merken
PLUS Dynamo

Die Operation „Vorstoß“ nach Dynamos Bayern-Los

Dynamo trifft 1973 im Europapokal auf den Meister aus dem Westen, ein Schock für den Sicherheitsdienst. Sächsische.de hat die Stasi-Akten ausgewertet.

Vor dem Hotel Newa in Dresden warten Fans am 7. November 1973 auf die Ankunft des FC Bayern. Volkspolizisten halten die Menge unter Kontrolle.
Vor dem Hotel Newa in Dresden warten Fans am 7. November 1973 auf die Ankunft des FC Bayern. Volkspolizisten halten die Menge unter Kontrolle. © imago images

Dresden. Es wirkt fast so, als wollte man die Nachricht verstecken, am besten zurückhalten. Das geht natürlich nicht. Doch die Überschrift in der Sächsischen Zeitung vom 6./7. Oktober 1973 lässt nicht darauf schließen, dass es etwas Besonderes zu vermelden gibt: „Pokalspiele ausgelost“, heißt es sachlich richtig wie nüchtern. Im Züricher Hotel „Atlantis“ seien die zweiten Runden in den Fußball-Europapokalweltbewerben ermittelt worden. Im Uefa-Cup treffe der 1. FC Lok Leipzig auf die Wolverhampton Wanderers, Carl Zeiss Jena müsse sich mit Ruch Chorzow auseinandersetzen.

Dann folgen die Spieltermine: 24. Oktober und 7. November. Und schließlich der eher beiläufige Hinweis: „Im Europapokal der Landesmeister spielt Dynamo Dresden gegen Bayern München.“ Das Los hatte tatsächlich politische Brisanz. Zum ersten Mal würden die deutschen Meister aus Ost und West in einem offiziellen internationalen Wettbewerb gegeneinander antreten. Das Hinspiel würde in München stattfinden, es blieben also nur gut zwei Wochen Zeit für die Vorbereitung.

Anzeige
Im neuen Jahr gleich richtig sparen
Im neuen Jahr gleich richtig sparen

Wer in Riesa und Umgebung "gesunde" Preise für Gesundheitsprodukte sucht, ist in diesen beiden Apotheken goldrichtig:

Das galt für Dynamos Mannschaft von Trainer Walter Fritzsch genauso wie für den Staatssicherheitsdienst der DDR. Sächsische.de hat die Unterlagen zu den deutsch-deutschen Duellen der SGD im Europapokal ausgewertet, die vom Archiv der Außenstelle Dresden für die Recherche zu dieser Serie als Kopien zur Verfügung gestellt werden konnten. Allein in der Riesaer Straße lagern Akten auf 8.239 Regal-Metern, dazu drei Millionen Karteikarten. Sie stammen von der Bezirksverwaltung Dresden der Stasi und deren 16 Kreisdienststellen sowie der Objektdienststelle TU Dresden.

Zwei Sonderbusse, 1.000 "Touristen", viele Berichte

Was Dynamo betrifft, ist die Aktenlage unterschiedlich umfangreich. Die meisten Berichte gibt es zum Meister-Treffen gegen den FC Bayern München 1973. Insgesamt bescherte das Los den Dresdnern im Europapokal fünf Aufeinandertreffen mit westdeutschen Klubs, gleich zweimal hieß der Gegner VfB Stuttgart (1979 und 1989), außerdem der Hamburger SV (1974) und Bayer Uerdingen (1986).

Mit der Auslosung im Herbst 1973 begann für die Stasi die Operation „Vorstoß“. Es sollten 1.000 „Touristen“ mit zwei Sonderzügen nach München reisen dürfen, um die Schwarz-Gelben im Olympiastadion anzufeuern. In den Westen durfte natürlich nur, wer als vertrauenswürdig galt, wobei eine nicht geringe Anzahl der Plätze sowieso an hauptamtliche und inoffizielle Mitarbeiter der Stasi vergeben wurde.

Im Bericht der Kreisdienststelle Freital des MfS vom 24. Oktober 1973 heißt es, es sei entsprechend der Vorgabe der Bezirksleitung der SED eine Delegation von 25 Personen plus sechs als Reserve für die Reise nach München ausgewählt worden, 22 Mitglieder der SED. Darunter waren insgesamt fünf für die Stasi tätige Personen. Aus den Akten geht hervor, dass hauptamtliche Mitarbeiter des MfS dafür sogar eine andere Identität bekamen. „Ich bin gereist mit Reisepass der DDR auf den Namen STREICHER, Werner, der in Dresden ausgestellt war“, schreibt ein gewisser W. T. über seinen ersten operativen Einsatz in der BRD.

Insgesamt waren dann zwölf Mitarbeiter der Hauptverwaltung Aufklärung dabei, eingeteilt in zwei Gruppen, berichtet er in einer persönlichen Niederschrift vom 18. Februar 1982 weiter. „Wir hatten für die Fahrt (mit dem Zug/d. Red.) die Anweisung, darauf zu achten, dass bei Aufenthalten auf der Strecke keiner den Zug verlässt. Ansonsten hatten wir uns wie alle übrigen Touristen zu verhalten.“ Für den Aufenthalt in München galt demnach als „Grundorientierung“: „Möglichst alle zusammenbleiben, wenn sich einer absetzen will, ist dieses, wenn notwendig mit Gewalt, zu verhindern.“

Streng geheimer Auswahlprozess

Die übrigen „Touristen“ wurden von der Stasi sorgfältig überprüft. Politische Zuverlässigkeit und Charakterfestigkeit galten dabei als die wichtigsten Kriterien, aber auch der Leumund und die Familienverhältnisse mussten makellos sein. Westverwandtschaft war ebenso ein Ausschlussgrund wie schwebende Straf-, Zivil- oder Parteiverfahren. Im Befehl heißt es: „Alle Überprüfungshandlungen sind unter strenger Konspiration durchzuführen.“ Die Aktion lief – wie bei weiteren Europapokalspielen – unter dem Code-Namen „Vorstoß“.

Ein besonderes Augenmerk wurde dabei auf jene Fußballfans gerichtet, die im Oktober 1971 die Nationalmannschaft der BRD beim Spiel in Polen angefeuert hatten. Etwa 6.000 DDR-Bürger sahen den 3:1-Sieg der westdeutschen Auswahl im Warschauer Legia-Stadion. Kapitän Franz Beckenbauer erinnerte sich: „Die Ostdeutschen haben uns immer zahlreich zu unseren Spielen im Ostblock begleitet. Als wir am Stadion in Warschau ankamen, habe ich die vielen Trabis gesehen und gedacht: Das sind wirklich treue Fans.“

Stasi-Chef Erich Mielke schäumte dagegen vor Wut angesichts der Verbrüderungsszenen ost- und westdeutscher Anhänger. Er hatte nur ein Dutzend Spitzel in die polnische Hauptstadt geschickt, trotzdem wurden im Nachhinein rund 1.000 Fans ermittelt. Die Liste der Personen wurde drei Jahre später vor Dynamos Spiel gegen die Bayern in den Stasi-Dienststellen verteilt, sie sollten sowohl für das Spiel in München als auch das in Dresden ausgeschlossen bleiben. Außerdem seien „andere negative Aktivitäten dieses Personenkreises zu verhindern“, heißt es in einer Anordnung – versehen mit der handschriftlichen Bemerkung: „Vorschlag wie“.

Im Abschlussbericht zur Reise nach München wird allein von der Bezirksverwaltung Dresden der Stasi vermerkt: „Auf der Grundlage von Überprüfungen in den Speichern des MfS Berlin kamen 19 Personen zur Ablehnung.“ Die Methode „der zentralen Steuerung des Überprüfungsprozesses aller für den Einsatz vorgesehener Touristen“ habe sich positiv ausgewirkt.

Allerdings hatte sich herumgesprochen, dass nicht nur wirkliche Dynamo-Fans nach München fahren durften. So berichtet ein IM, unter den Kraftfahrern des VEB Kraftverkehr in Dresden sei diskutiert worden, dass es „wieder ein typisches Aufgebot an Funktionären“ gewesen sei. Im Stahlwerk Freital, heißt es, seien zwei Dynamo-Anhänger nicht zur Arbeit erschienen, als sie erfuhren, wer alles mitgefahren ist. Und schließlich habe ein Parteifunktionär aus dem VEB Plastmaschinenwerk gesagt, er habe eine Karte für München erhalten, wisse aber gar nicht, was er dort solle, weil er keine Ahnung vom Fußball habe.

Auch BRD-Jugendliche haben Dynamo-Fahnen

Das Reizthema wurde in den Betrieben heiß diskutiert. IM Ute, Leiterin eines Kindergartens, erzählte „im persönlichen Gespräch“ mit ihrem Stasi-Verbindungsmann, dass es „im VEB Pentacon Dresden, der Arbeitsstelle ihres Ehemannes, Diskussionen über die Auswahl der nach München delegierten Touristen“ gebe. Es werde gefragt, weshalb die Namen der 70 Kollegen nicht bekanntgegeben werden.

Aber auch das gab es: Eine Kindergärtnerin wusste zu berichten, dass sich die Leute im VEB Hochvakuum Dresden, in dem ihr Mann arbeitete, darüber beschwerten, dass jemand fahren sollte, „dessen Einstellung zu unserem Staat negativ sei und der ständig alles in unserer Republik als ,Scheiße’ bezeichnet“. Eine solche Auszeichnung solle aber „nur gesellschaftlich aktiven und arbeitsmäßig guten Kollegen“ zuteilwerden.

Am Abend nach dem Spiel berichtet dann die Münchner Presse – und die Stasi liest am Kiosk mit. So schreibt der IM „Fritz Freitag“ über einen Bericht von einer Rentnerin. Sie arbeite in einem Betrieb von 1.000 Mann und halte sich zurzeit besuchsweise in München auf. Sie soll „zum Hauptbahnhof gekommen sein, um zu sehen, wer von ihrem Betrieb delegiert wurde, weil die Auswahl doch sehr streng durchgeführt wurde. Dabei hat sie nur einen erkannt, und zwar einen 100%-igen SED-Angehörigen, der mit Sport noch nie etwas zu tun haben sollte.“

Weiterführende Artikel

Als das Losglück zur Flucht in den Westen verhalf

Als das Losglück zur Flucht in den Westen verhalf

Beim Europacup-Spiel von Dynamo in Stuttgart macht sich der Dresdner Dirk Wasserkampf vom „sozialistischen Acker“ - Teil 3 der neuen Dynamo-Serie.

Dynamo: Training nur in Kleingruppen

Dynamo: Training nur in Kleingruppen

Weil die Spieler über Weihnachten bei ihren Familien waren, werden die Einheiten nicht in Mannschaftsstärke absolviert - sondern erst im neuen Jahr wieder.

Dynamo verkauft 72.112 Geistertickets

Dynamo verkauft 72.112 Geistertickets

Die Aktion zum Pokalspiel gegen Darmstadt endet mit einem neuen Rekord. Der Verein nimmt eine sechsstellige Summe ein. Die Choreografie soll nachgeholt werden.

Bilanz des Dynamo-Trainers: "Ich freue mich für die Fans"

Bilanz des Dynamo-Trainers: "Ich freue mich für die Fans"

Nach einer Hinrunde mit Startproblemen, dem Sprung an die Tabellenspitze und dem Pokal-Aus zieht Markus Kauczinski seine Jahresbilanz - und freut sich aufs Fest.

Was die Stasi im Olympiastadion wohl überrascht feststellte: „Es war auch zu verzeichnen, dass einige Jugendliche aus der BRD mit Dynamo-Fahnen erschienen waren und die Aktionen unserer Mannschaft mit Beifall bedachten.“ Ob es sich dabei um ehemalige Dresdner und Ostdeutsche handelte oder um Fans des FC-Bayern-Stadtrivalen 1860 München, ist spekulativ. Sportlich hat sich Dynamo auf jeden Fall gut präsentiert, auch wenn das Tor von Gerd Müller zum 4:3 für die Münchner in der 83. Minute in der Summe der deutsch-deutschen Duelle letztlich entscheidend sein sollte.

Alles Wichtige und Wissenswerte rund um Dynamo - kompakt jeden Donnerstagabend im Newsletter SCHWARZ-GELB. Und immer mit Gewinnspiel. Jetzt hier kostenlos anmelden.

Mehr zum Thema Dynamo