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Der neue Mann an der Seite des Pechstein-Freundes

Gert Oestreich kann nicht Schlittschuh laufen. Und doch will der Dresdner die angeschlagene Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft zukunftsfit machen.

Gert Oestreich will den deutschen Verband voranbringen und den Standort Dresden stärken.
Gert Oestreich will den deutschen Verband voranbringen und den Standort Dresden stärken. © Arvid Müller

Dresden. Anpacken und bewegen sind Verben, die Gert Oestreich derzeit oft und gern benutzt. Zumindest in Bezug auf seine ehrenamtliche Tätigkeit. Der gebürtige Dresdner will und soll an der Seite von Matthias Große, dem Lebensgefährten der erfolgreichsten deutschen Winterolympionikin Claudia Pechstein, den angeschlagenen deutschen Verband modernisieren, reformieren und wieder in die Erfolgsspur zurückführen.

Die hat die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) zumindest in der Sparte Eisschnelllauf bereits seit einiger Zeit verlassen und auch noch eine deftige Finanzlücke hinterlassen. Von knapp 400.000 Euro war die Rede. Heute sagt Oestreich in seiner neuen Funktion als Vize-Präsident des Verbandes: „Stand Ende Oktober ist die DESG ohne Schulden.“ Was nicht allein am neuen Hauptsponsor liegt, dem Dienstleistungsunternehmen B&O-Gruppe, sondern auch wieder freigegebenen Fördermitteln.

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Nach reichlichen Rücktritten hatte Große zunächst den Verband kommissarisch geführt und wurde am 19. September von der Mitgliederversammlung des Verbandes zum neuen Präsidenten gewählt. Ein wichtiger Unterstützer dabei: Oestreich. Der 54-Jährige war bisher allenfalls sehr kundigen Fachleuten bekannt – als Vize-Vorsitzender des Eislauf-Vereins Dresden. Jetzt wurde er mit 88 Prozent der möglichen Stimmen zum „Vize-Präsident Eisschnelllauf der DESG“ gewählt. Aber wer ist dieser Mann an der Seite von Große? Und was hat er vor? Zunächst muss er viel erklären. Zum Beispiel seine sperrig formulierte Position. „Dass es einen Vize-Präsidenten für Eisschnelllauf und Shorttrack gibt, ist satzungsbedingt“, sagt Oestreich. Diese Rechtsform des olympischen Sportverbandes war stark veraltet und wird derzeit aufgefrischt. „Perspektivisch ist angedacht, dass wir beide Sportarten als gleichwertig darstellen wollen“, erklärt er. Die Umbenennung in Deutsche Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft sei beantragt, wie Oestreich betont, „liegt allerdings derzeit noch beim Notar“.

Claudia Pechstein ist die erfolgreichste deutsche Winterolympionikin.
Claudia Pechstein ist die erfolgreichste deutsche Winterolympionikin. © dpa/Peter Dejong

Dass sich die neue DESG-Führung noch mit solchen Formalien und nicht mit Inhalten beschäftigen muss, deutet an, wie viele Probleme sich im Lauf der Jahre angehäuft haben. Oestreich sieht seine Aufgabe daher derzeit in der Bestandsaufnahme dessen, was gewesen oder noch vorhanden ist. „Ich prüfe die Art und Weise der Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Trainern, Sportlern und Funktionären. Dabei sehe ich mich ein Stück weit als Vermittler – aber außerhalb sportfachlicher Aufgaben“, sagt er. Auch konzeptionelle Absprachen zwischen dem Nachwuchs- und Seniorenbereich sowie zwischen den einzelnen Stützpunkten will Oestreich kritisch begleiten und gegebenenfalls optimieren.

Denn er weiß aus erster Hand, wo die Probleme an der maßgeblichen Schnittstelle zur Weltklasse liegen. Seine Töchter sind oder waren hoffnungsvolle Talente. Maxi hat vor knapp zweieinhalb Jahren dem Shorttrack Lebewohl gesagt und sich ihrer Berufsausbildung gewidmet. Antonia trainiert im Eisschnelllauf in der Trainingsgruppe von Olympiasieger André Hoffmann. Selbst Schlittschuh laufen kann Oestreich nicht, zumindest nicht so richtig. „Ich würde es nicht so bezeichnen, aber ich würde mich nicht schwer verletzen“, erklärt der Familienvater augenzwinkernd. „Letztlich ist es so, dass wir junge Sportler dahingehend unterstützen, dass sie an ihrem Standort bleiben können, so lange sie ihre Schulzeit noch vor sich haben.“

Denn auch in Dresden musste man schmerzlich erfahren, dass speziell im Eisschnelllauf zu wenige Talente den Sprung in den Erwachsenenbereich schaffen. Einige bleiben auf der Strecke, nähern sich anderen persönlichen Perspektiven oder können außerhalb ihres gewohnten sozialen Umfelds die Balance zwischen Alltag und Hochleistungssport nicht mehr meistern. „Viele Talente stagnieren. Und wir haben zu wenige“, sagt Oestreich. „Es muss alles stimmen. Der stärkste Muskel zwischen dem linken und dem rechten Ohr muss mit entwickelt sein – das ist unabdingbar. Das geht nur in einem intakten sozialen Umfeld“, glaubt er.

Matthias Große ist Präsident der Eisschnellläufer und Shorttracker sowie Claudia Pechsteins Freund.
Matthias Große ist Präsident der Eisschnellläufer und Shorttracker sowie Claudia Pechsteins Freund. © dpa/Christophe Gateau

Oestreich und die Führungs-Crew wollen dafür bessere Bedingungen schaffen. „Auf der Nachwuchsentwicklung liegt unser Schwerpunkt. Da haben wir im Eisschnelllauf zwei Generationen verloren“, sagt er. Er kann dabei positive Erfahrungen aus seinem Heimatverein einbringen. Dort gibt es ausreichend Masse und Klasse – im Jugend- und Juniorenbereich. Seit Jahren ist der EV Dresden bei deutschen Nachwuchsmeisterschaften der erfolgreichste Verein der Republik. „Da muss ich eine große Lanze für unsere Trainer brechen. Wir können viele junge Sportler für das Eis gewinnen“, sagt er.

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Oestreich hätte es sich als stellvertretender Dresdner Vereinsboss gemütlich machen können in seiner regionalen Komfortzone. Warum stellte er sich dann der unübersichtlichen Problembewältigung in der DESG? „Ich bin jemand, der Verantwortung übernimmt, wenn er Dinge anschiebt“, sagt er. Etwas anpacken, etwas bewegen eben. Diese Aufbruchstimmung verbreitet Oestreich gerade. Für die Bewältigung dieser Aufgaben hat er sich das Einverständnis seiner Familie und seines Arbeitgebers geholt. Seit 17 Jahren arbeitet er deutschlandweit als Vertriebler für ein Schweizer Familienunternehmen im Bereich Automation Machining. Knapp 50.000 Kilometer legt Oestreich im Jahr auf der Straße zurück. „Ich habe mit meinem Chef vereinbart, dass der eine oder andere Urlaubstag für mein Ehrenamt draufgeht, wenn die vorhandene Freizeit dafür nicht ausreicht“, sagt er. Also anpacken und bewegen.

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