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Er wird Dynamos nächster neuer Ehrenspielführer

Nach der Stasi-Debatte um Eduard Geyer sucht der Verein einen neuen Umgang mit seiner Vergangenheit. Gert Heidler zeichnet außer Titeln und Toren seine Haltung aus.

Dynamisch am Ball: Gert Heidler (r.) in einem seiner 54 Europacup-Spiele am 3. November 1976 beim 4:0-Sieg gegen Ferencváros Budapest.
Dynamisch am Ball: Gert Heidler (r.) in einem seiner 54 Europacup-Spiele am 3. November 1976 beim 4:0-Sieg gegen Ferencváros Budapest. © Archivfoto: Volker Santrucek

Dresden. Als Widerstandskämpfer möchte sich Gert Heidler nicht bezeichnen. „Ich würde nie behaupten, schon erkannt zu haben, wie es kommen wird und das System zusammenbricht, es die DDR nicht mehr gibt“, sagt der 72-Jährige, der in den 1970er-Jahren die erfolgreichste Ära von Dynamo Dresden als Spieler maßgeblich geprägt hat: fünfmal Meister, dreimal Pokalsieger, außerdem Olympiasieger 1976 in Montreal mit der Nationalmannschaft.

Diese Titel, seine insgesamt 399 Pflichtspiele zwischen 1968 und 1982, seine 16 Tore in 54 Europacup-Spielen für Dynamo – die Statistik allein wäre ein guter Grund, Heidler zum nächsten Ehrenspielführer der Sportgemeinschaft zu ernennen. Doch spätestens seit dem Streit um Eduard Geyer vor zwei Jahren kann das nicht mehr das einzige Kriterium sein. Weil der Meistertrainer aktiv für die Staatssicherheit berichtet hatte, forderten seine früheren Mitspieler Hans-Jürgen Kreische, Klaus Sammer und Dieter Riedel, ihm die Ehrenspielführerschaft wieder abzuerkennen. Es gab eine heftige Debatte, bevor Geyer schließlich seinen Verzicht erklärte.

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Die anderen drei brachten Heidler als einen würdigen Kandidaten für diese Auszeichnung ins Gespräch, weil er nicht nur sportlich deutlich mehr zu den Erfolgen beigetragen, sondern vor allem den Anwerbeversuchen der Stasi widerstanden hatte. „Das stimmt, ich habe mich auch geweigert, in die SED einzutreten“, sagt Heidler. „Das war meine Sturheit, mein Oppositionsgeist. Ich war nie einer, der zu allem Ja und Amen gesagt hat.“

"Den Wehrdienst wollte ich auf keinen Fall antreten"

Geboren ist er in Drauschkowitz bei Bautzen, wo er bei der BSG Motor mit 18 Jahren in der zweiten DDR-Liga spielte. Eigentlich war sein Wechsel zu Stahl Riesa bereits besiegelt, wo Walter Fritzsch noch Trainer war. Doch dann erhielt Heidler den Einberufungsbefehl zur Nationalen Volksarmee. „Den Wehrdienst wollte ich auf keinen Fall antreten, das Soldatendasein wäre nichts für mich gewesen“, sagt er. Zu seinem Glück gab es einen Ausweg: das Angebot von Dynamo Dresden, wo er offiziell bei der Polizei angestellt wurde.

Gert Heidler (r.) am 31. Januar 2019 bei einem Fussballabend im Schloß Schönfeld mit seinem früheren Mitspieler Christian Helm (l.) und Reporer Gerd Zimmermann, der im Juni dieses Jahres verstorben ist.
Gert Heidler (r.) am 31. Januar 2019 bei einem Fussballabend im Schloß Schönfeld mit seinem früheren Mitspieler Christian Helm (l.) und Reporer Gerd Zimmermann, der im Juni dieses Jahres verstorben ist. © Kristin Richter

Sportlich war der Wechsel weniger lukrativ, als es heute klingen mag. Der spätere Spitzenklub steckte in der Saison 1967/68 im Tabellenkeller der Oberliga. „Ich kam in der Winterpause, am Ende stiegen wir ab.“ Und Riesa auf. Erst mit der direkten Rückkehr in die Oberliga und dem darauffolgenden Amtsantritt von Trainer Fritzsch in Dresden begann Dynamos glorreiche Zeit mit den teils spektakulären Spielen im Europapokal. Den Oktober 1974 hat Heidler ganz besonders in Erinnerung, das Spiel beim FC Bayern in München.

42. Minute: Frank Ganzera flankt von links, Rainer Sachse legt per Kopf ab, Heidler steht am Fünfmeterraum mit dem Rücken zum Tor, schießt aus der Drehung und erzielt das 3:2 für den DDR-Meister im deutsch-deutschen Duell.

Die Sensation blieb aus, die Bayern gewannen noch 4:3 und kamen durch ein 3:3 in Dresden weiter, aber dieser Treffer gehört zu denen, die Heidler nie vergisst. „Ich weiß, was ich für Dynamo geleistet habe“, meint er, „aber mir ist auch bewusst, dass einige rein statistisch bewertet über mir stehen. Rainer Sachse hat zum Beispiel mehr Tore geschossen.“ Als Ehrenspielführer vorgeschlagen zu werden, habe ihn trotzdem sehr gefreut.

Eigentlich sollten die Mitglieder am 14. November im Kongresszentrum abstimmen, doch die Versammlung wurde am Dienstagabend wegen der neuen Corona-Auflagen abgesagt. Eine alternative Umsetzung – beispielsweise als virtuelle Versammlung – sei zum ursprünglich geplanten Datum aufgrund verschiedener formal-juristischer Gründe nicht möglich, teilte der Verein mit. Präsident Holger Scholze kündigte an, zeitnah eine Lösung zu suchen, um die Mitgliederversammlung so schnell wie möglich nachzuholen.

"Diese politischen Dinge waren eher nebensächlich"

Außer Heidler soll dann auch Christoph Franke, Aufstiegstrainer von 2001 bis 2005, gewürdigt und als Ehrenmitglied aufgenommen werden. Bisher hatte das Präsidium allein entschieden, als Konsequenz aus dem Fall Geyer wurde das geändert. Dynamo suchte einen neuen Umgang mit der Stasi-Vergangenheit. Für die beiden nun vorgeschlagenen Kandidaten dürfte es aber einhellige Unterstützung geben. „Gert Heidler und Christoph Franke zeichnen sich ergänzend zu ihren großen Erfolgen und ihrer umfangreichen Fachkompetenz jeweils auch durch ihren starken Charakter, vorbildhaften Sportsgeist, ihre bewundernswerte Haltung und Menschlichkeit aus“, betont Scholze.

Sechs Spieler von Dynamo Dresden gehörten zur Nationalmannschaft der DDR, die 1976 in Montreal Olympiagold gewann; von links: Hartmut Schade, Reinhard Häfner, Hans-Jürgen Dörner, Gert Heidler, Dieter Riedel und Gerd Weber. Heidler war beim 3:1-Sieg im Fin
Sechs Spieler von Dynamo Dresden gehörten zur Nationalmannschaft der DDR, die 1976 in Montreal Olympiagold gewann; von links: Hartmut Schade, Reinhard Häfner, Hans-Jürgen Dörner, Gert Heidler, Dieter Riedel und Gerd Weber. Heidler war beim 3:1-Sieg im Fin © Archivfoto: SZ

Heidler selbst will seine Absage an die Stasi nicht zu hoch hängen. „Ich war ein junger Mensch, der eine Familie gegründet hatte. Diese politischen Dinge waren für mich eher nebensächlich“, sagt er. Die Nachteile hervorzuheben, die er dadurch hatte, wäre ihm fast peinlich, meint er. „Mir wurden schon einige Steine in den Weg gelegt.“ Während die meisten Mitspieler den Dienstgrad Hauptmann oder Major trugen und entsprechend vergütet wurden, wurde Heidler erst nach dem Olympiasieg befördert – zum Unterleutnant, der niedrigste Offiziersrang.

Auf eine Wohnung oder ein Auto musste er länger warten, aber was hieß das im Vergleich zu den nicht privilegierten DDR-Bürgern? Er durfte das tun, was er am liebsten machte und am besten konnte: Fußball spielen. Einzige Bedingung: „Man musste Leistung bringen, sonst war man bei Dynamo schnell weg vom Fenster.“ Nach seiner Karriere bekam Heidler als Nicht-Genosse keine Trainerstelle bei der SGD, fing bei der FSV Lok Dresden als Assistenzcoach an, war beim VfL Pirna-Copitz und arbeitete als Sportlehrer an der TU in Dresden bis zur Wende – bis im Frühjahr 1991 Dynamo-Manager Bernd Jakubowski an seinem Gartenzaun in Tharandt stand.

„Plötzlich war alles ganz anders und ich derjenige, der durch seine unbescholtene Vergangenheit für Dynamo arbeiten konnte“, sagt Heidler. So wurde er Co-Trainer bei Helmut Schulte in der Bundesliga. Zuvor waren Reinhard Häfner und Hartmut Schade trotz erfolgreicher Qualifikation abgesetzt worden. „Das war für sie ein Genickschlag, aber ich konnte nichts dafür und die Stelle auch nicht ausschlagen. An der TU wurden mehrere Sportlehrer entlassen, ich weiß nicht, ob es mich auch getroffen hätte.“ Bei Dynamo war er dann einige Jahre Nachwuchsleiter, hat anschließend seinen Sohn Peter bei der Förderung von Talenten in der Soccer-Academy unterstützt.

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Inzwischen genießt Heidler den Ruhestand mit seiner Frau Regina und den Enkeln, hat in Haus und Garten jederzeit etwas zu tun und fährt viel Fahrrad. Dynamo verfolgt er nach wie vor, wie er betont: „Die Verbundenheit ist groß.“ Und bald als Ehrenspielführer noch ein bisschen größer.

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