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Schäfer Schmidt und die Wölfe

Sein ganzes Leben verbringt Gerhard Schmidt schon mit seiner Schafherde. Er hütet sie mitten im Wolfsland. Wie lange geht das noch gut?

© Uwe Soeder

Von Jana Ulbrich

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Erwartungsfroh hebt die Herde die Köpfe. „Pój, Pój“, ruft Gerhard Schmidt seinen Schafen zu. Los kommt! Die ganze Herde trottet los. Der Schäfer schmunzelt. Er kann mit seinen Tieren eben auch Sorbisch reden. Es ist ein sehr schönes und sehr friedliches Bild, wie er da steht an diesem eiskalten Februarmorgen auf dieser gefrorenen Wiese. Wie die Tiere arglos grasen. Wie der Reif auf der Landschaft liegt und der Morgennebel sich langsam aus den Feldern hebt. Gerhard Schmidt atmet die klare Winterluft. Er liebt diese friedliche Stille hier draußen. „Ich könnte mir keinen anderen Arbeitsplatz vorstellen“, sagt er.

Aber das hier ist keine Idylle. Das ist harte Arbeit. Gerhard Schmidt muss eine neue Koppel bauen. Jeden Tag muss er das machen. Eine Koppel für 480 Schafe braucht mindestens einen halben Hektar. Und für die Nacht gibt er der Herde vorsichtshalber noch einen viertel Hektar mehr. „Damit sie Platz zum Weglaufen haben, wenn die Wölfe kommen“, sagt Schmidt. Die Wölfe sind ein Albtraum für den Schäfermeister aus dem Crostwitzer Ortsteil Horka. Die Wiesen, auf denen seine Schafe weiden, seit er denken kann, liegen seit ein paar Jahren mitten im Wolfsland, im Jagdrevier des berüchtigten Rudels aus Rosenthal. Das ist bekannt dafür, auch vor Elektrozäunen mit Flatterband nicht mehr zurückzuschrecken.

Auch Gerhard Schmidt hat das Flatterband von den Wolfsmanagern kostenlos bekommen. Und er achtet penibel darauf, dass es richtig sitzt und flattert. Er kann nur hoffen, dass es hilft. Dreimal am Tag fährt er raus zu seinen Schafen, kontrolliert die Koppelstangen, die Stromnetze und das Stromgerät. Jeden Tag. Jeden Sonntag. Jeden Feiertag. Es gibt keinen einzigen Tag, an dem Gerhard Schmidt nicht bei seiner Herde ist.

Haben sich die Wölfe vielleicht deshalb noch nie an seinen Schafen vergriffen, weil er so viele Stunden hier draußen bei den Tieren verbringt? Der Schäfermeister zuckt mit den Schultern. „Ich hab bis jetzt einfach Glück gehabt“, vermutet er und lässt resigniert die Arme fallen. „Ich denke, das ist nur noch eine Frage der Zeit.“ Er mache sich da gar keine Illusionen, sagt er und hofft doch inständig, dass er so einen Wolfsangriff niemals erleben muss. „Ich kann nachts schon nicht mehr schlafen. Das kann doch so nicht mehr weitergehen mit dem Wolfsschutz.“

Im Mai kommen die Lämmer

Die Schafe ahnen nichts von seinen Sorgen. Sie grasen und grasen. Die Muttertiere hier draußen auf der Weide sind trächtig. Dick und rund sind ihre Leiber. Im Mai kommen die Lämmer. „Das werden wieder schwere Geburten“, ahnt Schäfer Schmidt. Der milde Winter schenkt den Tieren in diesem Jahr viel Futter. Und Schafe tun nun mal nichts anderes als fressen. Da werden auch die Lämmer in ihren Leibern groß und kräftig. Gerhard Schmidt zeigt in Richtung Waldrand. Dort drüben, erzählt er, gleich hinter der Koppel, haben die Wölfe einer trächtigen Ricke das Kitz aus dem Leib gerissen. Ein schlimmer Anblick.

Er weiß, wie nahe die Wölfe seinen Schafen sind. Kürzlich, als es nachts geschneit hatte, hat er früh ganz nahe an der Koppel frische Spuren im Schnee entdeckt. Die können nicht von Max und Kai gewesen sein, den treuen Hütehunden. Er bringt die beiden ja erst am Morgen mit. Vor Kurzem hat er einen Wolf am helllichten Vormittag gesehen. „Das waren keine 300 Meter Entfernung von der Herde“, erzählt Gerhard Schmidt. „Was passiert denn, wenn die Schafe in Panik geraten und ausbrechen“, fragt er und kennt die Antwort: „Dann werde ich verantwortlich gemacht, wenn etwas passiert.“ Gerhard Schmidt haut seinen ganzen Frust mit den Koppelstangen in die Erde. Bei dem steinhart gefrorenen Boden muss er kräftig zuschlagen. Stange für Stange für Stange. Unermüdlich läuft er und zieht neue Zäune. Selbst bei diesen Minusgraden wird ihm warm dabei. Und penibel passt er auf, dass die Netze auch wirklich straff über dem Boden sitzen. Er kann doch für Hunderte Meter Koppelzaun nicht auch noch einen Untergrabungsschutz bauen.

Die Schafe sind auch Landschaftspfleger. Gerhard Schmidt bekommt Geld von der EU dafür. Ohne die EU-Gelder, sagt er, würde es gar nicht mehr gehen. Die Herde hält die Wiesen kurz und trampelt die Böden fest. Landwirte aus der ganzen Gegend rufen ihn an, wenn sie seine Hilfe brauchen. Auch auf dieser Weide hier am Rande von Naußlitz erledigen seine Tiere gerade Auftragsarbeit. Das Abweiden ist wichtig für die Natur. Wo Schmidts Herde gefressen und getrampelt hat, können sich Milan und Bussard auf die Feldmäuse stürzen. Kein Landwirt braucht im Frühling eine Mäuseplage.

Die neue Koppel ist fertig. Gerhard Schmidt öffnet ein Zaunfeld und weist die Hunde an ihre Plätze. Max und Kai wissen, was jetzt zu tun ist. Der Schäfer hat sie ja selber ausgebildet. „Pój, Pój“, ruft er der Herde jetzt wieder zu. Die lässt sich nicht lange bitten und rennt im Laufschritt. Die Hunde dirigieren den Tross zuverlässig in das neue Koppelfeld. Gerhard Schmidt nickt zufrieden. Er prüft zum zigsten Mal, ob der Zaun auch wirklich Strom führt. Dann pfeift er nach den Hunden.

18 590 Unterschriften gegen Wölfe

Heute Abend wird er sich seine schöne schwarze Schäfertracht anziehen. Er ist zu einer Diskussionsrunde über Sinn und Unsinn des strengen Artenschutzes für Wölfe eingeladen. Er muss nicht überlegen, was er sagen wird. In der stolzen Schäfertracht ist er Anfang Januar auch nach Dresden gefahren. Gerhard Schmidt gehört zu den Initiatoren einer Petition an den Sächsischen Landtag, die die Begrenzung des Wolfsbestands in der Lausitz fordert. Die Petition trägt 18 590 Unterschriften, so viele wie kaum ein anderes Ansinnen an den Petitionsausschuss. „Es kann doch nicht sein, dass der Schutz eines Raubtieres höher steht als das Lebenswerk der Menschen“, sagt der Schäfermeister. Ist seine Schafherde etwa kein Lebenswerk?

„Ich weiß nicht, ob und wie lange ich die Tiere überhaupt noch behüten kann“, sagt Gerhard Schmidt, der sein Handwerk schon beherrscht, seit er 16 ist. Noch nie, sagt er, war die Schäferei so schwierig wie jetzt, seit er Flatterband über die Elektrozäune spannen muss. Das sei schlimmer als die Tatsache, dass sein Berufsstand heutzutage wohl ohne EU-Subventionen gar nicht mehr überleben könnte. In diesem Jahr wird Gerhard Schmidt 60. Er will noch nicht ans Aufhören denken, sagt er. Die Schäferei ist doch sein Leben. Das seiner Kinder wird sie nicht. Sohn und Tochter werden sein Lebenswerk nicht fortführen. Gerhard Schmidt versteht sie gut.