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Bei Dynamo vom Präsidenten abgeschoben

Miroslav Stevic ist Dynamos erster ausländischer Profi in der Bundesliga, sein Sohn wird in Dresden geboren. Trotzdem wird er an 1860 München verkauft.

Miroslav Stevic hat für Dynamo 55-mal in der Bundesliga gespielt und vier Tore erzielt, 1994 musste er zu 1860 München wechseln.
Miroslav Stevic hat für Dynamo 55-mal in der Bundesliga gespielt und vier Tore erzielt, 1994 musste er zu 1860 München wechseln. © privat

Dresden. Als das politische System zusammenbricht, will Miroslav Stevic seine Heimat verlassen. Jugoslawien war bis dahin staatlich zusammengehalten worden, nun führte der Wunsch der Nationen nach ihrer Unabhängigkeit zum Krieg auf dem Balkan. „Ende der 1980er-Jahre war die erste jugoslawische Liga ähnlich stark wie die Bundesliga. Ich habe aber geahnt, dass sie durch den Konflikt kaputtgehen wird. Die kroatischen Vereine waren bereits ausgetreten“, erinnert sich Stevic.

Also nutzt der Serbe die neue Freiheit, um ins Ausland zu wechseln. Zuvor hatten ihn die Machthaber zwar zu einem Probetraining nach Barcelona gelassen, wo Stevic unter anderem Pep Guardiola traf. Doch als ihm die Katalanen einen Fünfjahresvertrag anboten, musste er den ablehnen. Nun findet er mit Dynamo einen Verein, bei dem alles zu passen scheint. „Ich war sogar schon mit im Trainingslager auf Kreta, die Mannschaft hatte mich sehr gut aufgenommen. Aber als wir zurückkamen, hieß es: Lizenzauflage, kein Geld für Transfers.“

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Statt 1,2 Millionen nur 480.000 D-Mark als Ablöse

Sein bisheriger Klub FK Rad Belgrad will ihn nicht ablösefrei ziehen lassen – und Stevic nicht ein halbes Jahr lang bei Dynamo nur trainieren. Das wäre die Konsequenz aus einem erzwungenen Wechsel gewesen. „Ich war gerade 22 geworden, musste spielen.“ Die Lösung findet sich in der Schweiz beim Grasshopper Club Zürich. „Das war auch eine großartige Truppe mit Spielern wie Marcel Koller, Ciriaco Sforza und Giovane Elber“, erzählt Stevic.

Bei Dynamo wird Miroslav Stevic auf Anhieb Stammspieler und nimmt im Mittelfeld eine zentrale Rolle ein. Seine Ballannahme ist auch im Schneeftreiben perfekt wie hier beim Spiel gegen den Hamburger SV.
Bei Dynamo wird Miroslav Stevic auf Anhieb Stammspieler und nimmt im Mittelfeld eine zentrale Rolle ein. Seine Ballannahme ist auch im Schneeftreiben perfekt wie hier beim Spiel gegen den Hamburger SV. © Archivfoto: imago/Oliver Hardt

Trotzdem will er im Sommer 1992 nach Dresden. „Ich spürte von der ersten Sekunde an: Diese Mentalität, dieses Wir-Gefühl passt zu mir.“ Doch als Dynamo-Präsident Wolf-Rüdiger Ziegenbalg nach Zürich fliegt, fangen ihn „ein paar gut gekleidete, aber mir unbekannte Herren“ am Flughafen ab. „Sie boten mir eine sechsstellige Summe, ich sollte mir einen Autoschlüssel meiner Wahl aussuchen können, wenn ich ihr Schriftstück unterschreibe“, erinnert sich Ziegenbalg im Buch „Dynamos vergessene Helden“. Er lässt sich weder auf den Deal ein noch einschüchtern. Er weiß nämlich, dass die Aufenthaltsgenehmigung für Stevic in der Schweiz ausläuft.

Der Zürcher Traditionsklub fordert 1,2 Millionen D-Mark als Ablöse, „aber wir durften nur 500.000 ausgeben“, sagt der Ex-Präsident. „Ich sagte ihnen, dass sie 480.000 sofort bekommen könnten – und nicht mehr.“ Die anderen 20.000 hatte er für ein Rechtsgutachten zu den Transferrechten gut angelegt.

Und so landet Stevic also mit etwas Verspätung in Dresden, in der Bundesliga. René Müller ist jetzt bei Dynamo sein Kapitän. Als der Torwart mit der DDR-Nationalelf im September 1989 in Belgrad gegen Jugoslawien spielte, stand Stevic als Balljunge quasi hinter ihm. „Ich hatte Glück, auf meiner – genau genommen ersten – Station im Ausland so viele gute Menschen zu treffen – die Mitspieler, aber auch die Trainer Klaus Sammer, Sigfried Held und Ralf Minge, unsere Physios Kerstin und Horst Friedl sowie Rainer Nikol, den Zeugwart“, sagt Stevic.

Mit Borussia Dortmund wurde Miroslav Stevic (vorn) 2002 deutscher Meister. Sein Trainer: der Dresdner und Ex-Dynamo Matthias Sammer.
Mit Borussia Dortmund wurde Miroslav Stevic (vorn) 2002 deutscher Meister. Sein Trainer: der Dresdner und Ex-Dynamo Matthias Sammer. © Archivfoto: dpa

Er ist der erste ausländische Profi beim achtmaligen DDR-Meister, Anpassungsschwierigkeiten gibt es für ihn keine. Nicht einmal die neue Sprache stellt für ihn eine Barriere dar. „Alle haben versucht, mir zu helfen – besonders Uwe Rösler“, sagt er. „Aber das Wichtigste ist: Ich habe mich bemüht, mich nicht versteckt. Das entspricht meinem Charakter, offen auf Menschen zuzugehen.“

Nur beim Essen im Hotel „Bellevue“, wo der Neuzugang anfangs wohnt, wird er nicht verstanden. Der Koch garniert die Speisen gern mit frischem Grün. „Ich esse aber keine Zwiebeln, keinen Knoblauch und keinen Schnittlauch.“ Also fragt er die Kollegen, wie dieses grüne Zeug heißt. Petersilie. „Bei jeder Bestellung habe ich gesagt: No Petersilie! Trotzdem hatte ich es wieder drauf. Bis ich mich beschwert habe. Die verdutzte Reaktion: Aber das ist doch Schnittlauch.“ Ein Missverständnis.

Stevic und Dresden – das ist rundum eine Erfolgsgeschichte, auch weil sein Sohn Fabio hier geboren wird. Das ist schon 1994, kurz vor seinem Wechsel zum TSV 1860 München. Inzwischen hat Rolf-Jürgen Otto als Präsident das Sagen und sich die Stimmung im Verein geändert, findet Stevic. Als er zu Dynamo kommt, weiß er, welchen Stellenwert der Verein hat.

"Das war ein großer Fehler"

Das vorletzte Europacupspiel bei Roter Stern Belgrad am 4. März 1991 hatte er noch live im Stadion gesehen, beim Rückspiel saß er fassungslos wie Millionen andere vor dem Fernseher, als Chaoten aus ganz Deutschland für den Abbruch sorgten. „Dynamo war in meiner Heimat ein Begriff, man spürt diese Tradition. Wenn du dort spielst, hast du eine Verantwortung.“ Otto aber habe verdiente Spieler und Funktionäre, die den Klub zur Nummer eins im Osten gemacht hatten, eliminiert. „Das war ein großer Fehler.“

Die Mannschaft hält jedoch zusammen. „Nach dem Spiel sind wir mit zehn, zwölf Mann um die Häuser gezogen. Du hast etwas getrunken, obwohl du sonst keinen Alkohol anrührst, um den Teamgeist zu leben.“

Gemeinsam sind sie stark, liefern spektakuläre Spiele. Eines ist ihm in besonderer Erinnerung geblieben: Beim 2:2 in Bochum am 20. November 1992 erzielt er seine ersten beiden Tore für Dynamo und sieht die Rote Karte. „Das vergisst du nie.“ Nach einem Freistoß von Hans-Uwe Pilz trifft Stevic zunächst per Kopf, dann mit einem Schuss aus gut 20 Metern in den äußersten rechten Torwinkel. „Pilz und Stevic – das war das überragende Duo im schwarz-gelben Team“, schrieb die Sächsische Zeitung – und weiter: „Der bayerische Schiedsrichter Albrecht pfiff von nun an alles, jedoch kaum mal richtig.“ Und so fliegt Stevic nach einem harten Zweikampf vom Platz.

Miroslav Stevic, Ex-Dynamo Jens Jeremies und Harald Cerny (v. l.) feiern im Mai 1998 nach einem 1:0-Sieg mit 1860 München gegen Schalke 04. Die "Löwen" sicherten sich damit den Klassenerhalt in der Bundesliga. Dynamo war bereits 1995 sportlich abgestiegen
Miroslav Stevic, Ex-Dynamo Jens Jeremies und Harald Cerny (v. l.) feiern im Mai 1998 nach einem 1:0-Sieg mit 1860 München gegen Schalke 04. Die "Löwen" sicherten sich damit den Klassenerhalt in der Bundesliga. Dynamo war bereits 1995 sportlich abgestiegen © Archivfoto: dpa

1994 wechselt der Mittelfeldspieler für eine halbe Million Mark zu 1860 München. Er wäre gerne geblieben, doch Präsident Otto gibt dem Stammspieler bei Dynamo keinen neuen Vertrag. „Ich habe an der Kesselsdorfer Straße gewohnt, wollte nicht in eines seiner Häuser in Weißig ziehen. Wahrscheinlich hat ihn das gestört.“

Für Stevic geht es aufregend weiter, vier Jahre spielt er für die „Löwen“, bevor er 1999 nach Dortmund wechselt. Mit der Borussia wird er unter Trainer Matthias Sammer 2002 deutscher Meister, sein größter Erfolg. Danach geht er für anderthalb Jahre in die Türkei zu Fenerbahce Istanbul. Frankfurt will ihn zurückholen, aber er entscheidet sich für den VfL Bochum, „um wieder bei meiner Familie sein zu können, die in Dortmund geblieben war“, erzählt Stevic – und fragt selbst: „Was passiert? Wir spielen mit dem VfL die beste Saison der Vereinsgeschichte, landen vor Schalke und dem BVB und qualifizieren uns für den Europapokal.“

Wenn seine Ex-Klubs Dynamo und 1860 am Sonntag in Dresden aufeinandertreffen, schaut sich der 50-Jährige das auch aus Sicht eines Spielerberaters an, aber die Erinnerungen bleiben. „Ich bin zufrieden mit den sportlichen Erfahrungen und den netten Leuten, die ich kennenlernen durfte. Die Freundschaften halten bis heute“, sagt Miroslav Stevic.

Weitere Texte zu Dynamos vergessenen Helden:

Sven Geisler, Jürgen Schwarz: Dynamos vergessene Helden. Verlag DDV-Edition. 192 Seiten, 22,90 €. ISBN: 978-3-943444-88-9. Bestellung auch online: www.ddv-lokal.de Sven Geisler, Jürgen Schwarz: Dynamos vergessene Helden. Verlag DDV-Edition. 192 Seiten, 22
Sven Geisler, Jürgen Schwarz: Dynamos vergessene Helden. Verlag DDV-Edition. 192 Seiten, 22,90 €. ISBN: 978-3-943444-88-9. Bestellung auch online: www.ddv-lokal.de Sven Geisler, Jürgen Schwarz: Dynamos vergessene Helden. Verlag DDV-Edition. 192 Seiten, 22 © SZ

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