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Als Dynamo und Hansa gemeinsam aufgestiegen sind

Klappt das wieder? Vor 30 Jahren qualifizierten sich beide Klubs für die Bundesliga. Heiko Scholz und Juri Schlünz erinnern sich vorm Topspiel am Sonntag.

Im April 1990 trennte sich Dynamo mit Jörg Stübner (Mitte; 2019 verstorben) und Frank Lieberam zu Hause mit 1:1 von Hansa Rostock. Die Dresdner wurden in dem Jahr zum achten Mal Meister.
Im April 1990 trennte sich Dynamo mit Jörg Stübner (Mitte; 2019 verstorben) und Frank Lieberam zu Hause mit 1:1 von Hansa Rostock. Die Dresdner wurden in dem Jahr zum achten Mal Meister. © Archivfoto: Frank Dehlis

Dresden. Sie hätten nichts dagegen, wenn sich Geschichte wiederholt, also beide Vereine gemeinsam aufsteigen. Wie vor 30 Jahren. Damals qualifizierten sich Hansa Rostock und Dynamo Dresden für die Bundesliga. Dabei feierten die Ostseestädter mit einem 3:1-Sieg im direkten Duell vier Spieltage vor Schluss sogar die letzte Meisterschaft in der real bereits nicht mehr existierenden DDR, während die Schwarz-Gelben zwei Wochen später mit einem 2:1 bei Lok Leipzig Platz zwei klarmachten.

Sie waren am Erfolg ihrer Mannschaften entscheidend beteiligt. Juri Schlünz für Hansa, gegen Dynamo verwandelt er zwei Freistöße direkt. „Manchmal will es der Fußballgott so, dass alles gelingt“, sagt er. Und Heiko Scholz für die Dresdner, der in Leipzig ein Tor erzielt, das zweite teilen sich Torsten Güschow und Ralf Minge bis heute. Wer im Hechtsprung zuletzt oder überhaupt mit dem Kopf am Ball war, ist sowieso egal. Das Ergebnis zählt.

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„Wenn wir dort verlieren, sieht es düster aus“, erinnert sich Scholz an die Konstellation, die er dennoch nicht als Druck bezeichnen will. „Den hast du jede Woche, weil du gewinnen willst“, meint der 55-Jährige. „Ich habe immer gesagt, und so denke ich nach wie vor: Mensch, Jungs, es gibt nichts Schöneres als rauszugehen, zu schwitzen und für den Verein alles zu geben.“ Zumal es „sein“ Verein ist. „Wenn du mit sechs Jahren dieses D auf dem Trikot trägst, Weiß auf Rot, erst bei Dynamo Görlitz, später für Schwarz-Gelb, macht es dich stolz, doch noch für den Klub zu spielen.“

Heiko Scholz ist seit Dezember 2019 Co-Trainer bei Dynamo.
Heiko Scholz ist seit Dezember 2019 Co-Trainer bei Dynamo. © Foto: ZB/Robert Michael

Scholz war in Dresden als zu klein für eine große Karriere eingestuft worden, doch er bewies über Chemie und dann Lok Leipzig das Gegenteil. Im Sommer 1990 holt ihn Dynamo zurück – für eine siebenstellige Ablösesumme, der erste Millionen-Transfer innerhalb der Oberliga. „Dieser Quark war sicher nicht hilfreich, aber ich habe es trotzdem durchgezogen“, meint Scholz. Während andere wie Ulf Kirsten zu Bayer Leverkusen und Matthias Sammer nach Stuttgart in den Westen gehen, bleibt er in der Heimat. „Ich war nicht der Top-Spieler in der DDR, hatte nicht die guten Angebote wie später von Leverkusen und Bremen“, erzählt er. „Ein Verein aus dem unteren Tabellendrittel der Bundesliga signalisierte Interesse, aber ich hatte diesen Traum, es mit Dynamo zu schaffen.“

Mission erfüllt. „Jetzt sind wir richtige Profis. Früher mussten diejenigen, die das wollten, über die Grenze gehen. Wir sind hiergeblieben und haben es auch geschafft“, sagte Scholz direkt nach dem Sieg in Leipzig im Interview für die SZ. In Rostock war das sogar ein kollektives Gefühl, denn die Mannschaft war trotz des nun grenzenlosen Fußballlandes zusammengeblieben, hatte mit Uwe Reinders den ersten Trainer aus dem Westen bekommen.

„Er hat das Training etwas anders dosiert, als wir es aus der DDR kannten“, sagt Schlünz, damals Kapitän beim FC Hansa. „Wenn wir nicht um 8 Uhr, sondern erst um 10 Uhr anfangen mussten, stieß das bei uns natürlich auf Wohlwollen. Oder wenn er nach dem ersten Training meinte: Das hat mir sehr gut gefallen, wir machen am Nachmittag frei. Dann haben wir uns angeguckt und konnten es nicht glauben, so etwas kannten wir ja nicht.“ Dafür sind die Einheiten intensiver, das zahlt sich aus.

Zur guten Stimmung im Team trägt die eigene Erwartungshaltung bei. Für den Außenseiter geht es darum, mindestens Platz sechs aus der Vorsaison zu bestätigen und sich direkt für die 2. Bundesliga zu qualifizieren. „Wir wollten, dass der Verein nicht in der Versenkung verschwindet, und selbst als Profis weiter an diesem schönen Standort Fußball spielen“, beschreibt Schlünz die Motivation. Hansa verliert erst am 13. Spieltag zum ersten Mal. „Je länger wir ungeschlagen waren, umso größer wurde das Selbstvertrauen – und auch das Vertrauen in den Trainer.“

Hansa-Urgestein Juri Schlünz arbeitet seit 2016 als Koordinator für Sportkooperationen bei der AOK.
Hansa-Urgestein Juri Schlünz arbeitet seit 2016 als Koordinator für Sportkooperationen bei der AOK. © Foto: Imago

Es ist eine Parallele zum Ost-Duell in der 3. Liga am Ostersonntag: Rostock hat von den vergangenen 13 Partien elf gewonnen und nur eine verloren: am 3. März mit 0:1 in Lübeck. „Diese Serie zu brechen, sollte für uns extra motivierend sein“, meint Scholz, seit Dezember 2019 Co-Trainer bei Dynamo. Trotzdem sei die Ausgangslage mit der von 1990/91 nicht zu vergleichen, und wenn doch, dann mit umgekehrten Vorzeichen. „Hansa ist damals durchmarschiert, wir hatten gegen sie nicht wirklich eine Chance“, sagt Scholz. „Jetzt sind wir einen Punkt vorn und seit 15 Spieltagen auf Platz eins. Ich hoffe, wir gehen mit dem nötigen Selbstbewusstsein rein, Rostock zu schlagen.“ Wie beim 3:1 im Hinspiel.

Danach hatten etliche Fans die Mannschaft im Bus mit einem Spalier aus bengalischen Fackeln empfangen. „Wir spüren, dass sie da sind, auch wenn sie derzeit leider nicht im Stadion sein können. Egal, wo ich hinkomme, werde ich angequatscht. Die Stadt, die ganze Region lebt Schwarz-Gelb. Das ist Wahnsinn“, sagt Scholz nach wie vor beeindruckt, obwohl er es von klein auf kennt. An die Begegnungen mit Dynamo erinnert sich auch Schlünz besonders gern. „Es hat immer Spaß gemacht, in Dresden zu spielen vor ausverkauftem Haus, aber auch in Rostock war immer eine super Stimmung, zumal sich die Fans damals auch grün waren.“

Seitdem ist viel passiert, haben beide Vereine ein sportliches Auf und Ab erlebt. Hansa stieg zwar nach einer Saison aus der Bundesliga ab, aber nach drei Jahren wieder auf, behauptete sich dann zehn Jahre am Stück. In der Zwischenzeit war Dynamo nach dem sportlichen Abstieg und dem Lizenzentzug 1995 bis in die viertklassige Oberliga abgestürzt. Rostock stieg 2010 zum ersten Mal in die 3. Liga ab – nach Relegationsspielen gegen den FC Ingolstadt, jetzt der dritte Kandidat im Aufstiegsrennen. „Stimmt, da war doch was“, meint Schlünz und muss nicht mehr dazu sagen.

Hansa Rostock war deutlich länger in der Bundesliga als Dynamo.
Hansa Rostock war deutlich länger in der Bundesliga als Dynamo. © SZ Grafik

Die Relegation würden beide ihren Teams gern ersparen. „Ohne Ingolstadt wehzutun, die machen auch eine gute Arbeit“, stellt Scholz voran, aber: „Es wäre natürlich das Schönste, wenn zwei Ost-Klubs wieder in die zweite Liga kommen – wegen der Tradition und des Publikums. Die Stadien wären voll, wenn sie es wieder sein dürfen.“ Dem stimmt Schlünz zu, auch wenn er nicht mehr in Ost und West unterscheiden will. „Was soll ich darüber einem 20-Jährigen erzählen?“, fragt der 59-Jährige, der seit 2016 als Koordinator für Sportkooperationen bei der AOK unter anderem Bewegungsprojekte für Kinder in Mecklenburg-Vorpommern betreut. Erzgebirge Aue zeige, dass es auch im Osten funktioniert. „Sie machen dort aus wenig sehr viel. Das ist doch beispielgebend“, betont Schlünz.

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Auch Scholz nennt Aue als ein Vorbild, wie sich ein Verein in der zweiten Liga etabliert, wobei: „Wenn es vorige Saison für uns nicht so schiefgelaufen wäre mit Corona, könnte man Dynamo genauso dazuzählen, denn dann wären wir jetzt im fünften Jahr.“ Umso wichtiger ist es, den Rückfall schnell zu korrigieren. Die Entscheidung darüber, das betont Scholz, fällt nicht am Sonntag. „Wir können es mit einem Sieg in eine gute Bahn lenken, aber es sind danach noch acht Spiele auch gegen Abstiegskandidaten, die alles reinwerfen. Es bleibt spannend bis zum Schluss.“

Wenn es so endet wie 1991, soll es beiden recht sein.

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