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Die emotionale Geschichte des Dynamo-Kapitäns

Die Bierdusche von den Fans genießt Sebastian Mai nach seinem Tor zum 2:0 gegen Hannover. Die letzte Zeit war für den Dresdner jedoch nicht einfach.

Nach dem Schlusspfiff feiern Dynamos Sieger im Kreis mit Kapitän und Torschütze Sebastian Mai (M.) als Vortänzer in der Mitte.
Nach dem Schlusspfiff feiern Dynamos Sieger im Kreis mit Kapitän und Torschütze Sebastian Mai (M.) als Vortänzer in der Mitte. © Foto: Picture Point/Gabor Krieg

Von Sven Geisler und Jens Maßlich

Dresden. Sebastian Mai streicht sich über das kurz geschorene Haar. „Wenn ich jetzt meine Finger ablecken würde, werde ich wahrscheinlich besoffen“, sagt er. Mit seinem Tor zum 2:0 für Dynamo gegen Hannover 96 hat er einen kollektiven Jubelrausch im Rudolf-Harbig-Stadion ausgelöst.

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Viele der 13.780 Fans reißen die Arme hoch und vergessen, dass sie einen noch gut gefüllten Becher in der Hand halten. Geduscht statt getrunken, fühlt sich fast ein bisschen an wie bei einer Meisterparty. Natürlich sind die Dresdner weit davon entfernt, auch wenn sie nach drei Spieltagen in der 2. Bundesliga auf einem Aufstiegsplatz stehen. Aber man soll die Feste schließlich feiern, wie sie fallen.

Nur einen kurzen Moment zögert Mai nach seinem Kopfballtreffer, schaut zum Linienrichter, ob er vielleicht doch die Fahne hebt. Aber es ist kein Abseits. „Da wusste ich: Jetzt kann ich es mal rauslassen.“ Wie überwältigend das Gefühl für den 27 Jahre alten Dresdner gewesen sein muss, lässt sich erahnen, wenn man seine außergewöhnliche Geschichte kennt. Mit neun Jahren hat er bei Dynamo angefangen, war während der erfolgreichen Zeit unter Trainer Christoph Franke öfter als Ballholer bei den Spielen. „Zur Pause gab es Wiener Würstchen, Weißbrot dazu, Senf und Ketchup drauf – das war lecker“, erzählte er.

Er glaubt selbst nicht an die Profi-Karriere

Mit der B-Jugend steigt er in die Bundesliga auf, spielt später für die zweite Mannschaft in der Oberliga. Damals glaubt er selbst nicht daran, Profi zu werden. „Das war nicht greifbar, dafür war ich noch nicht bereit.“ Also schließt er eine Ausbildung zum Sozialversicherungsfachangestellten ab. 2013 verlässt er Dresden, wechselt nach Chemnitz. Über die Stationen Zwickau, Münster und Halle kehrt der „verlorene Sohn“ im Sommer 2020 zurück in seine Stadt, führt seinen Heimatverein als Kapitän in die zweite Liga, dorthin also, wo er selbst noch nie gespielt hat.

Kevin Broll und Sebastian Mai freuen sich diebisch über Dynamos nächsten Coup in Liga zwei.
Kevin Broll und Sebastian Mai freuen sich diebisch über Dynamos nächsten Coup in Liga zwei. ©  dpa/Sebastian Kahnert

Und dann das. Muskelfaserriss in den Adduktoren nach der ersten Vorbereitungswoche, Zwangspause. Während sich die Mannschaft findet, arbeitet Mai nebenan mit Physiotherapeut Tobias Lange an seinem Comeback, verpasst den Saisonstart gegen Ingolstadt und in Hamburg. Beim DFB-Pokalspiel gegen Paderborn sitzt er zwar auf der Bank, bleibt aber draußen. Auch gegen Hannover ist er nur Ersatzmann. Kein Bonus für den Kapitän.

Mai findet das in Ordnung. „Natürlich spiele ich gerne von Beginn an, aber ich kann nichts sagen. Die Jungs machen es einfach brutal gut“, sagt er. Tim Knipping, der stellvertretend die Binde trägt, und Michael Sollbauer bilden ein stabiles Duo in der Innenverteidigung. Aber diesmal ist in der Schlussphase eine besondere Stärke gefragt, die Mai mit seinen 1,95 Metern mitbringt. „Es ist schwierig, in der Luft etwas gegen Basti zu gewinnen“, erklärt Trainer Alexander Schmidt seinen Plan.

Dabei denkt er vor allem an die hohen Bälle, mit denen die Gäste gefährlich werden. Dynamo muss die 1:0-Führung verteidigen, für die Christoph Daferner kurz nach der Pause gesorgt hat: Nach Flanke von Michael Akoto kommt er „in Mittelstürmer-Manier mit Bewegungsvorsprung zu einem super Kopfball“, wie Schmidt den Treffer schildert. „Das hat uns befreit und gutgetan.“

Mai zum Tor: Ich musste den Schädel hinhalten

Nun soll also Mai im eigenen Strafraum für die Lufthoheit sorgen. Doch dann bekommt Dynamo einen Freistoß, er zögert kurz, orientiert sich dann aber mit nach vorn. Chris Löwe bringt den Ball, Knipping verlängert per Kopf … „Ich dachte, Zieler (Torwart von Hannover/Anm. d. Red.) könnte mich am Kopf treffen, aber das war mir scheißegal. Ich musste den Schädel hinhalten“, sagt Mai. „Ich muss gucken, dass ich nicht heule. Es ist unfassbar, die Emotionen kommen hoch.“

Den Treffer widmet er seiner Mutter, die im November 2020 gestorben ist. „Sie hat vier Jahre lang tapfer gegen den Krebs gekämpft“, erzählte Mai erst nach dem Aufstieg im Mai der Bild-Zeitung. Statt mit der Mannschaft nach Rostock zu fahren, blieb er damals bei ihr in Dresden. „Ich habe neben ihr am Bett gesessen und das Spiel geguckt. Am nächsten Tag ist sie eingeschlafen.“ Der Teamgeist hilft ihm, den Schmerz zu verarbeiten. „Das habe ich so vorher in keiner Mannschaft erlebt.“

Und so werfen sie sich über ihn, als er sich jubelnd auf die Knie fallen lässt. „Ich bin froh, dass das Spiel durch mein Tor entschieden wurde. Deshalb habe ich in dem Moment nur gedacht: Wir müssen nur noch gut stehen, damit ist das Ding geritzt“, sagt Mai. Dynamo gewinnt verdient gegen Hannover. „Dass Basti das zweite Tor macht, hat den Abend gekrönt“, sagt der Coach. Der Kapitän nimmt seine Führungsrolle auch dann wahr, wenn er nicht spielt. Deshalb bindet ihn Schmidt oft ein. „Wir und die Fans sind stolz auf ihn. Er ist ein Mentalitätsspieler. Das will ich nutzen. Er findet Worte, da willst du als Trainer fast mitspielen.“

Mai ist also angekommen in der zweiten Liga. Besser spät als nie. Er ist einer von denen, die laut Kevin Broll wichtig sind für diese leidenschaftliche Begeisterung in der Truppe. „Wir haben Spieler, die sich hochgearbeitet haben, die mehr Wille als Talent haben“, erklärt Dynamos Torwart. „Es ist für sie etwas Besonderes, in der zweiten Liga zu spielen, in so einem Stadion vor fast 15.000 Zuschauern. Ich will mir gar nicht ausmalen, wenn das Ding voll wäre, was das noch machen würde.“

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Sebastian Mai jedenfalls haben die Fans richtig nass gemacht. „Es ist schon geil, was hier abgeht, wenn wir als Mannschaft ein Tor schießen, wie viele Bierbecher fliegen, wie viel Bier ich abbekommen habe“, sagt er – und geht dann doch besser mal duschen.

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