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Dynamo und der schwierige Umgang mit den Sportwetten

Fußball-Vereine sind eine attraktive Werbeplattform – und profitieren davon. Dabei sind Fans gefährdet, süchtig zu werden. Wie der Sachse Thomas Melchior.

Wetten, dass … Wenn Dynamo – wie hier mit Brandon Borrello im Pokal gegen Paderborn – spielt, läuft über die Banden des Rudolf-Harbig-Stadions auch Werbung eines Sportwettenanbieters.
Wetten, dass … Wenn Dynamo – wie hier mit Brandon Borrello im Pokal gegen Paderborn – spielt, läuft über die Banden des Rudolf-Harbig-Stadions auch Werbung eines Sportwettenanbieters. ©  dpa/Robert Michael

Dresden. Es ist ein heikles Thema. Erst in dieser Woche hat der Sportwettenanbieter bwin sein Sponsoring für mehrere Fußballvereine verlängert. Sehr zur Freude der Klubs, für die ein so finanzstarker und verlässlicher Partner eine wichtige Stütze ist, erst recht in der Corona-Krise. Das betont auch Jürgen Wehlend, Geschäftsführer der SG Dynamo Dresden, die von bwin seit 2018 und nun weitere drei Jahre „verlässlich unterstützt“ werde. Das gewachsene Vertrauensverhältnis ermögliche es, „sensibel und verantwortungsvoll mit dem Thema Sportwettenwerbung umzugehen“, erklärt der 55-Jährige.

Thomas Melchior hält von solchen Aussagen wenig. Er sitzt in der Justizvollzugsanstalt in Dresden, am 18. Januar 2019 wurde er festgenommen und zu fünf Jahren Haft verurteilt, seit April bekommt er Ausgang, kommt auch zur Arbeit im Gartenbau raus, im Oktober könnte er in den offenen Vollzug versetzt, vielleicht sogar noch vor Weihnachten entlassen werden. „Das Ende ist in Sicht, und es fühlt sich richtig gut an“, sagt der 42-Jährige. Dann will er versuchen, den Schuldenberg abzutragen, insgesamt habe er 800.000 Euro verspielt.

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Dabei beginnt es so unspektakulär wie erfolgreich. November 2005, Champions League, Bayern München gegen Rapid Wien, eine sichere Bank, wie man sagt. Melchior kann nicht genau sagen, was den Impuls ausgelöst hat, vielleicht tatsächlich ein Werbespot in der Halbzeitpause. Jedenfalls setzt er im Internet zehn Euro, bekommt elf zurück. Für einen Bankkaufmann, damals bei der Sparkasse angestellt, ist das eine sehr interessante Rendite. Er ist angefixt, setzt weiter, erhöht das Risiko, verspielt sein Weihnachtsgeld, gewinnt aber in drei Monaten 25.000 Euro. Und steuert in eine Sucht. „Mein Leben ist kein Spiel“ nennt er sein Buch, das eine selbstkritische, zutiefst reumütige Aufarbeitung jener 13 Jahre und 56 Tage ist, in denen er viel mehr verlor als Geld.

Einst Hobby-Kicker bei Eintracht Niesky

Job, Freundin, das Vertrauen von Eltern, Verwandten, Freunden, Fußball-Kumpels. Melchior hat sich selbst immer tiefer reingeritten, konnte sich das aber nicht eingestehen. „Man ist gedanklich gefangen in einer ganz anderen Welt. Da hilft keine Intelligenz, nichts“, sagt der frühere Kicker von Eintracht Niesky. Weder seine mathematischen Fähigkeiten noch sein Fußballwissen helfen ihm, das System zu überlisten, auch wenn die Sportwettenanbieter vor allem Letzteres gerne so darstellen.

Thomas Melchior liest während eines Ausgangs im Nachrichtenmagazin Der Spiegel, das über ihn und die Problematik der Spirt
Thomas Melchior liest während eines Ausgangs im Nachrichtenmagazin Der Spiegel, das über ihn und die Problematik der Spirt © Duplex Grafik und Druck Dresden

Der Fußball als Plattform garantiert ihnen die höchste Aufmerksamkeit. Ab dieser Saison ist Tipico offizieller Sponsor der Sportschau in der ARD, der DFB setzt im Pokal auf bwin. Im Werbespot ertönt auch der Ruf „Dynamo“, eine Einstellung zeigt den früheren Dresdner Spieler Aias Aosman, der jubelnd sein Trikot über dem Kopf schwenkt. „Bwin nutzt damit ein Recht, das er als Sponsor erwirbt“, meint Wehlend und verweist auf die anderen Klubs die in diesen „sehr reichweitenstarken Werbeclips“ vorkommen.

Doch gerade deshalb sieht nicht nur ein Betroffener wie Melchior diese Möglichkeit, vor allem junge Menschen über ihr Fansein mindestens zu beeinflussen, sehr kritisch. Als ein Problem wird das bei „Unsere Kurve“ beobachtet, einer überregionalen Interessengemeinschaft von Fanorganisationen. „Der Glücksspielmarkt breitet sich immer weiter aus, wird auch immer bizarrer. Das sehen wir natürlich kritisch“, sagt Markus Sotirianos, stellvertretender Vorsitzender.

Solche Fälle wie der von Melchior zeigen, was passieren kann, aber diese Gefahr werde nicht sichtbar gemacht, sondern wegdiskutiert. „Im Sinne von gesellschaftlicher Verantwortung fragen wir uns, wieso sich die Fußballvereine dafür hergeben“, sagt Sotirianos. Die Antwort liegt auf der Hand: Sie brauchen das Geld. 2019 überwies die Glückspielbranche nach eigenen Angaben 43 Millionen Euro an die Klubs. Dynamo dürfte einen mittleren sechsstelligen Betrag pro Saison erhalten.

Dynamo: Im umkämpften Wettbewerb behaupten

„Sportwetten sind in Deutschland zulässige Unterhaltungsangebote rund um den Sport. Es ist kein Geheimnis, dass dem Profi-Fußball viele Einnahmen wegbrächen, falls er auf die Sponsoringerlöse aus der Sportwettenbranche verzichten müsste“, argumentiert Geschäftsführer Wehlend. Dynamo partizipiere maßgeblich von der großen Unterstützung der kleinen und mittelständischen Unternehmen in Dresden und Sachsen; rund 400 gehören zur „Sponsorenfamilie“, aber: „Um sich auch in Zukunft im umkämpften Wettbewerb der besten 36 Vereine in Deutschland behaupten zu können, sind wir auch auf das Engagement sowohl größerer als auch nationaler Sponsoren angewiesen.“

Die Klubs sind für Sportwettenanbieter vor allem als Werbeträger interessant, gerade darin sieht Melchior die Gefahr. „Wer fußballbegeistert ist, kommt an Sportwettenwerbung nicht mehr vorbei“, sagt er im Skype-Gespräch aus dem Besucherraum der JVA. „Dabei wird immer von Spiel geredet: dein Spiel, unser Spiel. Aber es ist alles, nur kein Spiel, sondern bitterer Ernst. Wenn der Suchtfaktor einmal eingetreten ist, wird es unglaublich schwer, aus eigener Kraft aufzuhören. Das weiß ich aus leidvoller Erfahrung.“

Dynamo-Fan Melchior ließe sich als Einzelschicksal abstempeln, und er ist sich bewusst, letztlich allein schuld an seinem Absturz zu sein. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) geht jedoch von rund 430.000 Erwachsenen in Deutschland aus, die ein problematisches Glücksspielverhalten aufweisen oder bereits süchtig sind. Gefährdet sind nicht nur Fans, vor allem junge Männer. Melchior hat viel Zeit in Wettbüros verbracht und kennt Geschichten auch von Ex-Dynamo-Spielern, deren Namen er nie nennen würde.

"Mancher braucht einen starken Kitzel"

Wehlend verweist auf das Wettverbot für Profis. „Wenn Spieler dagegen verstoßen, wird dies konsequent sanktioniert.“ Erwischt zu werden, gehört zum Risiko. „Fußballer stehen so sehr im Fokus, dass mancher einen starken Kitzel braucht, wenn das Adrenalin weg ist, das man beim Spiel vor Tausenden Zuschauern ausschüttet“, meint Sotirianos. Es fehle zwar der konkrete Einblick, aber Berichte ehemaliger Spieler legen den Verdacht nahe, dass diese Sehnsucht auch mit Wetten gestillt wird. „Wer spielen will, kann spielen, es muss nicht unter seinem Namen sein.“

Thomas Melchior hat seinen Weg vom Sparkassen-Angestellten zum Wettsüchtigen in einem Buch aufgeschrieben: "Mein Leben ist kein Spiel".
Thomas Melchior hat seinen Weg vom Sparkassen-Angestellten zum Wettsüchtigen in einem Buch aufgeschrieben: "Mein Leben ist kein Spiel". © JVA Dresden

Der neue Glücksspielstaatsvertrag soll Zocker schützen, der Einsatz wird auf 1.000 Euro im Monat limitiert und eine einheitliche Sperrdatei angelegt, die den Zugang sowohl ins Online-Casino als auch zur Spielhalle vor Ort unterbindet. Thomas Melchior hatte sich bei Wettanbietern mit dem Verweis auf seine Spielsucht sperren lassen, ein halbes Jahr später fragte er an, ob er sein Konto wieder aktivieren könne. Kein Problem, wenn er bestätigt, nicht mehr süchtig zu sein, hieß es.

Er bezweifelt die Wirksamkeit solcher Regelungen. „Das ist hanebüchen. Ich weiß, was ich für meine Sucht getan habe, ein Süchtiger kennt keine Grenzen.“ Zudem hat er erlebt, wie die Branche tickt. „Als ich am Anfang noch wahnsinnig viel gewonnen habe, wurde ich vom Sportwettenanbieter vorübergehend gesperrt“, erzählt er. Doch als er immer mehr verlor, bekam er eine Reise nach London zum Spiel FC Chelsea gegen Liverpool spendiert mit allem Drum und Dran. „Es hat nie jemand hinterfragt: Moment mal, vielleicht haben Sie gar nicht das Geld, das sie hier verspielen“, sagt Melchior. „Die meisten Umsätze werden durch Süchtige gemacht.“

Dynamo-Geschäftsführer Wehlend verweist darauf, dass der Sponsor mit seiner britischen Muttergesellschaft Entain PLC führend in der Forschung sei, „um Suchtverhalten zu analysieren und Gegenmaßnahmen zu entwickeln“. In anderen Fußball-Nationen ist man damit bereits weiter. Italien hat 2018 als erstes EU-Land ein komplettes Werbeverbot ausgesprochen, Spanien folgte 2020, in Großbritannien wird es zumindest diskutiert. „Es gibt in Deutschland mittlerweile rechtliche Grundlagen, um Tabak- und Alkoholwerbung einzuschränken. Es ist nicht zu verstehen, dass man es bei Glücksspiel einfach so laufenlässt“, ktitisiert Fanvertreter Sotirianos.

Fan müssten die Vereine zu Alternativen bringen

Im Thesenpapier „Zukunft Profi-Fußball“ wollten sie den Passus verankern, dass Kooperationen mit problematischen Branchen nicht gesucht werden sollen. Der flog jedoch raus. Die Fans müssten aktiv werden, die Vereinsmitglieder, sagt Sotirianos. „Wenn es in der Szene einen Konsens gibt, kann man Vereine dazu bringen, über alternative Möglichkeiten nachzudenken, um diese Summen zu generieren.“ Das, meint er, wäre ein Zeichen von Haltung und würde das Profil schärfen.

Bei Dynamo sieht man in Suchterkrankungen jeglicher Art „eine sehr ernstzunehmende Gefahr für unsere Gesellschaft“, betont Wehlend. „Umso wichtiger sind Aufklärung, Warnhinweise und Prävention.“ Als Fußballverein, der viele Menschen bewegt, nehme man das Thema sehr ernst. Was sich offenbar darauf beschränkt, die gültigen Gesetze im Umgang mit der Werbung für Sportwetten einzuhalten. Denn auf die Frage, was Dynamo für die Prävention tut, verweist der für den Verein Verantwortliche eben auf den Sponsor.

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Melchior fordert, Sportwettenanbieter müssten aus den Stadien verschwinden: „Das hat nichts auf den Trikots oder Banden zu suchen.“ Er will helfen, aufzuklären. „Ich empfinde eine Verantwortung, dieses Wissen weiterzugeben, meine Erfahrungen, was es mit mir gemacht hat und was ich Leuten angetan habe.“ Die Rückfallquote liegt bei 50 bis 70 Prozent, dessen sei er sich bewusst. „Ich will nicht dazugehören, das empfinde ich als Bringschuld an mich selbst.“

Melchior. Thomas: Mein Leben ist kein Spiel. Selbstverlag. 16 Euro; bestellbar unter www.duplex-dresden.de (2,50 Euro Versandkosten).

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