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Die Olympia-Vorbereitungen des Rekordweltmeisters

Corona überstanden, Training gestartet, Ziele konkretisiert – Bobdominator Francesco Friedrich meldet sich zurück.

Von Tino Meyer
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Die Beinpresse im Kraftraum der Uniklinik ist hochmodern – kommt bei einem wie Francesco Friedrich aber an ihre Grenzen. Das Programm wird trainingswissenschaftlich begleitet von Philipp Flößel.
Die Beinpresse im Kraftraum der Uniklinik ist hochmodern – kommt bei einem wie Francesco Friedrich aber an ihre Grenzen. Das Programm wird trainingswissenschaftlich begleitet von Philipp Flößel. © Matthias Rietschel

Dresden. So viel Weißkittel sind selbst in der Uniklinik Dresden selten in einem Raum, zumindest wenn Francesco Friedrich trainiert. Regelmäßig ist der alles dominierende Bobpilot der vergangenen vier, fünf Jahre hier in der Abteilung für Sportmedizin und Rehabilitation. Doch Sorgen machen muss man sich nicht um den Ausnahmeathleten aus Pirna, auch nicht nach dessen Corona-Infektion im März dieses Jahres.

Das haben verschiedene Tests gezeigt, und das hat ihm Heidrun Beck, die ärztliche Leiterin der Abteilung, jetzt noch mal bestätigt. „Auch meine Anschieber haben die Sache überstanden. Wir sind alle wieder gesund, fit und voll motiviert“, sagt Friedrich – wobei an Letztgenanntem ohnehin keine Zweifel bestanden. Selbst nach zwei Olympiasiegen, elf WM-Titeln und insgesamt 52 Weltcup-Siegen brennt Friedrich wie kein anderer für seinen Sport.

In der trainingsfreien Zeit zuletzt soll er sogar schon mal heimlich hochgerechnet haben, wie lange es noch dauern könnte bis zum 100. Erfolg im Weltcup. Allein der Gedanke daran wird die Konkurrenz aufgehorcht haben lassen und das Ergebnis erst recht. Bei acht, neun Rennen pro Saison im Zweier- und Viererbob wären das bestenfalls drei, vier Jahre. Wer Friedrichs Ehrgeiz kennt, weiß jetzt Bescheid.

Die größte Herausforderung

Vor gut einem Monat ist er 31 Jahre alt geworden, und viele große Piloten vor ihm hatten erst jenseits der 30 ihre erfolgreichste Zeit. Friedrich dagegen hält bereits nahezu jeden Rekord seiner Sportart. Doch die Ziele gehen ihm nicht aus. Bei den Winterspielen in Peking im Februar 2022 will er seine Olympiasiege drei und vier einfahren. Dann hätte Friedrich mit Boblegende André Lange gleichgezogen. Die Vermutung liegt nahe, dass auch dies dem Perfektionisten Friedrich nicht genug ist.

Bleibt das Thema Fitness, die vielleicht größte Herausforderung mit zunehmendem Alter im Leben eines Profisportlers. Dem Körper immer wieder Höchstleistungen abzuverlangen, ist schließlich nicht nur eine mentale Sache. Friedrich nimmt offensichtlich auch dabei eine Sonderstellung ein. Ähnlich wie beim Tüfteln am Material überlässt er bei der Planung, Ausführung und Analyse des Trainings nichts dem Zufall. Akribisch in jedem Detail sei er, sagt Sportärztin Beck.

Tatsächlich ist Friedrich, der seit elf Jahren der Nationalmannschaft angehört, längst ein trainingserfahrener Athlet. Zusammen mit seinem Team, dem Heimtrainer Gerd Leopold und Trainingswissenschaftler Florian Scholz angehören, erfindet er sich und sein Übungsprogramm dennoch immer wieder neu. „Ein mündiger und so interessierter Athlet wie Francesco ist natürlich Gold wert“, meint Philipp Flößel, der mittlerweile zum engen Betreuerstab dazugehört, obwohl er mit Bobsport wenig bis nichts zu tun hat.

Bei der Wahl von Deutschlands Sportlern des Jahres 2020 schaffte es Team Friedrich als erste Bobsportler überhaupt aufs Podium. Den Pokal für Rang drei gab es coronabedingt nachträglich jetzt beim Trainingslager im Schwarzwald.
Bei der Wahl von Deutschlands Sportlern des Jahres 2020 schaffte es Team Friedrich als erste Bobsportler überhaupt aufs Podium. Den Pokal für Rang drei gab es coronabedingt nachträglich jetzt beim Trainingslager im Schwarzwald. © Uli Hugger

Flößel ist Sportwissenschaftler, an der Uniklinik angestellt und als Funktionsbereichsleiter Kraft in der Abteilung Sportmedizin für alle Kaderathleten des Olympiastützpunktes Dresden/Altenberg verantwortlich. Er sagt: „Mit Francesco läuft kein Training so, wie es auf dem Zettel steht. Er kennt seinen Körper genau und bringt immer eigene Ideen mit. Für uns Wissenschaftler ist das eine große Bereicherung.“

Dass Friedrich ab sofort jede Woche in der Uniklinik ist, liegt an der neuesten Errungenschaft. Isomed 2000 heißt das Gerät, Anschaffungspreis rund 34.000 Euro und 500 Kilogramm schwer, ist „das Detail, was hier am Standort noch gefehlt hat. Eine optimale Ergänzung“, betont Friedrich.

Mit der computergestützten, isokinetisch arbeitenden Beinpresse, die als Goldstandard der Kraftdiagnostik gilt und beim Demonstrationstraining für den Weißkittel-Auflauf im Kraftraum sorgt, könne er nun noch intensiver und umfassender arbeiten. „Das ist ein großes Gerät, mit dem man alle wichtigen Muskeln im Bein kompakt trainiert.“

Grob umrissen funktioniert das so: Die Fußplatte fährt mit einer Last von bis zu 600 Kilogramm auf Friedrich zu, er hält dagegen und schiebt dann rund 100 Kilogramm zurück – jeweils acht bis zehn Mal bei insgesamt fünf Serien. Anschließend folgt ein Schnellkraftblock mit drei Durchgängen bei erhöhter Geschwindigkeit. „Die Bobsportler“, betont Flößel noch, „machen das einbeinig, alle anderen mit beiden Beinen.“

Beinpresse auch für Freitzeitsportler

Und generell gelte: Was Spitzensportlern hilft – Friedrich rechnet damit, am Start pro Lauf eine Hundertstelsekunde schneller zu sein –, ist für ambitionierte Freizeitsportler nicht verkehrt. Künftig sollen daher neben den Kaderathleten auch wettkampforientierte Freizeitsportler mit der Beinpresse trainieren.

Nach dem ersten Mal im Mai, gesteht Friedrich, hatte auch er zwei, drei Tage Muskelkater im Hintern. Doch der Mensch sei ein Gewohnheitstier und könne sich auf alles einstellen, meint er. Einem Perfektionisten mag man an dieser Stelle nicht widersprechen. Zudem helfen eine gute Ernährung, Dehnung, Physiotherapie – und nicht zuletzt der innere Antrieb verbunden mit dem großen Ziel: Peking 2022.

Anfang Mai hat die achtmonatige Vorbereitung auf Olympia begonnen, meint Friedrich. Mit seinen Anschiebern, zu denen seit dieser Saison auch der frühere Lange-Anschieber Alexander Rödiger zählt, gab es bereits erste Trainingslager in Kienbaum und im Schwarzwald. Zudem trifft sich das Team regelmäßig zum Anschubtraining in Riesa und nun auch einmal pro Woche in der Uniklinik – dann aber ohne Weißkittel im Kraftraum.