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Wie bei Dynamo die Älteren ins Schwitzen kommen

Der Verein greift einen Trend aus England auf und bringt in Dresden Mitglieder über 55 Jahre langsam, aber sicher beim "Walking Football" zusammen.

Im englischen Chesterfield haben sich 2011 zum ersten Mal ein paar ältere Herren getroffen, um ihrem Hobby nachzugehen – und auch Dynamo setzt inzwischen auf den Trend des „Walking Football“.
Im englischen Chesterfield haben sich 2011 zum ersten Mal ein paar ältere Herren getroffen, um ihrem Hobby nachzugehen – und auch Dynamo setzt inzwischen auf den Trend des „Walking Football“. © Dennis Hetzschold

Dresden. Udo Schmuck gibt zu, skeptisch gewesen zu sein. In den Zeiten des Dresdner Kreisels hat er als kompromissloser Verteidiger den Fußball-Feingeistern bei Dynamo den Rücken frei gehalten. Und nun sollte er sich für ein Spiel begeistern, bei dem Körperkontakt verpönt und das Rennen verboten ist? Walking Football, also Fußball im Gehen, nennt sich das, was – wie sollte es anders sein – in England erfunden wurde. Seine Einsicht: „Es ist wie mit allem, was man nicht kennt: Man muss es selbst ausprobieren, um sich ein eigenes Bild machen zu können.“

Schmuck, 68 Jahre, ist schnell begeistert für die verlangsamte Variante des Spiels. Nach einer Hüft-Operation und wegen Problemen mit der Achillessehne kann der frühere DDR-Nationalspieler nicht joggen, fährt stattdessen viel Fahrrad. „Aber vom Fußball kommt man doch nicht los“, sagt der einstige Vorstopper, der zwischen 1969 und 1985 mit den Schwarz-Gelben je viermal Meister und Pokalsieger wurde.

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Seit Sommer 2019 ist Schmuck wieder bei Dynamo aktiv – als mitspielender Trainer beim Walking Football im Projekt „Ü55plus“, ein Angebot des Vereins für Mitglieder ab 55 Jahre. Horst Dolezal, der derzeit Älteste unter den Freizeitkickern, ist gerade 80 geworden. „Ich fühle mich so fit wie schon lange nicht mehr und habe in den vergangenen Monaten zehn Kilo abgenommen“, sagt der ehrgeizige Rentner. Man müsse ihn „manchmal sogar ein bisschen bremsen“, meint Holger Hums, Mitarbeiter in Dynamos Mitgliederabteilung. Der 58-Jährige leitet das Projekt und das Training der 24 Teilnehmer, darunter vier Frauen, jeden Montag auf dem Kunstrasenplatz am Stadion, sofern es die Corona-Auflagen zulassen.

Corona verhindert Turniere in diesem Jahr

Die Pandemie trifft auch die Geh-Fußballer. Eigentlich wollte das Netzwerk, zu dem neun deutsche Vereine, darunter Schalke 04, Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und Werder Bremen gehören, in diesem Jahr bereits Turniere organisieren, eine Art Bundesliga. Dabei soll es weniger um die Ergebnisse als vielmehr um die Begegnungen und das Kennenlernen gehen. „Dahinter steckt die Idee, über das Fansein hinaus zusammenzufinden“, sagt Hums.

Der frühere Dynamo-Spieler Udo Schmuck ist mit gleicher Freude dabei wie die anderen Teilnehmer.
Der frühere Dynamo-Spieler Udo Schmuck ist mit gleicher Freude dabei wie die anderen Teilnehmer. © Dennis Hetzschold

Voriges Jahr haben sie sich in Dortmund getroffen, das Stadion besichtigt, im Fußballmuseum die Auslosung im DFB-Pokal verfolgt und gemeinsam trainiert. Auf Schalke hörten sie zur Führung durch die Arena einen Vortrag über gesunde Ernährung. Dynamo versteht das Projekt als eines von verschiedenen Angeboten für seine Mitglieder, am Vereinsleben aktiv teilzunehmen. Das sei für einen demokratischen Traditionsverein ein wichtiges Thema, erklärt Pressesprecher Henry Buschmann.

„Jahrelang bedeutete die Mitgliedschaft, Karten für die Spiele zu kaufen und einmal im Jahr an der Versammlung teilnehmen zu können. Wir wollen aber, dass die Sportgemeinschaft nicht nur am Wochenende im Stadion spürbar ist, sondern darüber hinaus gelebt wird.“ Zudem werde die Altersgruppe über 55 immer größer, und darum würden die Möglichkeiten für sie, aktiv zu bleiben, immer wichtiger. „Das mag paradox klingen, aber es ist ein Zukunftsprojekt“, sagt Buschmann.

„Hinter dem Angebot steckt das Ansinnen, älteren Menschen wie Horst Dolezal die Möglichkeit zu geben, zurück auf den Fußballplatz zu kommen“, sagt Hums. Der Effekt liegt auf der Hand und ist wissenschaftlich untersetzt: Die Teilnehmer werden sowohl körperlich als auch geistig fitter, auch weil sie durch das Training wieder mehr soziale Kontakte haben.

In Dresden die erste Walking-Football-Liga

2011 haben sich im englischen Chesterfield zum ersten Mal ein paar ältere Herren getroffen, um ihrem Hobby im Wortsinn nachzugehen. Inzwischen hat der Weltverband Fifa Walking Football als eigenständige Sportart anerkannt, die immer mehr im Trend ist. Dynamo hat seine Erfahrungen bereits an andere Vereine aus der Region weitergegeben. „Unser Ziel ist es, in Dresden die erste deutsche Walking-Football-Liga aufzubauen“, sagt Hums, der ab 2007 viele Jahre ehrenamtlich als Übungsleiter im Dynamo-Nachwuchs tätig war.

Trainer Holger Hums zeigt die Übungen zur Erwärmung – ohne die geht auch beim "Walking Football" nichts.
Trainer Holger Hums zeigt die Übungen zur Erwärmung – ohne die geht auch beim "Walking Football" nichts. © Dennis Hetzschold

Dribbling, Passspiel, Ballannahme – an den Trainingsinhalten hat sich nicht viel geändert. Technische Fähigkeiten und taktisches Verständnis sind genauso gefragt wie beim richtigen Fußball. Der größte Unterschied ist das geringere Tempo, aber wer denkt, man komme deshalb dabei nicht ins Schwitzen, wird überrascht sein. „Auch manche unserer Mitglieder hatten Zweifel, aber auf dem Platz waren sie schnell überrascht: Was, nach ein paar Minuten ist ja mein Trikot nass?!“

Zudem ist eine hohe Präzision gefordert, eben weil man nicht nach dem Ball sprinten darf. Ein Fuß muss immer am Boden bleiben. „Dieses schnelle Gehen ist sehr anspruchsvoll. Deshalb üben wir die spezielle Lauftechnik“, sagt Hums. „Wenn man die verinnerlicht hat, ist man schon schnell und kann auch als Team schneller agieren.“ Natürlich geht es darum, Tore zu schießen, möglichst viele. Deshalb darf auch der letzte Mann den Ball nicht in die Hand nehmen wie einst auf dem Bolzplatz.

Torhüter gibt es nicht, sechs Spieler gehen auf dem 42 Meter langen und 21 Meter breiten Kleinfeld, gewechselt wird fliegend. Der Ball darf nicht höher als einen Meter gespielt werden. Für Grätschen gibt es eine Zwei-Minuten-Zeitstrafe, bei Foul oder Handspiel im Strafraum einen Freistoß von der Mittellinie aufs leere, drei mal ein Meter große Tor.

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Und, kein Zweifel, ehrgeizig sind die Spieler allemal. „Die Teams sind schon heiß“, erzählt Hums, „um nicht als Verlierer danach den Platz abräumen zu müssen.“ Diesen zusätzlichen Anreiz bräuchte es allerdings nicht. „Jeder will gewinnen“, berichtet Udo Schmuck, „aber am wichtigsten ist es, dass wir gesund bleiben und uns bewegen.“ Langsamer, aber effektiv.

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