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Schaukämpfe um eine Moschee

Die ersten Minarette für Sachsen spalten Leipzig. Unterstützer und Gegner standen sich jetzt gegenüber.

© dpa/Sebastian Willnow

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Es musste ja so kommen: Kaum hat die liberale islamische Ahmadiyya Muslim Jamaat-Gemeinde (AMJ) einen Moschee-Neubau mit zwei Minaretten in Leipzig angekündigt, sind Bürger aller Couleur auf den Barrikaden. Am Wochenende protestierten Hunderte Demonstranten und prominente Vertreter von Politik und Kirchen gegen eine Kundgebung der NPD, die die Moschee im Stadtteil Gohlis verhindern will. Deren Versammlung mit etwa 100 Anhängern wurde von Polizeiwagen und einer Kette von Beamten eingekesselt. Nach zwei Stunden zogen die Rechtsextremisten wieder ab. Leipzigs Polizeipräsident Bernd Merbitz konnte dem Treiben der Rechtsextremisten ebenso genervt wie gelassen zuschauen.

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Während der NPD-Landtagsabgeordnete Jürgen Gansel und Partei-Vize Maik Scheffler wetterten, Moscheen seien „das sichtbarste Zeichen islamischer Inbesitznahme deutschen Landes“ machten Blasmusik und Pfeifkonzerte ein Zuhören fast unmöglich. Das Aktionsnetzwerk „Leipzig nimmt Platz“ hatte die Proteste organisiert. In nahen Kirchen wurden Mahnwachen und Friedensgebete abgehalten, der Bürgerverein Gohlis, SPD, Grüne und Linke hielten eine Kundgebung ab. Ihre Botschaft: Die Ziele der NPD seien rassistisch und menschenverachtend, die „Hassprediger dieser Republik“ seien deren Parteichef Holger Apfel und Jürgen Gansel.

Auch Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) unterstützt das Moschee-Projekt. Religionsfreiheit sei ein Menschenrecht, betont er. „Religion gehört in die Mitte der Stadt.“ Ängste der Menschen vor dem Unbekannten könne am besten ein offenes, nach außen sichtbares Gotteshaus nehmen. Auch rechtlich gebe es keine Bedenken gegen die Moschee, so Jung.

Vor gut drei Wochen hatte Abdullah Uwe Wagishauser, Emir und Bundesvorsitzender von AMJ, das Leipziger Moschee-Vorhaben mit Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau im Rathaus vorgestellt. Geplant sei ein kleines Gebetshaus mit zwei zwölf Meter hohen Zierminaretten – die nicht begehbar sind und von denen kein Muezzin rufen werde. Es wäre die erste Moschee mit Minaretten in Sachsen. Der Gebetsraum werde für etwa 100 Menschen ausgelegt. „Wir bauen keine Protzbauten“, so Wagishauser. Im Frühsommer könnten die Bauarbeiten für das orientalisch anmutende Gebäude beginnen, wenn das Genehmigungsverfahren zügig abläuft. Etwa 500.000 Euro kostet es die Gemeinde.

Seit die Pläne bekannt wurden, gärt der Streit in Leipzig. Auf Versammlungen äußern Anwohner starke Ressentiments gegen den Islam. Und sie befürchteten Aufmärsche in ihrer Nachbarschaft, Verkehrschaos, Bedrohung von Kindern und eine Wertminderung der Immobilien. Auf Facebook hat die Bürgerinitiative „Gohlis sagt Nein“ schon mehr als 5 800 Fans gefunden. Die anonyme Gruppierung sieht ihren Stadtteil vom Rathaus übergangen.

Öffentliche Herrschaftssymbole wie Moscheen stören unser vertrautes Stadtbild, wird in NPD-Diktion argumentiert. Für die Religionsausübung reichten „Privaträume und Gebetsteppiche“, heißt es. In zahllosen Kommentaren auf der Facebook-Seite wird auch massiv gegen Unterstützer der AMJ-Gemeinde gewettert. Und davon gibt es viele.

Als einer der prominentesten erklärte der Pfarrer der Thomaskirche, Christian Wolff: „Wir freuen uns, dass es zu diesem Bau der Moschee kommt. Wir werden dafür spenden.“ In einem Land mit Religionsfreiheit sei der Bau von Gotteshäusern eine Selbstverständlichkeit. Wenn in islamisch geprägten Ländern Christen verfolgt werden, dürfe das nicht dazu führen, „dass wir in unserer Stadt dieses schändliche Verhalten kopieren“. Leipziger Christdemokraten gehen indes auf Distanz zum Rathaus und sympathisieren mit dem Protest. Es dürfe nicht rücksichtslos über die Köpfe der Bürger hinweg entschieden werden, erklären CDU-Abgeordnete wie Bettina Kudla und Wolf-Dietrich Rost. Ja, die bauliche Eigenart der Moschee im orientalischen Stil stehe im Kontrast zur Gohliser Umgebung.

Emir Wagishauser kennt Proteste wie in Leipzig. Beim Moschee-Bau in Berlin stand er Tausenden aufgebrachten Demonstranten gegenüber. Mittlerweile habe sich die Lage dort aber entspannt, berichtet er. Während die NPD die Moschee zum Wahlkampfthema mache, um auf Stimmenfang zu gehen, erlebe er in Leipzig zugleich eine breite Solidarität. „Wir können das Projekt beruhigt angehen.“

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Zur Leipziger Ahmadiyya-Gemeinde gehören kaum 70 Mitglieder, in ganz Deutschland zählt sie rund 35.000 Mitglieder. Die AMJ lehne Gewalt strikt ab und vertritt die Gleichberechtigung von Mann und Frau, betont der in Deutschland geborene Wagishauser. Insgesamt leben in Leipzig knapp 10.000 Muslime, knapp zwei Prozent der Bevölkerung.