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Halbtagsjob Schule? Darüber kann sie nur lachen

Stefanie Waibl ist Mama, Frau des DSC-Cheftrainers, Gewerkschafterin und eine sehr engagierte Lehrerin - Teil 2 der Serie "Die neue Karriere nach dem Sport".

Stefanie Waibl arbeitet seit 2017 als Lehrerin am Bertolt-Brecht-Gymnasium in Dresden.
Stefanie Waibl arbeitet seit 2017 als Lehrerin am Bertolt-Brecht-Gymnasium in Dresden. © Matthias Rietschel

Dresden. Hier in der Schule fällt sie wahrscheinlich noch mehr auf als früher. Stefanie Waibl ist die mutmaßlich größte Lehrerin Dresdens. Am Bertolt-Brecht-Gymnasium unterrichtet sie Deutsch sowie GRW, was für Gemeinschaftskunde, Rechtserziehung und Wirtschaft steht. Und mit 1,88 Meter Körperhöhe überragt Waibl selbst viele ihrer männlichen Kollegen.

Die Rückschlüsse auf die sportliche Karriere liegen nahe. Als Volleyball-Profi prägte sie von 2003 bis 2014 eine ganze Ära beim Dresdner SC, unter ihrem Mädchennamen Karg und als Mittelblockerin am Netz. Was die inzwischen 34-Jährige, die 2015 DSC-Cheftrainer Alexander Waibl heiratete, schon immer von vielen ihrer Kolleginnen unterschied: Sie wusste, was nach dem Sport kommen soll, welchen Beruf sie ergreifen möchte: Lehrerin. „Ich habe immer viel geredet, gelesen, und ich habe das auch gespielt. In dem Beruf hast du mit so vielen verschiedenen Menschen zu tun, diese Arbeit ist so spannend“, sagt Waibl.

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2005 unterzeichnete sie ihren ersten Profivertrag beim DSC, begann, parallel zu studieren – und ganz bewusst nicht Sport. „Erstens gab es diese Studienrichtung zu meiner Zeit in Dresden nicht. Zweitens hätte ich ja trotzdem Sportseminare besuchen müssen. Parallel zum Leistungssport ist das nicht möglich“, sagt sie und ergänzt lachend: „Sportunterricht fand ich zu meiner Schulzeit nicht besonders toll.“

Als Kapitänin führte Stefanie Karg die DSC-Volleyballerinnen 2014 zum Meistertitel.
Als Kapitänin führte Stefanie Karg die DSC-Volleyballerinnen 2014 zum Meistertitel. © Archiv: Robert Michael

Für die Ausbildung lehnte die gebürtige Hoyerswerdaerin auch so manche Einladung zur Nationalmannschaft ab. „Deshalb habe ich so gut wie nie für die Auswahl gespielt“, bestätigt sie. Auf gerade mal 75 Einsätze im Juniorinnen- und Frauenbereich bringt sie es, ihre Kollegin Christiane Fürst hat allein 345 Mal für die A-Nationalmannschaft gespielt. Auf eine ähnliche Statistik hätte es auch Waibl bringen können. „Im Wintersemester machst du fürs Studium echt wenig, dafür im Sommer umso mehr“, erklärt sie.

Während die deutschen Frauen bei der Heim-EM 2013 die Silbermedaille gewannen und landesweit gefeiert wurden, „habe ich mein Latinum gemacht“, sagt Waibl und meint: „Im Nachhinein bin ich nicht traurig darüber.“ Zwei deutsche und ein tschechischer Meistertitel sowie jeweils ein Pokalsieg krönen ihre lange wie erfolgreiche Karriere. „Meine Knie und Schultern“, sagt sie, „sind garantiert nicht 34, die sind älter als ich. Diese 15 Sportjahre, die merke ich.“

Ihr Beispiel verdeutlicht auch die rasante Entwicklung der Sportart. Ein Studium parallel zur Profikarriere würde sie vermutlich jetzt nicht mehr wagen. „Das ist auch schwer zu vereinbaren mit dem Sport, gerade bei einem Verein wie dem DSC. Dafür arbeitet man dort schon zu professionell“, erklärt Waibl und dehnt das kleine Wort zu um mehrere U. Das Motivationsloch, in das viele Profisportler nach der Karriere fallen, war für sie dagegen nie ein Thema. „Je nachdem, wie wichtig es dir ist, dass du Applaus kriegst, das Wettkampf-Adrenalingefühl spürst, dieses Hoch brauchst, desto tiefer kann das Loch werden, in das du fällst“, sagt Waibl. „Man muss sich halt andere Projekte suchen.“

Volleyball ist weiter ein wichtiger Teil des Lebens

Eine Familie ist beispielsweise „schon mal ein Riesenprojekt“, sagt sie und bei ihr der Punkt, der die Ex-Volleyballerin unweigerlich an ihre Karriere erinnert. Das kann beim Beruf ihres Mannes auch gar nicht anders sein. Bei der gemeinsamen Arbeit hat es gefunkt. Mittlerweile haben Waibls zwei Söhne: den fünfjährigen Mika und Paul (1,5 Jahre), die beide etwas zu früh auf die Welt kamen. „Zwei gesunde Kinder sind ein Riesenglück. Nicht jeder hat so ein Glück, das muss man sich immer wieder mal bewusst machen“, sagt sie leise, um im nächsten Moment kichernd zuzugeben: „Mit drei Männern daheim ist echt toll, aber auch anstrengend.“

Volleyball ist also weiter ein wichtiger Teil ihres Lebens. Oft laufen Volleyballspiele auf dem Laptop – Alexander Waibl gilt als akribischer Analytiker, Tüftler und Macher. Ein Charakterzug, der ihn mit seiner Frau verbindet. Im vergangenen September hat sie im Kreis Dresden-Stadt den ehrenamtlichen Vorsitz in der Gewerkschaft des sächsischen Lehrerverbandes übernommen. „Wir organisieren kulturelle Veranstaltungen für unsere Mitglieder und bieten, wenn es gewünscht ist, berufspolitische Veranstaltungen an“, erklärt sie.

Gerade jetzt während der Corona-Pandemie gibt es viel zu besprechen, zu erklären, zu beschwichtigen – und auch Mut zu machen. „Wir klopfen ab, welches Meinungsbild es innerhalb der Gewerkschaft gibt, wenn es um das Infektionsgeschehen geht, wenn es darum geht, Schulen wieder zu öffnen oder zu schließen“, sagt Waibl und betont, dass ihr das Ehrenamt sehr viel Spaß macht. „Ich bin jemand, der mitgestalten, nicht nur ausführen will. Das kann man auf verschiedenen Ebenen machen. Im Bildungsbereich haben wir genug Baustellen, die es zu beackern gilt“, sagt Waibl.

Eine klare Strategie in der Öffnungspolitik für Schulen vermisst auch sie. „Wenn man die Schulen mit einem Großteil der Schüler öffnen möchte – und das ist ja im Wechselunterricht der Fall – dann muss ich auch für die Sicherheit der Lehrkräfte sorgen und die Selbsttests pünktlich an die Schulen bekommen“, fordert Waibl, die als Klassenlehrerin in der 7. Klasse eingesetzt ist.

Mit Trainer Alexander Waibl ist sie seit 2015 verheiratet.
Mit Trainer Alexander Waibl ist sie seit 2015 verheiratet. © Archiv: Robert Michael

Vor allem die aktuelle Debatte um die technische Ausrüstung an den Schulen beschäftigt Waibl. „Vom technischen Standard sind her wir ein Entwicklungsland und überbürokratisiert“, sagt die Lehrerin und erklärt sarkastisch: „In der Prioritätensetzung wissen wir ja, wo wir stehen.“ Das Thema Bildung liege ziemlich weit hinten. „Sind wir mal ehrlich: Auch Sechstklässler sind klein, denen kannst du nicht über Monate zumuten, dass sie ihren Lernprozess selbst strukturieren. Da kannst du online alles schick aufbereiten, aber irgendwann wirkt das nicht mehr. Du brauchst Gespräche und Nähe“, meint Waibl. Dennoch ist sie eine, die schwärmerisch über ihren Beruf reden kann. „Lehrer ist ein guter Beruf – eigentlich der schönste.“ Und das thematisch breit angelegte Fach GRW wie geschaffen für sie.

Waibl liest gern politische Sachbücher, beispielsweise über Meinungsfreiheit. „Ich will und ich muss permanent informiert sein und alles aufsaugen, was ich in meine Arbeit mit einbringen möchte. Das Fach ist immer aktuell“, sagt die 34-Jährige, die im Unterricht gern mit greifbaren, aktuellen Bezügen arbeitet. Welches Bild sie vor Augen haben, wenn sie an einen Lkw-Fahrer denken, hat sie ihre Schüler mal gefragt. Die meist genannten Antworten: „Groß, korpulent, mit Bart und Karohemd. An solchen Beispielen will ich erläutern, was Sprache mit uns macht“, erklärt Waibl. Sie will ihren Schülern Werte und Orientierung vermitteln, dass sie Dinge hinterfragen, ihre Meinungen gut und sachlich argumentieren. Lesen hält sie dabei für wichtig. „Wenn du wenig liest, kannst du dich nicht richtig ausdrücken.“

Was in der Wahrnehmung unter den Tisch fällt

Waibl brennt für ihre neue berufliche Aufgabe – und strahlt das auch aus. Das Lehrer-Klischee, doch nur einen halben Tag zu tun zu haben, erlebt sie anders, obwohl derzeit 20 Stunden Teilzeit pro Woche in ihrem Arbeitsvertrag stehen. Sechs Uhr aufstehen, Mika in die Kita, Paul zur Tagesmutti, 14.30 Uhr Unterrichtsschluss, Kinder abholen, noch mal spielen an der frischen Luft, dann die abendlichen Rituale.

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Sind die Kinder im Bett, widmet sich die Lehrerin der Vor- oder Nachbereitung des Unterrichts. „Du hast unheimlich viel zu tun, wenn du das gut machen willst, dich reinhaust. Deshalb ist man natürlich auch mal gehetzt. Es gibt kaum einen Abend, an dem ich zu Hause nicht noch mal arbeite“, sagt sie und verdeutlicht das verklärte öffentliche Lehrerbild: „Wie viel Lehrer arbeiten, konnte sich Alex auch nicht vorstellen. Erst seit ich arbeite – und das nur in Teilzeit. In der Gesellschaft ist das Bild sehr verbreitet, dass Lehrer wenig arbeiten – und die haben ja auch so viel Ferien. Dass wir da korrigieren und komplette Halbjahre planen“, meint sie, „fällt halt in der Wahrnehmung immer unter den Tisch.“

Im nächsten Teil lesen Sie: Dynamo ist nicht mehr. Was Ex-Profi und -Geschäftsführer Volker Oppitz jetzt macht.

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