merken
PLUS Dynamo

Wie ein Weltentdecker zu Dynamo kommt

Ferydoon Zandi ist in Deutschland geboren, hat für den Iran gespielt und arbeitet in Dresden als Co-Trainer. Warum dabei sogar die Fetzen fliegen dürfen.

Ferydoon Zandi hat für den Iran bei der WM 2006 in Deutschland gespielt, seit dieser Saison ist er Co-Trainer bei Dynamo Dresden.
Ferydoon Zandi hat für den Iran bei der WM 2006 in Deutschland gespielt, seit dieser Saison ist er Co-Trainer bei Dynamo Dresden. © PICTURE POINT

Dresden. Diese Konstellation ist besonders: bei einer Fußball-Weltmeisterschaft in der Heimat seiner Mutter für das Land seines Vaters zu spielen. Ferydoon Zandi hat es 2006 erlebt, in Deutschland mit dem Iran. Der emotionale Höhepunkt sei jedoch das entscheidende Qualifikationsspiel gewesen, als sie vor 120.000 Fans im Azadi-Stadion von Teheran gegen Bahrain mit 1:0 gewannen. „Bei der WM selber saugt man auf, was drumherum passiert im Land, aber sportlich lief es für uns ernüchternd“, sagt Zandi.

Nach zwei Niederlagen gegen Portugal und Mexiko ist der Iran bereits vor dem 1:1 im letzten Gruppenspiel in Leipzig gegen Angola ausgeschieden. „Dabei waren wir eine richtig gute Generation mit Bundesliga-Profis wie Mahdavikia, Hashemian, Karimi und Ali Daei“, meint Zandi, der selbst beim 1. FC Kaiserslautern unter Vertrag stand. In der Jugend hatte er bis zur U21 für die deutschen Auswahlteams gespielt, womit Einsätze für den Iran eigentlich ausgeschlossen gewesen wären.

Anzeige
Pflegestudium: Bachelor & Berufsabschluss
Pflegestudium: Bachelor & Berufsabschluss

Studium und Pflegepraxis vereinen? Bewerben Sie sich bis zum 1. April 2021 an der ehs Dresden für den Bachelor-Studiengang Pflege!

Die besondere Gastfreundschaft der Iraner

Erst als der Weltverband Fifa diese Regel kippte, ergab sich für Zandi diese Möglichkeit. „Ich habe nicht sofort zugesagt, sondern erst das Land bereist, um entscheiden zu können, ob es das Richtige ist.“ Er wurde in der ostfriesischen Stadt Emden geboren, ist zu Hause mit deutsch und persisch zweisprachig aufgewachsen, Verwandte seines Vaters kamen zu Besuch. „Aber ich kannte das Land nicht wirklich.“

Also zog er los, um sich selbst einen Eindruck zu verschaffen. „Es ist eine andere Kultur“, sagt er. An den Deutschen schätzt er die Ehrlichkeit, Pünktlichkeit und Organisation, auch wenn er augenzwinkernd meint: „Manchmal könnte man auch ein Auge zudrücken.“ Die Iraner, sagt er, „haben einen sehr familiären Umgang und eine Gastfreundschaft, wie ich sie kaum ein zweites Mal erlebt habe. Wenn du dort als Fremder durch die Straßen läufst, wirst du gefühlt nach fünf Minuten von jemanden nach Hause eingeladen.“

Chefcoach Markus Kauczinski (4. v. l.) will keine Ja-Sager in seinem Team. Die Assistenten David Yelldell (l.), der für die Torhüter zuständig ist, sowie Heiko Scholz (2. v. l.) und Ferydoon Zandi (r.) diskutieren mit.
Chefcoach Markus Kauczinski (4. v. l.) will keine Ja-Sager in seinem Team. Die Assistenten David Yelldell (l.), der für die Torhüter zuständig ist, sowie Heiko Scholz (2. v. l.) und Ferydoon Zandi (r.) diskutieren mit. ©  dpa/Robert Michael

Das Bild, das im Westen medial vom Iran gezeichnet wird, sei sehr negativ und werde den Menschen nicht gerecht, meint Zandi, ohne sich genauer dazu äußern zu wollen. Von sich sagt er jedenfalls, „ein kleiner Marco Polo“, ein Weltentdecker, geworden zu sein. Bis 2007 hat er in Deutschland gespielt, beim SV Meppen sein Profi-Debüt gegeben, mit dem VfB Lübeck gegen Werder Bremen den Einzug ins DFB-Pokalfinale durch ein Tor zwei Minuten vor Ende der Verlängerung knapp verpasst und sich mit dem SC Freiburg für den Europapokal qualifiziert. „Auf jeder Station gab es persönliche Highlights“, sagt Zandi.

Trotzdem trieb ihn der Gedanke an, andere Länder kennenzulernen, neue Erfahrungen zu sammeln: Auf Zypern, im Iran und schließlich in Katar konnte er das bis zum Ende seiner Karriere als Spieler vor fünf Jahren. „Man lernt die Toleranz anderen Kulturen und Auffassungen gegenüber, darf nicht so engstirnig sein, zu sagen: Wir denken so, also muss es so sein“, erklärt der 41-Jährige.

Seit 2015 lebt er wieder in Deutschland, hat beim FC St. Pauli als Trainer im Nachwuchs und bei der zweiten Mannschaft gearbeitet. Seit dieser Saison ist er Assistent von Markus Kauczinski bei Dynamo in Dresden. Sie waren sich bereits beim Kiezklub über den Weg gelaufen, als Kauczinski dort von Dezember 2017 bis April 2019 Chefcoach war. „Wir kannten uns, das ist sicher ein Vorteil“, sagt Zandi. „Die Anfrage von Dynamo war aber nicht nur deshalb sehr, sehr interessant. Ich habe aus der Ferne immer auf diesen Verein geschaut, was für ein Potenzial dahintersteckt, welche Power die Fans entwickeln. Darüber spricht man deutschlandweit.“

In Dynamos Trainerteam fliegen die Fetzen

Der Abstieg hat ihn nicht etwa abgeschreckt, im Gegenteil. „Es ist eine Herausforderung, mitzuhelfen, den Verein wieder dorthin zu bringen, wo er hingehört. Und das ist ganz bestimmt nicht die 3. Liga.“ Allerdings herrscht nach der anfänglichen Aufbruchstimmung bereits Ernüchterung nach zuletzt drei Niederlagen in vier Spielen. Zandi sieht sich als Co-Trainer auch verantwortlich für die Seelenmassage. „Ich würde die Jungs ja gerne mal in den Arm nehmen, aber das verbietet sich leider in Corona-Zeiten. Ich versuche trotzdem, positiv auf sie einzuwirken“, sagt er.

Denn ein Grund für die teils auch während der 90 Minuten schwankenden Leistungen sei es, dass sie sich zu sehr unter Druck setzen und deshalb unruhig werden, wenn etwas nicht klappt. Zandi schätzt das Arbeitsklima im Trainerteam. „Wir führen offene, konstruktive Diskussionen. Das lässt Markus zu, das will er so, auch wenn er derjenige ist, der am Ende entscheidet.“

Seit Sommer das starke Trio bei Dynamo: Die Co-Trainer Ferydoon Zandi und Heiko Scholz mit Chefcoach Markus Kauczinski (v. l.).
Seit Sommer das starke Trio bei Dynamo: Die Co-Trainer Ferydoon Zandi und Heiko Scholz mit Chefcoach Markus Kauczinski (v. l.). ©  dpa/Robert Michael

Bei den Spielen schaut Zandi von oben, gibt seine Eindrücke per Funk zur Trainerbank weiter, diesmal wird er selbst dort sitzen. Heiko Scholz, der zweite Assistent, ist nach seiner Roten Karte von Saarbrücken gesperrt. „Jeder ist unterschiedlich, hat seinen eigenen Blickwinkel, seine eigene Meinung“, beschreibt Kauczinski die Zusammenarbeit: „Ich brauche in meinem Team keine Ja-Sager, sondern es wird kontrovers diskutiert, dabei ist man sich nicht immer einig, fliegen auch mal die Fetzen. Es ist so, wie ich es will und schätze, dass man offen und ehrlich ist.“

Das ist auch für Ferydoon Zandi ein wichtiger Aspekt, sein Vertrag bei Dynamo gilt zunächst für diese Saison. Schon jetzt fühlt er sich wohl in Dresden, die Stadt vermittle so etwas wie Urlaubsatmosphäre. Besonders gern ist an der Elbe, meist jedoch alleine. Seine Frau Arezoo, die er im Iran kennengelernt und dort 2012 geheiratet hat, ist als Schmuckdesignerin in Hamburg selbstständig tätig. „Wenn sie Zeit hat, findet sie auch den Weg nach Dresden“, meint er und lacht.

Im Training gibt auch Ferydoon Zandi mal die Richtung vor, und das ist von Cheftrainer Markus Kauczinski (links) ausdrücklich so gewollt.
Im Training gibt auch Ferydoon Zandi mal die Richtung vor, und das ist von Cheftrainer Markus Kauczinski (links) ausdrücklich so gewollt. © dpa/Robert Michael

Was er außer ihr in Dresden bisher vermisst, ist das uneingeschränkte Stadion-Erlebnis. „Das konnte ich bislang nicht aufsaugen, weil die Fans fehlen.“ Als zu Saisonbeginn gegen Hamburg und Mannheim gut 10.000 Zuschauer da waren, habe er gedacht: „Boah, die machen schon schön Alarm.“ Und sich auf die Atmosphäre mit vollen Rängen gefreut. Doch auch die Partie am Sonntag, 14 Uhr, gegen den TSV 1860 München wird ein Geisterspiel.

Weiterführende Artikel

Wie sich Dynamo den Sieg verdient hat

Wie sich Dynamo den Sieg verdient hat

"Eine geile Leistung von allen", meint Stürmer Pascal Sohm nach dem 2:1 gegen 1860 München. Eine differenzierte Einschätzung gibt es in der Einzelkritik.

Dynamos harter Kampf mit Hartmann

Dynamos harter Kampf mit Hartmann

Die Dresdner gewinnen gegen 1860 München mit 2:1, der Ex-Kapitän vermittelt dabei Sicherheit und Selbstbewusstsein. Die Analyse mit den Reaktionen.

Dynamo spielt zwei Tage vor Heiligabend

Dynamo spielt zwei Tage vor Heiligabend

Kein Top-Los, aber die Chance auf die nächste Runde im DFB-Pokal. Für den Vize-Kapitän ist es ein besonderes Wiedersehen. Nun steht auch die Anstoßzeit fest.

Bei Dynamo vom Präsidenten abgeschoben

Bei Dynamo vom Präsidenten abgeschoben

Miroslav Stevic ist Dynamos erster ausländischer Profi in der Bundesliga, sein Sohn wird in Dresden geboren. Trotzdem wird er an 1860 München verkauft.

Trotzdem soll es kein gespenstischer Auftritt der Schwarz-Gelben werden, bei denen Ex-Kapitän Marco Hartmann eine Option für die Startelf ist. „Die Qualität ist grundsätzlich da, ich bin positiv gestimmt“, sagt der Co-Trainer.

Sächsische.de berichtet am Sonntag hier im Liveticker vom Spiel.

Alles Wichtige und Wissenswerte rund um Dynamo - kompakt jeden Donnerstagabend im Newsletter SCHWARZ-GELB, und immer mit Gewinnspiel. Jetzt hier kostenlos anmelden.

Mehr zum Thema Dynamo