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Frauentag mit alten Klischees und neuen Fragen

Sie könnten unterschiedlicher kaum sein, ihre Erfahrungen aber sind nahezu identisch: Vier Frauen diskutieren über die Gleichberechtigung im Sport.

Sachsens Gleichstellungsministerin Katja Meier, Fußball-Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg, Kugelstoßerin Cristina Schwanitz und DOSB-Vizepräsidentin Petra Tzschoppe (v.l.).
Sachsens Gleichstellungsministerin Katja Meier, Fußball-Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg, Kugelstoßerin Cristina Schwanitz und DOSB-Vizepräsidentin Petra Tzschoppe (v.l.). ©  dpa/Robert Michael

Dresden. Es ist Frauentag – und der erste Mann des größten Sportverbands der Welt peinlich berührt. Es sei „beschämend, wie weit hinten dran wir sind“, erklärt Fritz Keller, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes. Er meint den Anteil weiblicher Mitglieder im Verband generell, aber auch von Frauen in DFB-Führungspositionen. Überrascht oder ernüchtert, das lässt sich im Interview auf der Verbandshomepage nicht herauslesen, stellt er fest: „Wenn Sie mal bei uns ins Präsidium schauen, da sind fast nur Kerle, die sehen so aus wie ich: leicht übergewichtig, graue Haare. Wir brauchen aber mehr Frauen im Präsidium.“

Dafür wolle sich der 63-Jährige nun einsetzen, denn derzeit sei nur jedes siebente Mitglied im DFB weiblich. Eine Frauenquote von 30 Prozent für Spitzenämter hält er für denkbar. „Den Frauen müssen wir zeigen, dass wir sie wollen, dass wir ihre Qualitäten brauchen. Das fängt in der Bundesliga an und hört in der Kreisliga auf“, sagt Keller – und es klingt wie eine der Absichtserklärungen, wie man sie mindestens einmal zu oft gehört hat.

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Ob es der DFB-Präsident ernst meint? Für Martina Voss-Tecklenburg, die Bundestrainerin der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, ist das gar nicht die Frage. Sie ist schon einen Schritt weiter, will nicht mehr nur reden.

Auf der Suche nach Vorbildern

Die Gelegenheit am Internationalen Frauentag in Dresden kommt ihr dennoch recht. „Früher habe ich mir keine Gedanken gemacht, ob es den Tag braucht. Heute sage ich: Leider ja“, sagt die gebürtige Duisburgerin, die seit dem 15. Lebensjahr Fußball spielt, am Montag in der Dreikönigskirche.

Sachsens Justiz- und Gleichstellungsministerin Katja Meier (Bündnis 90/Grüne), einst aktive Synchronschwimmerin, hat zur Gesprächsrunde geladen, und gegenüber von Voss-Tecklenburg sitzt Petra Tzschoppe, die Vizepräsidentin im Deutschen Olympischen Sportbund. „Es gibt halt immer noch große Verbände, die im 21. Jahrhundert unterwegs sind und es nicht so mit Frauen in Führungspositionen haben“, sagt sie – und meint den DFB. Hannelore Ratzeburg ist im Präsidium dort allein mit 17 Männern.

„Wir haben auf allen Ebenen zu wenig Frauen, maximal auf administrativer Ebene oder in der Physiotherapie“, betont Voss-Tecklenburg, und sie fordert: „Wir brauchen mehr Sichtbarkeit von Frauen, dürfen sie aber nicht als kleines Wunder darstellen, sondern als Vorbilder.“ Ein Vorbild wie Christina Schwanitz.

Die Weltklasse-Kugelstoßerin, deren Zwillinge im Sommer vier Jahre alt werden, komplettiert die Gesprächsrunde. „Ich finde diese Rolle sehr schön, anfassbar für andere zu sein und ein Vorbild“, sagt die 35-Jährige und verdeutlicht, wie wichtig das sei. „Wir Frauen müssen uns präsentieren, wenn es sein muss mit provokanten Worten. Die Leistung allein wird nicht honoriert, sie wird ja nicht mal respektiert“, sagt Schwanitz und erzählt von den Rollenbildern, mit denen sie aufgewachsen ist. Dass Mädchen nicht raufen dürfen, zurückhaltend auftreten und am besten kleine Schritte machen.

Äußerlichkeiten wieder im verstärkt im Fokus

Schwanitz, 1985 in Dresden geboren, ist von allem das Gegenteil. Nur verändert hat sich seitdem offenbar nicht viel. „Das klassische Klischee, dem ich immer noch begegne, ist der Satz: Wenn ich an Kugelstoßen denke, dann an Männer. Ich bin auch schon in einem Interview gefragt worden, ob mein Mann Angst vor mir hat oder ob ich ihn über die Türschwelle getragen habe. Nur so ein Blödsinn. Und das hat mich keine Frau gefragt“, berichtet Schwanitz, die sagt, dass es von ihr nur ein Foto mit Rock gebe: von ihrer Schuleinführung.

Äußerlichkeiten, das bestätigen Voss-Tecklenburg und Tzschoppe, würden mittlerweile durch soziale Medien wieder verstärkt in den Mittelpunkt rücken. „Es wird medial suggeriert: 90-60-90. Doch ich habe noch ein Bein“, sagt Schwanitz. Sie erzählt von Talenten, die sich gegen den Sport entschieden haben, weil das Training den Körperbau verändert. „Das finde ich eine Katastrophe.“

Voss-Tecklenburg betont, in ihrer Karriere sämtliche Vorurteile und Klischees mitgemacht zu haben. „Wo ich aber richtig wütend werde, ist mangelhafte Anerkennung von gleichen Leistungen. Auch bei uns geht ein Spiel über 90 Minuten, und auch unsere Spielerinnen trainieren sieben, acht Mal in der Woche“, erklärt sie.

Nach dem Weltmeistertitel im Mixed-Team Ende Februar in Oberstdorf waren vor allem die Skispringer am gefragtesten. Dabei hatten die Frauen Anna Rupprecht (2.v.l.) und Katharina Althaus (r.) den Triumph erst möglich gemacht.
Nach dem Weltmeistertitel im Mixed-Team Ende Februar in Oberstdorf waren vor allem die Skispringer am gefragtesten. Dabei hatten die Frauen Anna Rupprecht (2.v.l.) und Katharina Althaus (r.) den Triumph erst möglich gemacht. © Archiv: dpa/Daniel Karmann

Der Bundestrainerin, die zu den Spielerinnen gehörte, die 1989 für den EM-Sieg vom DFB ein Kaffee-Service erhielten („Das steht zu Hause und wird immer noch benutzt, manche Teile sind auch in Museen“), geht es nicht mal ums Geld. „Wir müssen endlich wegkommen von den typischen Rollenbildern und Denkweisen. Wenn wir gleichberechtigt wären, brauchen wir auch den Frauentag nicht mehr“, sagt sie.

Tzschoppe fasst es letztlich so zusammen: „Weltfrauentag 2021: Sehen und verstehen, was Frauen weltweit leisten. Feststellen, dass sie noch nicht überall anerkannt und geachtet werden – auch im Sport. Also: gratulieren und weiterkämpfen – wie im Sport!“ Ihr Bild der Woche, das explizit auch für den Frauentag steht: „Als das deutsche Skisprung-Mixed-Team bei der Ski-WM über die Goldmedaille gejubelt hat“, meint Tzschoppe – auch wenn im Anschluss fast ausschließlich über die Herren Geiger und Eisenbichler gesprochen wurde und nicht über Frau Althaus und vor allem Frau Rupprecht, die den Sieg mit einer herausragenden Leistung möglich machte.

Wann und wie jetzt wiederum DFB-Präsident Keller handelt, hat er offengelassen – und die Führungsverantwortung erst mal an die Klubs weitergereicht: „Dann gehört halt auch mal der Mut eines Bundesligisten dazu, einer Frau diese Rolle zu geben.“

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