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Am Strand von Rimini - aber es ist kein Urlaub

Die deutschen Volleyballerinnen sind für vier Wochen an der italienischen Adria. Dort haben sie ein straffes Programm, erzählt Jennifer Janiska vom Dresdner SC.

In Dresden und jetzt auch bei der Nationalmannschaft im Fokus: Volleyballerin Jennifer Janiska beim DSC-Fotoshooting.
In Dresden und jetzt auch bei der Nationalmannschaft im Fokus: Volleyballerin Jennifer Janiska beim DSC-Fotoshooting. © Christian Juppe

Allein dieser Ort verheißt die pure Idylle: sechs Wochen am Strand von Rimini. An der Adria lässt sich der Corona-Blues vermutlich blendend ausblenden – zumal mit Zugang zu einem Privatstrand. Die deutsche Nationalmannschaft der Volleyballerinnen hat vor einer Woche dort eingecheckt. Allerdings nicht zur Erholung. Es ist eine der ungewöhnlichsten Blasen, die die Corona-Pandemie in diesen Tagen hervorgebracht hat.

Der Volleyball-Weltverband FIVB lässt wegen der Pandemie die Nations League ausschließlich im Badeort an der italienischen Adria austragen. Das deutsche Team bestreitet demnach in vier Wochen 15 Spiele. Die ersten drei sind bereits absolviert, mit Siegen gegen die Niederlande und Belgien sowie einer Niederlage gegen Russland. Für das Team um Spielführerin Jennifer Janiska vom deutschen Meister Dresdner SC heißt die Realität nach 16 Monaten coronabedingter Länderspielpause in dem Urlaubsparadies mithin: pendeln zwischen Hotelzimmer und Sporthalle.

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Janiska kann dieser Situation aber durchaus Positives abgewinnen. „Im Team hat sich einiges getan. Gewisse Automatismen müssen sich erst noch finden. Aber dafür ist die Bubble tatsächlich recht gut, da man Trainiertes direkt im Spiel umsetzen kann und wenig abgelenkt wird“, erklärt die 27-Jährige, die vom Fach-Journal Volleyball-Magazin zur wertvollsten Spielerin der Saison in der Bundesliga gekürt wurde.

Bundestrainer Felix Koslowski und der Mannschaftsrat haben sich für die Zeit zwischen den Partien gegen die besten Nationen der Welt offenbar allerhand einfallen lassen. Der Turnierrhythmus fordert das geradezu heraus. Drei Spiele an drei Tagen und dann jeweils drei Tage Pause. „Wir klären gewissermaßen fast täglich ab, welche Freiheiten, welche Leitplanken wir vor Ort haben oder bekommen“, sagte der Bundestrainer vor dem Turnierstart. Es sei geplant, „dass wir eine Stunde am Tag aus dem Hotelkomplex in den Pool oder auch an den Strand dürfen“.

Zocken gegen den Lagerkoller

Außerdem kann das deutsche Team in einem Seminarraum anderen Ablenkungen nachgehen. Dort ist beispielsweise eine Tischtennisplatte aufgebaut. Nintendo Switch und andere Gesellschaftsspiele stehen bei den deutschen Frauen ebenfalls hoch im Kurs. „Wir wollen so viele Angebote wie möglich machen, damit es nicht zu langweilig wird und man zwölf Stunden im Hotelzimmer sitzt“, meint Koslowski.

Das scheint zu funktionieren. „Meine ersten Eindrücke sind wirklich sehr gut“, sagt Janiska über das Leben in der Blase. „Ich mag die Umgebung. Es ist großartig, hier zu spielen, und auch ohne Zuschauer ist es wirklich sehr, sehr gut. Natürlich müssen wir im Hotel Masken tragen, aber wir können uns mit Spielerinnen aus anderen Teams unterhalten“, erklärt sie. Der finanziell klamme Deutsche Volleyball-Verband (DVV) hat für das Thema Wäsche extra Co-Trainer Paul Sens außerhalb der Bubble in einer Ferienwohnung untergebracht. Hätten die Deutschen den Hotelservice genutzt, wären 30.000 Euro bei Männern und Frauen allein für saubere Wäsche draufgegangen. „Wir waschen unsere Wäsche wirklich und hängen sie nicht nur zum Trocknen auf“, sagt Koslowski. Sens sammelt also jeden Tag am Hoteleingang die benutzte Wäsche ein.

Die Nations League gewinnt in der Qualifikation für die Olympischen Spiele immer mehr an Gewicht. „Wir können uns in der Nations League viele Weltranglistenpunkte holen, und die wird immer maßgeblicher werden, um sich für Weltmeisterschaften und Olympia zu qualifizieren“, sagt Koslowski. Seine Mannschaft ist derzeit Weltranglisten-Zwölfter und bestreitet das Turnier in Rimini fast in Bestbesetzung. Nur Superstar Louisa Lippmann wird nach der kräftezehrenden Saison aufgrund eines erhöhten Verletzungsrisikos geschont.

Janiska hat deshalb in der Nationalmannschaft auch ihre bisherigen Klubkolleginnen Camilla Weitzel und Lena Stigrot dabei. Mit Linda Bock gehört auch ein DSC-Neuzugang zum Aufgebot. Dagegen wechselt Weitzel zur nächsten Saison in die erste italienische Liga nach Chieri. Stigrot werden Kontakte zum Erstliga-Aufsteiger Rom nachgesagt, doch die 26-Jährige hat noch nirgendwo unterzeichnet. „Dass unsere Spielerinnen im Ausland wieder mehr gefragt sind, ist nur möglich, weil die Bundesliga sich grundsätzlich sehr gut entwickelt“, meint Koslowski, der parallel den Meisterschaftsdritten Schweriner SC betreut. „Das ist ein Zeichen an die Bundesliga, dass hier gut gearbeitet wird.“ Sie gehöre organisatorisch ohne Zweifel zu den Top Drei in Europa, so der 37-Jährige.

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Es bleibt ein Zwiespalt. „Ich sehe es natürlich gern, wenn sich deutsche Nationalspielerinnen in der heimischen Liga weiterentwickeln und dort auch für die Vereine und Fans Identifikationsfiguren werden“, meint Koslowski. „Ich glaube aber auch, dass es sehr positiv sein kann, den Schritt ins Ausland zu wagen.“

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