigt. Von 2017 bis 2019 sind die jährlichen Entsorgungskosten von illegalen Ablagerungen um 46.000 Euro gestiegen.

„Ein Trend besteht in einer erhöhten und dynamischeren Freizeit- und Erholungsnutzung des öffentlichen Raums. Diese beinhaltet in der warmen Jahreszeit u. a. auch eine deutliche Zunahme von Partys, Grillfestes etc. in Parkanlagen. Littering, d. h. die Vermüllung des öffentlichen Raums, ist leider eine typische Begleiterscheinung“, sagt Sprecherin Susanne Zohl.

Zohl attestiert den Müllsündern unter anderem „fehlende Eigenverantwortung und mangelndes Unrechtsbewusstsein“. Die Stadtreinigung hat in der Konsequenz begonnen, riesige orangene Mülleimer im Stadtgebiet aufzustellen, die bis zu 1.100 Liter Abfälle schlucken können. 

„Leider werden diese Angebote häufig nicht angenommen“, sagt Zohl. Stattdessen käme es oft vor, dass Menschen die Behälter für ihren privaten Restmüll missbrauchen oder sie beschädigen.

Corona beschleunige diesen Trend, ist man sich in Leipzig sicher. In der Verwaltung führt man das besonders darauf zurück, dass Clubs und Tanzbars geschlossen bleiben müssen. „In der Folge stieg die Nutzung der öffentlichen Grünanlagen auf ein hohes Maß und führt bis heute zu einer erhöhten Anzahl von Anmeldung von Veranstaltungen in den öffentlichen Grünanlagen sowie zahlreichen Spontanpartys“, sagt Zohl.

Während des Shutdowns sah sich die Stadtreinigung sogar dazu gezwungen, öfter Touren zu fahren. Der Grund: „Eine teilweise erhebliche Zunahme von To-Go Verpackungen in den öffentlichen Papierkörben.“

Abseits der Großstädte teils sogar weniger Müll

Von solchen Problemen blieben die Saubermacher in den ländlichen Regionen Sachsens offenbar relativ verschont. „Eine Häufung von wilden Ablagerungen, wie sie im März eventuell feststellbar war, ist momentan nicht mehr zu erkennen“, sagt Ronny Hirschmann, Leiter des Regiebetriebs Abfallwirtschaft im Landkreis Görlitz.

Im Landkreis Meißen wurden seit erstem März zwar 20 mehr Anzeigen wegen illegaler Abfallablagerung als im Vorjahreszeitraum registriert. Einen Bezug zu Corona kann Landkreis-Sprecherin Anja Schmiedgen-Pietsch aber nicht ausmachen. „Mengenschwenkungen in diesen Größenordnungen sind über das gesamte Jahr betrachtet nicht sehr außergewöhnlich.“

Der zuständige Zweckverband Oberes Elbtal hat für den Kreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge sogar sinkende Zahlen verzeichnet, rund 13 Tonnen und 8,6 Prozent weniger illegale Ablagerungen als im Vorjahreszeitraum 2019. Hierzu zählt auch, wenn Sperrmüll einfach auf der Straße landet.

Treten beim Thema Müll und Corona also deutliche Stadt-Land-Unterschiede zutage? „Gerade in den größeren Städten ist ein seit Jahren anhaltender Trend festzustellen, wonach insbesondere auf öffentlichen Plätzen vermehrt Verpackungen und Zigarettenkippen weggeworfen oder liegengelassen werden. 

Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich diese Menge durch die Corona-Pandemie bedingt erhöht hat“, heißt es in einer schriftlichen Antwort des sächsischen Umweltministeriums. Aktuelle Zahlen liegen dazu aber noch nicht vor. Ein Blick in die sächsische Siedlungsabfallbilanz von 2018 bestätigt jedoch den Trend: Im Vergleich zu 2017 sind die Entsorgungskosten für illegalen Müll um 12.000 Euro auf insgesamt 1,1 Millionen Euro gestiegen.

Gesundheitsgefahren durch weggeworfene Masken?

Beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) beobachtet man diese Entwicklung zunehmend mit Sorge. „Corona hat das Bewusstsein für Umweltschutz aus der öffentlichen Debatte verdrängt“, sagt die Sprecherin des sächsischen Landesverbandes, Annelie Treu. Gleichzeitig gebe es eine Rückkehr zum Einwegprodukt. „Gaststätten haben beispielsweise statt dem Zuckerstreuer wieder Einwegpäckchen, Einwegumhänge in Frisörläden, Desinfektionstücher- und mittel an allen Ecken, Speisen und Getränke wurden und werden oft to-go in Plastik- oder Styroporverpackungen gekauft“, bemängelt Treu.

Besonders gefährlich sei, dass viele Menschen ihre Mundschutze und Handschuhe in der Öffentlichkeit verlieren oder wegwerfen. Dabei gehören sie eigentlich ausschließlich in den privaten Restmüll, da dieser verbrannt wird und deshalb keine Ansteckungsgefahr biete, wie der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft empfiehlt.

Corona hat also vor allem dort, wo viele Menschen leben und zusammenkommen, deutliche Müll-Spuren hinterlassen, darin sind sich die Städte und Umweltorganisationen einig. Doch die Aufforderung, Müll in einen Mülleimer zu werfen, reiche nicht aus. Viel wichtiger sei es, weniger zu kaufen und damit die Produktion zu senken, sagt BUND-Sprecherin Treu. 

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