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Die neue Perspektive des DSC-Multitalents

Vom Bauernhof in die Bundesliga: Linda Bock ist ein Multitalent und spielt bei den Volleyballerinnen des Dresdner SC eine andere Rolle als geplant.

Von Michaela Widder
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Goldregen soll es am besten am Saisonende beim DSC geben. Linda Bock durfte beim Kalender-Shooting schon mal Konfetti auf ihre Mitspielerinnen streuen.
Goldregen soll es am besten am Saisonende beim DSC geben. Linda Bock durfte beim Kalender-Shooting schon mal Konfetti auf ihre Mitspielerinnen streuen. © Thomas Kretschel

Dresden. Mit Namensspielchen ist das immer so eine Sache. Alexander Waibl, der Trainer der Volleyball-Frauen vom Dresdner SC, bringt den Satz und muss dann prompt ein bisschen über sich lachen: „Linda hat Bock“, sagt er über seine Spielerin Linda Bock und ihre neue Rolle, und er findet, er habe damit eine gute Schlagzeile geliefert.

Zum Glück ist Waibl aber Trainer und darf sich über vieles andere als Überschriften in der Zeitung Gedanken machen. Zum Beispiel darüber, wie er wieder eine erfolgreiche Mannschaft zusammenstellt und reif für den nächsten Titel macht. Eine wichtige Rolle spielt dabei Linda Bock, die den Abschied von Weltklassespielerin Lenka Dürr nach der Meistersaison einigermaßen auffangen sollte – als Libero.

Doch aus der Abwehrspezialistin wurde eine Angreiferin, noch bevor die Saison begonnen hatte, und auch im nächsten Bundesligaspiel gegen Potsdam am Samstag, 17.30 Uhr, wird sie auf dieser Position spielen. Nach der schweren Knieverletzung der US-Amerikanerin Jacqueline Quade in der Vorbereitung war plötzlich Not an der Frau – und der DSC-Angriff unterbesetzt.

Es ist natürlich nicht so, dass man auf Erstliganiveau wild rotieren kann wie früher im Schulsport. Die 21-Jährige hat bereits Erfahrung und kam bei ihrem vorherigen Klub in Münster zu ein paar Einsätzen als Außen-Annahme-Spielerin, wie es im Volleyballdeutsch etwas umständlich heißt. „Linda ist außergewöhnlich begabt auf beiden Positionen“, sagt Waibl, betont aber: „Im Herzen ist sie eine Angreiferin – schon immer“.

Als Junioren-Nationalspielerin bereits im Blick

Bock würde das nie abstreiten – und nimmt ihre neue Rolle beim DSC gern an. „Ja, ich mag es total“, sagt sie. Die Aufgabe passt zu ihr als „Temperamentsbündel“, wie Waibl sie beschreibt: „Sie braucht das Draufhauen für ihre Balance.“

Ein Libero, der weder aufschlagen noch oberhalb der Netzkante angreifen und blocken darf, hat es manchmal nicht leicht. „Erwischt man einen schlechten Tag, kann man das kaum ausgleichen. Als Angreifer bin ich breiter aufgestellt, da gibt es so viele Elemente“, sagt Bock, die logischerweise noch viele Fehler macht – aber auch Punkte, meist zweistellig.

„Linda geht immer voll. Sie kann sich noch nicht so gut managen, wie viel Risiko sie nimmt“, erklärt Waibl. Trotzdem hat er sich für diesen Weg mit ihr entschieden. Das ist auch ein Grund, warum der 53-Jährige die etatmäßige Stelle nach der Verletzung bisher nicht nachverpflichtet hat.

Stammlibero ist nun Sophie Dreblow, eine weitere talentierte Spielerin mit Bundesliga-Erfahrung, die jedoch als klare Nummer zwei verpflichtet wurde. „Wir wollen sehen, wie weit es für Linda reicht – auch international“, meint Waibl, der als U23-Bundestrainer die junge Bock schon länger im Blick hatte. Er sehe bei der Nationalspielerin „gewaltiges Steigerungspotenzial“.

Der Weg in den Profi-Volleyball passierte eher zufällig. Linda Bock verlebte ihre Kindheit auf dem Bauernhof ihrer Großeltern in Velen im Westmünsterland mit vielen Tieren und ihren drei Cousins. Sie lernte Traktorfahren und Holzhacken.

Noch heute ist der Hof für sie ein wichtiger Ort zum Ausspannen. „Da kann ich vom Alltag abschalten. Es geht nicht nur um Volleyball, sondern viel um Geschichten von früher.“ Wie sie zum Beispiel beim TuS Velen gekickt hat, bis sie 16 war. Danach wollte sie nicht in ein Frauenteam wechseln, „weil es mit den Jungs cool war“.

2018 der erste Profivertrag

Bock hatte ja noch Volleyball, sie spielte als Kind auch in ihrer Heimatstadt Velen, später in Borken in der zweiten Liga. 2018 bekam sie ihren ersten Profivertrag in der Bundesliga beim USC Münster. Ein Grund, warum man sie lange eher als Libero sah, könnte ihre Körpergröße sein. „Ich bin relativ spät noch mal gewachsen und bekam mit 18,19 einen Schub“, erzählt sie.

Mit 1,80 Meter ist sie zwar noch immer keine Riesen-Angreiferin im Volleyball, aber auch nicht zu klein, um zu punkten. Bock ist froh über die Chance und das Vertrauen, dass ihr Waibl gibt, aber jederzeit auch bereit, wieder als Abwehrchefin dem Team zur Verfügung zu stehen. „Es ist leichter vom Angriff auf Libero umzuswitchen“, meint sie, „als umgekehrt“.

In Dresden fühlt sich Bock längst angekommen, sie mag die Stadt, das Umfeld und den Verein. „Neue Dinge haben mich noch nie abgeschreckt.“ Auch im Team fühlt sie sich sehr wohl, da kommt Bock ihre offene Art zugute. Das Privatleben spielt sich viel am Telefon ab. Ihr Freund ist Co-Trainer beim Dauerrivalen Schwerin. Dennoch waren die zuletzt beiden siegreichen Begegnungen im Norden – einmal im Supercup und vor einer Woche in der Bundesliga – für sie keine besonderen. Das Paar ist seit fast drei Jahren zusammen und hat schon einige Aufeinandertreffen erlebt. „Das blendet man fürs Spiel aus.“

In Schwerin haben sie zusammen eine Wohnung. Und mit DSC-Kapitänin Jennifer Janiska, deren Mann auch dort wohnt, bildet sie hin und wieder eine Fahrgemeinschaft in den Norden. Von ihr kann Bock noch viel lernen für ihre neue Rolle. Denn Janiska ist Weltklasse als Angreiferin.