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Schweißer im Görlitzer Waggonwerk bleiben länger

Bombardier verschiebt den angekündigten Stellenabbau um ein Jahr - und schafft Jobs für Bahnforscher in Dresden.

Von Georg Moeritz
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Spezialität Doppelstockwagen: Bombardier Görlitz schrumpft später.
Spezialität Doppelstockwagen: Bombardier Görlitz schrumpft später. © Matthias Hiekel/dpa

Die Staatskanzlei am Dresdner Elbufer ist normalerweise nicht der Ort, an dem zwei neue Stellen für Doktoranden an der Dresdner Universität versprochen werden. Doch Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) wollte am Donnerstag den eher kleinen Anlass nutzen, ein "Zeichen der Hoffnung und Zuversicht" an die 2 200 Beschäftigten der Bombardier-Waggonbauwerke in Görlitz und Bautzen zu senden. Sie sollten nicht wieder eine unruhige Vorweihnachtszeit erleben wie voriges Jahr, als der kanadische Konzern Stellenabbau für Deutschland ankündigte.

Der Abbau in Görlitz verschiebt sich, sagte nun in der Staatskanzlei Michael Fohrer, Deutschland-Chef von Bombardier. Auch er sprach von einer "guten Nachricht vor Weihnachten". Erst im Jahr 2020 statt 2019 finde die angekündigte Spezialisierung auf den Bau von Wagenkästen statt. Bis dahin habe das Werk in Görlitz "mehr Arbeit als gedacht". Dort werden beispielsweise Doppelstockwagen für die Deutsche Bahn gebaut. Außerdem hat sich ein Großauftrag für die Schweizer Staatsbahn SBB verzögert, weil Behindertenorganisationen Nachbesserungen für Rollstuhlfahrer forderten. Doch in dieser Woche hat das Bundesverwaltungsgericht laut SBB entschieden, dass der Zug die Normen erfüllt.

Firmenchef Fohrer deutete auch zusätzliche Investitionen für das Werk Bautzen an. Dort stellen rund 1 000 Beschäftigte S-Bahnen, U- und Straßenbahnen her. Im Juni ist dort eine neue Montagehalle in Betrieb genommen worden, als Teil von laufenden Investitionen im Wert von 30 Millionen Euro. Fohrer sprach nun von bis zu 50 Millionen Euro, die in Bautzen investiert würden. Das Werk sei "Aushängeschild" des Konzerns und werde weltweit Maßstäbe setzen bei der Produktion im Sinne von "Industrie 4.0". Dieser Begriff steht für Automatisierung. Doch Fohrer sagte, Bautzen biete auch Arbeitsplätze für Beschäftigte des schrumpfenden Görlitzer Standorts. Der soll nach früheren Angaben auf 800 Beschäftigte verkleinert werden. Im Sommer waren dort 1 300 Beschäftigte und 200 Leiharbeiter tätig, voriges Jahr noch 800 Leiharbeiter mehr. Betriebsbedingte Kündigungen sind laut Vereinbarung mit der IG Metall bis Ende 2019 ohnehin ausgeschlossen.

Mechatroniker und Elektriker werden laut Fohrer gebraucht, etwa für den Innenausbau der Waggons in Bautzen. In Görlitz seien allerdings "sehr, sehr viele Schweißer" tätig. Sie müssten weiter qualifiziert werden, das Unternehmen sei dazu bereit.

In der Staatskanzlei unterschrieb Fohrer auch einen Vertrag mit der Technischen Universität Dresden (TU), der laufende Forschungsprojekte verlängert. In den vergangenen zehn Jahren sind 23 Diplom- und fünf Doktorarbeiten entstanden, drei Doktoren bekamen anschließend Arbeitsverträge bei Bombardier. Nun verlängert der Konzern seine Partnerschaft mit der TU um fünf Jahre und zahlt zunächst eine halbe Million Euro. Professor Michael Beitelschmidt von der Fakultät für Maschinenwesen sagte, der Rahmenvertrag lasse noch ganz viel Platz für mehr Projekte. Kretschmer habe ursprünglich auf eine Stiftungsprofessur gehofft, also auf Geld von Bombardier zur Finanzierung eines zusätzlichen Lehrstuhls. Doch die TU Dresden habe bereits Professoren, die sich mit Schienenverkehrstechnik auskennen.

Daher kommt das Geld nun zunächst zwei zusätzlichen Doktoranden und der Verlängerung zweier Forschungsprojekte zugute. Das eine soll zu ruhigeren Zugfahrten führen: Ziel ist eine Software, die Betriebsgeräusche im Waggon vorausberechnet und so Entwicklungskosten verringert. Das zweite Projekt ist ein Messsystem für die Abstände zwischen Straßenbahnen und ihrer Umgebung - zum Beispiel Bordsteinkanten und Masten. Projektkoordinator Beitelschmidt hält es für unmodern, mit angeklebten Styroporklötzen zu testen, ob noch Platz ist. Solche "archaischen Methoden" sollen durch kontaktlose Vermessung ersetzt werden. Bombardier hat mit der Technischen Universität Berlin einen Batteriezug entwickelt, der bis zu 100 Kilometer Strecke ohne Oberleitung überbrücken kann. Fohrer wollte aber nicht versprechen, dass diese Technik für die Strecke Dresden-Görlitz infrage komme.

Kretschmer erinnerte daran, dass in Dresden mit Geld vom Bund das Deutsche Zentrum für Schienenverkehrsforschung aufgebaut wird. Es soll mit der TU und der vorhandenen Außenstelle des Eisenbahnbundesamtes mit ihren 50 Mitarbeitern zusammenarbeiten. Mögliche Schwerpunkte: Industrie 4.0 und moderne Materialien.

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