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„Endlich bist du Assi abgestiegen“

Stefan Kutschke bekam nach dem Abstieg mit Ingolstadt viele hämische Nachrichten aus Dresden, aber: Jetzt spielt Dynamo in der 3. Liga – ein emotionales Wiedersehen.

Stefan Kutschke hat für Dynamo gespielt, jetzt trifft der Dresdner mit dem FC Ingolstadt auf seinen Heimatverein.
Stefan Kutschke hat für Dynamo gespielt, jetzt trifft der Dresdner mit dem FC Ingolstadt auf seinen Heimatverein. © WORBSER-Sportfotografie

Dresden. Der Wirbel war groß. Als sich Stefan Kutschke im Frühjahr 2017 mit Dynamo nicht auf einen neuen Vertrag einigen konnte, wurde der Publikumsliebling plötzlich zum Buhmann. Der Dresdner, der bei jedem Torjubel auf das Emblem über dem Herzen gezeigt hat, doch nur ein Abzocker, der dorthin geht, wo es die maximale Kohle gibt? Der Vorwurf liegt nahe bei einem Wechsel zum FC Ingolstadt, der nicht von ungefähr im Audi-Sportpark spielt.

Es ging damals vielleicht um ein paar Euro, vor allem aber um die Vertragslaufzeit. Vier Jahre plus Option auf ein weiteres Jahr waren Ralf Minge, dem Sportgeschäftsführer, eine zu lange Zeit, und zwar aus wirtschaftlicher wie persönlicher Vorsicht. Er wollte nicht, dass er eines Tages weg ist und ein Spieler da, den dann auf einmal keiner mehr will. Dieses Szenario war zwar schwer vorstellbar, schließlich hatte Kutschke mit Dynamo gerade eine großartige Saison in der zweiten Liga gespielt und selbst 16 Treffer erzielt. So einen Torjäger lässt man nicht einfach ziehen, man kann ihn aber auch schwer halten.

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Minge ist seinen Prinzipien treu geblieben, Kutschke seinen Ansprüchen. Beiden ist daraus kein Vorwurf zu machen, erst recht nicht mit Abstand. Nun sieht man sich wieder, wobei Minge seit Juli tatsächlich nicht mehr im Amt ist. Dynamo spielt am Samstag in Ingolstadt und trifft auf Kutschke, der nach einem Muskelbündelriss am Mittwoch beim 1:1 in Kaiserslautern mit der Vorlage zum Tor sein Comeback gegeben hat.

"Man sollte keine schmutzige Wäsche waschen"

Das Problem an der Begegnung: Sie findet in der 3. Liga statt. Als Kutschke mit dem FCI bereits 2019 den Klassenerhalt verpasste, habe er viele private Nachrichten bekommen, „auch von Leuten, die ich gar nicht kannte, mit dem Tenor: Endlich bist du Assi abgestiegen, bla, bla, bla“, erzählt der 31-Jährige. Kutschke versteht die Enttäuschung. „Das gehört vielleicht dazu, spielt für mich aber keine Rolle. Man sollte keine schmutzige Wäsche waschen, das fällt irgendwann auf einen zurück“, meint Kutschke. „Mir tut es einfach leid, dass sich die Vereine in der 3. Liga begegnen, für beide wäre der Abstieg vermeidbar gewesen. Jetzt sieht man sich halt wieder.“

Und für beide ist es selbstverständlich, wieder rauf zu wollen. Ingolstadt hat das im Juni nur um Sekunden verpasst, weil Nürnberg in der fünften Minute der Nachspielzeit dieses eine, entscheidende Tor gelang. Deshalb redet Kutschke auch nicht drumherum. Wie Dynamo sei auch Ingolstadt ein Aufstiegsfavorit. „Wenn du vorige Saison in der Relegation warst und die Mannschaft zum großen Teil zusammengeblieben ist, kannst du nicht sagen: Wir schauen mal, was diesmal rauskommt.“

Im Moment stehen beide Klubs aber mit je zehn Punkten aus sechs Spielen als Nachbarn im Tabellenmittelfeld. In dieser Woche hat Dynamo beim 1:2 gegen Zwickau enttäuscht, dagegen ist Kutschke mit dem Unentschieden in Kaiserslautern nach aberkanntem Tor, Rückstand und Roter Karte zufrieden. „Es ist sowieso nicht einfach, auf dem Betzenberg zu punkten, zumal bei denen der Ex-Trainer des FCI auf der Bank sitzt und die Jungs noch mal richtig anspitzt“, sagt Kutschke.

In dem hitzigen Kampf versetzte Ingolstadts Sportdirektor Michael Henke seinem früheren Trainer Jeff Saibene von hinten einen Kniestoß. „Ich muss mich entschuldigen, das war ein Fehlverhalten von mir“, sagte Henke zu Sport1: „Wobei es auch etwas von Jeff ausging. Als ich bei den Schiedsrichtern stand, kam er und stach mir in die Rippen nach dem Motto ‚Schleich dich‘. Dann setze ich nach und gebe ihm einen Touch mit dem Knie, es war kein Tritt.“ Das Sportgericht ermittelt.

Stefan Kutschke und Dynamo - die Bilder zum Klicken:

Spätestens nach seinen zwei Toren gegen das von den Dynamo-Fans abgelehnte "Produkt" RB Leipzig im DFB-Pokal im August 2016 hatten ihn die Anhänger ins Herz geschlossen. Allerdings entzogen viele Stefan Kutschke diese Zuneigung mit seinem Wechsel nach Ingolstadt.
Spätestens nach seinen zwei Toren gegen das von den Dynamo-Fans abgelehnte "Produkt" RB Leipzig im DFB-Pokal im August 2016 hatten ihn die Anhänger ins Herz geschlossen. Allerdings entzogen viele Stefan Kutschke diese Zuneigung mit seinem Wechsel nach Ingolstadt. © Robert Michael
Stark spielte Stefan Kutschke schon in seinem ersten halben Jahr bei Dynamo, als er im Januar 2016 vom 1. FC Nürnberg ausgeliehen worden war. So erzielte er mit dem 2:1 zum Sieg gegen Werder Bremen II einen seiner drei Treffer.
Stark spielte Stefan Kutschke schon in seinem ersten halben Jahr bei Dynamo, als er im Januar 2016 vom 1. FC Nürnberg ausgeliehen worden war. So erzielte er mit dem 2:1 zum Sieg gegen Werder Bremen II einen seiner drei Treffer. © Robert Michael
War diese Geste nur eine Show? Stefan Kutschke ist Dresdner, hat schon in der Jugend kurz für Dynamo gespielt, war dann nicht mehr gut genug, kehrte zurück - und ging wieder weg. Es ist der Lebenslauf eines Fußball-Profis, der irgendwie zum verlorenen Sohn wurde.
War diese Geste nur eine Show? Stefan Kutschke ist Dresdner, hat schon in der Jugend kurz für Dynamo gespielt, war dann nicht mehr gut genug, kehrte zurück - und ging wieder weg. Es ist der Lebenslauf eines Fußball-Profis, der irgendwie zum verlorenen Sohn wurde. © Robert Michael
Der Dresdner Stefan Kutschke bestreitet seine dritte Saison mit dem FC Ingolstadt, für den der Stürmer bisher 110 Pflichtspiele bestritten und 26 Tore erzielt hat. 
Der Dresdner Stefan Kutschke bestreitet seine dritte Saison mit dem FC Ingolstadt, für den der Stürmer bisher 110 Pflichtspiele bestritten und 26 Tore erzielt hat.  © Robert Michael
Bereits in der Saison 2018/19 traf Kutschke mit seinem jetzigen Klub auf seinen Heimatverein: Am 25. November 2018 ist er in diesem Kopfballduell vor  Jannis Nikolaou (r./jetzt Braunschweig) am Ball. Ingolstadt gewann mit 2:0, stieg am Ende aber trotzdem ab. 
Bereits in der Saison 2018/19 traf Kutschke mit seinem jetzigen Klub auf seinen Heimatverein: Am 25. November 2018 ist er in diesem Kopfballduell vor  Jannis Nikolaou (r./jetzt Braunschweig) am Ball. Ingolstadt gewann mit 2:0, stieg am Ende aber trotzdem ab.  © Robert Michael

„Nach den Turbulenzen liegt jetzt der Fokus auf Dynamo“, betont Kutschke, für den es immer noch ein besonderes Spiel ist. „Es besteht einfach eine emotionale Beziehung, Dresden ist meine Heimat, Dynamo mein Heimatverein“, sagt er, aber: „Ich habe hier eine Aufgabe zu erfüllen.“ Sein Vertrag läuft noch bis Juni 2021, der Verein hat eine Option auf ein weiteres Jahr. Nach Schwierigkeiten zu Beginn passen Kutschke und Ingolstadt immer besser zusammen, vorige Saison hat der Stürmer 13-mal getroffen, nur dreimal weniger als in seiner besten Saison bei und mit Dynamo.

Den Kontakt, sagt er, hält er nicht nur zu ehemaligen Mitspielern, sondern auch zu vielen Mitarbeitern im Verein. Zumindest Letzteres ist nicht selbstverständlich und ein Beleg dafür, dass Kutschke kein Fußball-Söldner ist. Kürzlich hat er die Spendenaktion der Sportfreunde 01 Dresden Nord unterstütz. So oft es der Trainings- und Spielplan zulässt, fährt er nach Hause, wie er sagt. „Hier lebt meine Familie, habe ich meinen Freundeskreis. Dresden wird auch der Standort sein, wo es nach meiner Karriere wieder hingeht.“

Nach der Karriere zurück nach Dresden

Ein Treffen in Ingolstadt zum Spiel gibt es nicht, Gäste-Fans sind deutschlandweit ausgeschlossen, in Ingolstadt dürfen keine Zuschauer ins Stadion. Für einen Spielertypen wie Kutschke, der Emotionen lebt, ist das besonders bitter. „Es ist egal, ob die Fans für oder gegen dich schreien, die Atmosphäre zieht dich noch mal hoch.“ Wie das funktioniert, hat er in Dresden erlebt – etwa beim Sieg über RB Leipzig im DFB-Pokal 2016, als er mit seinen beiden Toren das Elfmeterschießen erst möglich machte. Oder wenig später in der zweiten Liga, als er gegen Braunschweig nach 0:2 gleich dreimal getroffen hat. 

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Daran erinnere ich mich auch gern, aber jetzt müssen wir mit wenigen oder gar keinen Zuschauern klarkommen“, sagt Kutschke. „Es ist die entscheidende Qualität, das so anzunehmen, wie es ist.“ Einen Tipp fürs Spiel gegen Dynamo lässt er sich übrigens nicht entlocken. „Dann könnte ich mir auch selbst gegen das Schienbein hauen“, meint er. „Ich lasse mich überraschen, wie es läuft.“ Für sein privates Umfeld gelte aber: „Die Herzen werden zweigeteilt sein.“

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