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Dynamo gegen Uerdingen? Da war doch was...

Für die einen ist es das Jahrhundertspiel, in Dresden die "Schmach von Uerdingen". Und nach der 3:7-Niederlage flüchtet auch noch Frank Lippmann. Seine Erinnerungen.

Beim Hinspiel am 5. März 1986 tauschen die beiden Kapitäne Matthias Herget (l.) und Hans-Jürgen Dörner die Vereinswimpel aus. Dynamo gewinnt 2:0, der Vorsprung reicht aber nicht.
Beim Hinspiel am 5. März 1986 tauschen die beiden Kapitäne Matthias Herget (l.) und Hans-Jürgen Dörner die Vereinswimpel aus. Dynamo gewinnt 2:0, der Vorsprung reicht aber nicht. © Privatarchiv Bernd Kießling

Dresden. Dynamo gegen Uerdingen - da werden Erinnerungen wach. An diesem Samstag treffen die Klubs in der 3. Liga aufeinander. Für immer unvergessen bleiben indes die fast schon dramatischen Ereignisse im Frühjahr 1986 beim Viertelfinale des Europapokals der Pokalsieger. Dynamo gewann das Hinspiel mit 2:0. In Uerdingen führte man zur Pause schon 3:1. „Jungs, auch wenn es aus und vorbei ist, blamiert euch nicht weiter, verabschiedet euch anständig aus dem Europapokal“, appellierte Uerdingens Trainer Karl-Heinz Feldkamp in der Halbzeit an seine Spieler.

Am Ende traute auch „Kalli“ seinen Augen nicht. Die Dresdner verloren mit 3:7, eine der höchsten Pleiten der Vereinsgeschichte - und auch noch ihren Stürmer Frank Lippmann, der sich nachts aus dem Hotel in Krefeld geschlichen und auf die Rückfahrt nach Dresden verzichtet hatte.

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Auch mehr als 34 Jahre später beschäftigt das damalige Politikum in der DDR die Medien. So musste Trainer Markus Kauczinski vor dem Drittliga-Spiel fast mehr Fragen zum historischen Duell beantworten als zum aktuellen. Vor wenigen Wochen erst hatte er sich eine Zusammenfassung des Rückspiels angeschaut. „Ich kann nur sagen, dass Jens Ramme sicher nicht allein schuld war“, sagte er. Der Ersatzkeeper wurde zur Halbzeit für den verletzten Bernd Jakubowski eingewechselt und kassierte sechs Tore.

Auch Lippmann wird immer wieder darauf angesprochen. „Klar, es gibt immer mal wieder Anfragen, das Thema werde ich wohl mein ganzes Leben nicht mehr los“, sagt Lippmann, inzwischen 59 und sportlicher Leiter beim Königswarthaer SV, dessen erste Männer-Mannschaft in der 7. Liga spielt.

Immer wieder mal muss er seine Geschichte erzählen. „Eine durchdachte, geplante Aktion war es nicht. Es war eine Fifty-fifty-Entscheidung, die ich erst nach dem Spiel getroffen habe.“ Er floh über die Hotel-Garage, wo ein Bekannter wartete. „Wir hatten West-Verwandtschaft, das war kein Problem.“ Wenige Tage später wurde er beim 1. FC Nürnberg als Neuzugang vorgestellt.

Nach mehreren Trainerstationen, auch bei Dynamo, arbeitet Frank Lippmann nun als sportlicher Leiter beim Königswarthaer SV in der 7. Liga.
Nach mehreren Trainerstationen, auch bei Dynamo, arbeitet Frank Lippmann nun als sportlicher Leiter beim Königswarthaer SV in der 7. Liga. © Foto: Marko Förster

Über seine Fluchtpläne hatte er mit keinem gesprochen. Nicht mit seiner Mutter, nicht mit seiner Verlobten Annett, seit 30 Jahren seine Ehefrau. „Aber nicht, weil ich kein Vertrauen hatte, sondern weil es im Vorfeld für alle eine riesige psychische Belastung gewesen wäre.“ Lippmann meldete sich am Tag nach seiner Flucht bei seiner Verlobten. „Ich musste mit allem rechnen, denn aus ihrer Sicht hatte ich sie und unsere vier Monate alte Tochter im Stich gelassen. Aber sie wusste schon Bescheid, die Stasi hatte sich bei ihr gemeldet. Damals war ich mir sicher, dass Annett und unsere Tochter schnell ausreisen dürften, schließlich war die Öffentlichkeit über den Vorgang informiert, der sogar bei Franz Josef Strauß, damals Ministerpräsident von Bayern, auf dem Schreibtisch landete.“

Doch die Rechnung hatte der Ost-Kicker ohne die DDR-Oberen gemacht. Erst drei Jahre und fünf Monate nach seiner Flucht durfte er Annett und seine Tochter Sylvie wieder in die Arme schließen. Ein Fluchthelfer hatte sie über Ungarn und Österreich auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs gebracht.

Den Tag des Wiedersehens kann Frank Lippmann heute noch nahezu minutiös nachzeichnen. „Ich saß in der Hotel-Lobby, wusste nicht, ob die Flucht geglückt war. Dann standen sie vor mir. Emotional war das absolut grenzwertig, man kann so einen Augenblick nicht beschreiben.“ Für seine Tochter war Lippmann ein Fremder. „Ich hatte nur Fotos von ihr, Sylvie kannte nur ihre Mama sowie Oma und Opa.“

Lippmanns Stasi-Akte umfasst rund 1.200 Seiten

1990 heiratete der Profi-Fußballer seine Annett im schweizerischen Örtchen Baar in der Nähe von Zug. Seinen Plan, noch einige Jahre als Spieler in der Schweiz gutes Geld zu verdienen, musste der Ex-Dynamo begraben. „Ich prallte im Training mit einem Mitspieler zusammen und zog mir eine schwere Fußverletzung zu. Glück im Unglück, am Tag zuvor hatte ich eine Versicherung abgeschlossen.“ Wenige Monate später kehrte die Familie nach Dresden zurück und Lippmann, dessen Stasi-Akte rund 1.200 Seiten umfasst, beendete seine Laufbahn als Amateur beim DSC.

Mit Klaus Sammer, 1986 Dynamo-Trainer und später wohl auch als Folge der Pleite gegen Uerdingen von seinem Amt freigestellt, sprach er sich aus. „Wir haben einige Male über diese Geschichte gesprochen und er hat mir versichert, dass meine Flucht nicht der Grund war, dass er als Chefcoach abgelöst wurde.“ Tatsächlich hatte Sammer einige Monate zuvor den Angreifer aus dem Kader gestrichen. „Ich hatte zur Weihnachtszeit 1985 einen Auto-Unfall mit Sachschaden verschuldet. Mein Pech war, dass es zuvor schon zwei negative Vorfälle in der Mannschaft gegeben und Klaus Sammer angekündigt hatte, beim dritten Vergehen konsequent durchzugreifen.“

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Drei Monate später reiste Lippmann trotzdem mit in den Westen. „Wir hatten einige verletzte Spieler und dann wurde an oberster Stelle entschieden, dass ich wieder eingesetzt werden soll, schließlich ging es gegen den Klassenfeind.“ Lippmann erzielte in beiden Duellen jeweils einen Treffer - es waren seine letzten für Dynamo. Aus Dresden ist er nicht wieder weggegangen. Seit Juli sind er und seine Annett Großeltern. „Die kleine Anna ist unser Sonnenschein, wir sehen sie regelmäßig.“

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