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Dynamos Problem mit Sachsens Innenminister

Roland Wöller will unbedingt personalisierte Tickets einführen. Der Verein wehrt sich noch. Spitzt sich das Thema jetzt zu?

Galant im Auftreten, hart in der Sache: Roland Wöller, hier bei der Eröffnung von Dynamos Trainingszentrum vor ziemlich genau einem Jahr.
Galant im Auftreten, hart in der Sache: Roland Wöller, hier bei der Eröffnung von Dynamos Trainingszentrum vor ziemlich genau einem Jahr. © dpa/Robert Michael

Dresden. Am Anfang war die Gewalt, nicht nur beim Aufstiegsspiel des Neu-Zweitligisten Dynamo Dresden. Die Vorfälle vom 16. Mai, als die zunächst friedliche Zusammenkunft von bis zu 4.000 Fans in unmittelbarer Stadionnähe eskalierte und sich rund 500 gewaltbereite Anhänger eine Straßenschlacht mit der Polizei lieferten, reiht sich ein in die Liste der Ausschreitungen bei Fußballspielen. Nicht nur bei Dynamo, aber eben immer wieder.

Die Idee von Sachsens Innenminister Roland Wöller ist deshalb nicht neu. Der CDU-Politiker hat immer wieder mal von personalisierten Tickets gesprochen, nun aber geht er vehementer denn je in die Offensive. Schon am Tag nach den Krawallen, bei denen 185 Polizisten, zwei Journalisten sowie zahlreiche Dynamo-Fans verletzt worden sind, erneuerte Wöller seine Forderung. Und im Podcast „Politik in Sachsen“ von Sächsische.de hat er dann kürzlich noch einmal nachgelegt.

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„Es darf kein Tabu mehr sein, über personalisierte Tickets zu reden. Wir lernen ja in der Corona-Krise, dass mit Digitalisierung vieles möglich ist“, sagte Wöller, und er erklärte: „Es wäre ein deutliches Zeichen zu sagen, dass Leute, die verurteilt oder straffällig geworden sind, nicht mehr ins Stadion rein dürfen. Das müssen wir hinbekommen, und deshalb sind wir mit den Vereinen im Gespräch und auch mit der Innenministerkonferenz.“

Wehlend weiß um Ernst der Lage

Zweimal jährlich kommt der in Sachsen auch für den Sport zuständige Wöller mit den Amtskollegen der anderen Bundesländer zusammen, zuletzt in der vergangenen Woche. Beim Treffen im baden-württembergischen Rust war die Ticket-Forderung sein wichtigstes Anliegen – dem die Kollegen gefolgt sind, wenn auch weit weniger energisch. Man einigte sich auf die Formulierung, dass Handlungsbedarf bestehe. Wöller stellte danach fest: „Ich freue mich, dass die Innenminister künftig mit personalisierten Tickets bei Risikospielen weiterkommen wollen. Dies ist notwendig, um dann bundesweit wirksam Stadionverbote durch die Vereine durchzusetzen.“

Jürgen Wehlend, Dynamos kaufmännischer Geschäftsführer, hat die Ergebnisse von Rust registriert, nicht mehr und nicht weniger. Ein Befürworter personalisierter Tickets ist er keineswegs, doch Wehlend weiß um den Ernst der Lage und die Ernsthaftigkeit des Themas, speziell bei Wöller. Den Dauerkartenverkauf für die neue Saison hat der Verein erst einmal gestoppt, dabei ist das Interesse angesichts der langen Corona-bedingten Pause sowie der attraktiven Zweitliga-Gegner groß wie nie. Mit Wöllers Vorstoß hat das aber gar nichts zu tun, wie Wehlend versichert. Vielmehr wisse man nicht, wie sich die Pandemie entwickelt, und warte wegen fehlender Planungssicherheit erst einmal ab.

Die Position passt auch zu den kontrovers diskutierten personalisierten Tickets: sondieren, abwarten und, das ist der gravierende Unterschied, möglichst aussitzen. „Das haben wir zur Kenntnis zu nehmen, das ist letztlich eine Entscheidung der Politik“, sagt Wehlend, inzwischen regelmäßig mit Wöller im Austausch, um dann seinen Lösungsansatz vorzutragen. Er setzt vor allem auf Kommunikation und Zivilcourage. „Das müsste eigentlich der Weg sein. Aber am Ende des Tages muss man sagen: Wenn es nicht anders geht, wird es auch solche Lösungen geben müssen.“ Wehlend meint die personalisierten Tickets.

„Technisch ist das kein Problem“, hat er vergangene Woche im Podcast CoronaCast erklärt. Speziell in England gibt es sie seit Jahren und auch bei Auswärtsspielen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft wird bereits damit gearbeitet. Bis zur Einführung in der Bundesliga, schätzt nicht nur Wehlend, wird es allerdings noch dauern. „Ich kann es nicht genau sagen, warne an dieser Stelle nur vor zu viel Aktionismus und vor der Erwartung von schnellen Lösungen. In Deutschland ist der Datenschutz ein hohes Gut. Das wird noch einige Zeit und Diskussionen in Anspruch nehmen“, sagt Wehlend.

Thema für Wöller inzwischen Chefsache

Er verweist auf die Schwierigkeiten bei der Einführung der Corona-Warn-App und erzählt vom Branchenführer Bayern München, der gerade mühsam versucht, sein gesamtes Ticketsystem auf elektronische Eintrittskarten umzustellen. Die Innenministerkonferenz bestätigt ihn. Demnach solle, so hat es das sächsische Innenministerium in seiner Mitteilung angekündigt, „nach einer Auswertung der mit personalisierten Tickets durchgeführten EM-Spiele zügig Gespräche mit Deutscher Fußball-Liga und DFB geführt werden mit dem Ziel, dieses Vorgehen bei Risikospielen anzuwenden“. Ergebnis offen.

Das Thema ist damit aber nicht abgeräumt, sondern hat längst politische Dimensionen erreicht. Für Wöller ist es jetzt de facto Chefsache – nicht zuletzt aufgrund der Vehemenz, mit der er seine Forderung inzwischen immer wieder vorträgt. Auch daran wird er nun gemessen, dabei steht seine Arbeit bei den Koalitionspartnern sowie in der Opposition ohnehin schon unter besonderer Beobachtung.

Kritik, sei es aus Überzeugung oder aus reiner Wahlkampf-Rhetorik, gibt es jedenfalls reichlich. Die Linke wirft Wöller vor, er wolle wieder einmal den starken Mann markieren und hält personalisierte Tickets für, so die sportpolitische Sprecherin Marika Tändler-Walenta, „eine Scheinlösung, die allerdings sämtliche Fußballfans unter Generalverdacht stellt“.

Die Grünen sprechen von einer unverhältnismäßigen Maßnahme, die das Fan-Dasein einschränkt. „Krawalle vor dem Stadion werde man damit kaum unterbinden“, meint Ines Kummer, die sportpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion – und nimmt vielmehr auch Dynamo in die Pflicht: „Um Gewalt vor oder im Stadion zu verhindern, braucht es Vereine, die sich deutlich gegen Gewalt positionieren.“

Dynamo kündigt interne Debatte an

Das entspricht Wehlends Ansatz, der seinerseits versprochen hat, dass die Vorfälle vom 16. Mai nicht nur aufgearbeitet werden, sondern Konsequenzen haben sollen, möglichst sichtbare. Dies gehe nur Miteinander und sei kein leichter Weg, „gerade mit den sehr heterogenen Fangruppen, die Dynamo immer wieder im Positiven wie leider auch im Negativen auszeichnen“, wie Wehlend sagt.

Dass es den größten Widerstand gegen die personalisierten Tickets in den eigenen Reihen gibt, ist Wehlend bewusst. „Leider muss ich feststellen, dass unser Verein zumindest in der Vergangenheit dazu eine klare Position bezogen hat und personalisierte Tickets ablehnt“, sagt er, kündigt aber eine neue interne Debatte an: „Wir werden vor dem Hintergrund der Geschehnisse vom 16. Mai diesen Punkt noch mal diskutieren müssen.“

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Auf das Miteinander legt auch Wöller viel Wert. Es sei die gemeinsame Aufgabe für mehr Sicherheit zu sorgen, nur wünsche er sich dabei mehr Engagement der Liga und der Vereine. „Ich möchte nicht nur reden, irgendwann müssen auch Taten folgen“, sagt der Innenminister. Und er legt sich unmissverständlich fest: „Der Punkt ist: Ich möchte gern personalisierte Tickets haben. Seit Jahren wird mir gesagt, dass dies nicht möglich ist. Es ist nicht gewollt. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen.“

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