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Herr Scholz, warum loben Sie ständig die Spieler?

Im Interview erzählt Heiko Scholz, wie er sein erstes Jahr als Co-Trainer bei Dynamo erlebt hat, warum er nicht Chef sein möchte und die Stimmung so wichtig ist.

Bei den Spielen kann sich Heiko Scholz auch mal aufregen, in Saarbrücken sah er sogar Rot. Doch beim Training verteilt er viel und lautstark Lob.
Bei den Spielen kann sich Heiko Scholz auch mal aufregen, in Saarbrücken sah er sogar Rot. Doch beim Training verteilt er viel und lautstark Lob. © Foto: ZB/Robert Michael

Herr Scholz, am 3. Dezember sind Sie genau ein Jahr Trainer bei Dynamo.

Schon? Es fühlt sich nicht so an, vielleicht weil es ein so ereignisreiches Jahr war und ein sehr besonderes – für alle Menschen.

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Die Mannschaft stand vor einem Jahr auf dem letzten Platz der 2. Bundesliga. Sie kamen als Interimstrainer und Nachfolger von Cristian Fiel – und das quasi über Nacht.

Es ging alles so schnell. Ich bekam früh den Anruf, dass ich am nächsten Tag da sein soll, bin innerhalb von sechs Stunden 600 Kilometer mit dem Auto gefahren – von Leverkusen, wo meine Familie lebt, nach Nordhausen und dann weiter nach Dresden. Ich musste quasi alles auf der Autobahn entscheiden. Eigentlich Wahnsinn, aber es war eben Dynamo. Bei Wacker Nordhausen stand ich noch unter Vertrag, hatte aber das Glück, dass der Verein gerade in Insolvenz geraten war und ich so rauskam.

Nach nur einem Spiel als Cheftrainer, einem 1:1 gegen Sandhausen, kam Markus Kauczinski. Sie wurden sein Assistent, gemeinsam konnten Sie den Abstieg nicht verhindern. Nagt dieser Misserfolg noch an Ihnen?

Schon, aber nicht, weil wir es nicht geschafft haben. Es nagt noch wegen der Ungewissheit: Was wäre ohne Corona passiert? Wir hatten gerade in Regensburg gewonnen und gegen Aue, und ich bin fest davon überzeugt, dass wir es ohne die Pause, ohne die zwei Wochen Quarantäne und mit Fans im Stadion geschafft hätten.

Gab es rückblickend trotzdem etwas, was Sie jetzt anders machen würden?

Nein. Wir haben alles versucht, auch mit den Verpflichtungen in der Winterpause. Unser größter Gegner war die Quarantäne der gesamten Mannschaft.

Was hat Sie am meisten überrascht in diesem Jahr als Trainer bei Dynamo?

Ich denke, dass ich in diesen zwölf Monaten schon alle emotionalen Seiten erlebt habe. Nach der 0:2-Niederlage kurz vor Weihnachten in Nürnberg wurden wir von den Fans kritisiert, später standen dann Tausende beim Training und haben uns angefeuert. Und jetzt nach dem Sieg in Rostock haben sie uns bei der Rückkehr empfangen, als wären wir gerade Meister geworden.

Wenn man Sie beim Training beobachtet, fällt auf, dass Sie sehr viel reinrufen, fast immer ist es ein Lob für eine gelungene Aktion oder eine Aufmunterung nach einer nicht so gelungenen. Warum machen Sie das?

Wir alle im Trainerstab reden sehr viel auf dem Platz, ich habe halt das lauteste Organ. Wir haben nach dem Neuanfang eine sehr junge Mannschaft, acht oder neun im Kader sind unter 22, vier oder fünf von ihnen spielen regelmäßig. Da finde ich es wichtig, dass man ihnen hilft, sie unterstützt. Junge Leute machen Fehler, das war in meiner Karriere, als ich 18, 19 war, nicht anders. Eine positive Stimmung ist neben der Taktik das wichtigste unter der Woche. Wer gerne zum Training kommt, leistet auch mehr.

Abgesehen von der guten Laune – welche Aufgaben übernehmen Sie noch innerhalb des Trainerteams?

Markus Kauczinski überträgt Ferydoon Zandi (Co-Trainer/Anm. d. A.) und mir bei den Einheiten verschiedene Aufgaben, die wir individuell lösen können, wo wir Assistenten also freie Hand haben. Das finde ich auch wichtig.

Und wer hält den Kontakt zum Nachwuchs?

Das machen Fery und ich gemeinsam. Da der Spielbetrieb wegen Corona in den Junioren-Ligen unterbrochen ist, haben wir jetzt ein Talentetraining eingeführt, bei dem einmal in der Woche die besten Spieler der A-, B- und C-Jugend gemeinsam unter unserer Leitung eine Einheit absolvieren. Das Training ist genauso gestaltet wie bei den Profis, die Jungs lernen so auch unseren Fitnesstrainer Matthias Grahé und unseren Torwarttrainer David Yelldell kennen. Das Beispiel von Ransford-Yeboah Königsdörffer ...

... der sich mit 19 einen Stammplatz im Profikader erkämpft hat ...

... zeigt, dass man sehr genau auf den eigenen Nachwuchs schauen sollte.

Sie waren beim MSV Duisburg, Viktoria Köln, Lok Leipzig und Wacker Nordhausen Cheftrainer. Reizt es Sie, noch mal das Sagen zu haben?

Größtenteils waren das Regionalligisten. Dort ist der Aufwand zwar ähnlich groß wie in der 3. Liga oder 2. Bundesliga, aber gerade bei der Videoanalyse gibt es schon Unterschiede. In der vierten Liga ruft man einen Informanten an, um sich zu erkundigen, wie der nächste Gegner gespielt hat. Deshalb ist die Station bei Dynamo für mich wie eine Fortbildung. Ich habe aber auch gesagt, dass ich mir vorstellen könnte, eine Art Vereins-Co-Trainer zu sein, der aus der Region kommt und sich gut auskennt. Der also bleibt, falls der Cheftrainer gehen muss. Doch das Geschäft ist so schnelllebig, dass man nie weiß, was passiert, wenn Stellen neu besetzt werden oder man keinen Erfolg hat.

Aber die Rolle eines Hermann Gerlands von Dynamo würde Ihnen schon gefallen?

(lacht laut) Dann müsste ich ja noch 20 Jahre bleiben – so lange, wie der schon beim FC Bayern ist. Im Ernst: Ich fühle mich gerade pudelwohl, mir macht es sehr viel Spaß. Ich wünsche mir, dass wir mit dieser jungen Truppe aufsteigen, das ist mein größtes Ziel. Wie es dann weitergeht, müssen andere entscheiden.

Nach zuletzt vier Siegen in Folge sieht es nicht schlecht aus.

Davor hatten wir einige Probleme, aber das ist bei einer neuformierten Mannschaft normal. Die Erfahrung, dass es ein, zwei Jahre dauern kann, bis eine neue Mannschaft zusammengewachsen ist, haben auch andere Vereine schon gemacht. In unserem Kader steckt viel Potenzial.

Zuletzt waren Sie von 1990 bis 1992 als Spieler bei Dynamo. Wie hat sich der Verein in dieser Zeit verändert?

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