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Dynamo-Fans erzwingen einen Kleiderwechsel

Blaue Shirts und Hosen lösen heftige Proteste aus. Der Verein reagiert, die Spieler dürfen kein Blau mehr tragen. Dabei hätte ein Blick in die Satzung genügt.

Ganz in Blau: Yannick Stark steigt am Donnerstag in der neuen Kollektion aus dem Mannschaftsbus.
Ganz in Blau: Yannick Stark steigt am Donnerstag in der neuen Kollektion aus dem Mannschaftsbus. © Lutz Hentschel

Dresden. Streng genommen ist es ein Verstoß gegen die Satzung. Gleich im ersten Paragrafen geht es in der um die Vereinsfarben. Zur Auswahl stünden schwarz, gelb, rot und weiß. Da gelb aber viele Nuancen haben kann, wird die Vorgabe zur Sicherheit exakt eingegrenzt. So muss es verkehrsgelb mit der RAL-Nummer 1023 sein. Oder reinweiß RAL 9010. Oder tiefschwarz RAL 9005. Auch für „Textilien, Merchandising und weitere Anwendungen sind äquivalente Farbtöne zu verwenden“, heißt es dazu in Dynamos Satzung.

Blau ist nicht äquivalent, doch ganz in Blau stiegen die Spieler am Donnerstag bei der Ankunft im Trainingslager in Heiligenstadt aus dem Mannschaftsbus. Die Shirts, Hosen und Sweater in Dark Denim, wie der Farbton bei Dynamos neuem Ausrüster, dem englischen Sportartikelhersteller Umbro, offiziell heißt, gibt es auch im Fanshop zu kaufen. Das gefällt nicht allen.

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Mit zwei Spruchbändern protestierten Dynamo-Fans beim Testspiel gegen Hertha BSC II vor einer Woche gegen die blaue Mannschaftskleidung.
Mit zwei Spruchbändern protestierten Dynamo-Fans beim Testspiel gegen Hertha BSC II vor einer Woche gegen die blaue Mannschaftskleidung. © SZ/Timotheus Eimert

Deutlich wurde das beim ersten Testspiel der Vorbereitung vor einer Woche. Eigentlich sollten in Dynamos Trainingszentrum keine Zuschauer kommen. Rund 50 versammelten sich trotzdem hinter dem Zaun. Sie hatten zwei Spruchbänder mitgebracht, die von Ordnern aufgehängt wurden: „Der größte Feind für unsere Reihn wird immer blau gekleidet sein“ und „Bis auch der letzte Wessi es peilt: In Dresden werden nur blaue Augen verteilt“. Die Botschaften waren im MDR gut lesbar, der die Partie im Livestream übertrug.

Spätestens nach dem Trainingslager-Auftakt war das Thema unter den Fans in den sozialen Netzwerken sehr präsent – man könnte es auch als Shitstorm bezeichnen. Am Freitag beschloss nun der Zweitligist, „dass diese Kleidung ab sofort nicht mehr zum Einsatz kommen wird. Die Entscheidung, die zur Wahl der Farbe geführt hat, war ein Fehler“, erklärt Geschäftsführer Jürgen Wehlend im Gespräch mit Sächsische.de.

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Doch wer hat die Entscheidung überhaupt getroffen? Wehlend, erst seit dem 1. Januar im Amt, ist offenbar nicht der Hauptschuldige, da über neue Kollektionen mit einem Jahr Vorlauf verhandelt wird. Das ist nicht nur bei Dynamo so. Nach Informationen von Sächsische.de segnen weitere Gremien des Vereins die Entwürfe ab. Für den Verkauf und Vertrieb ist die SG Dynamo Dresden Merchandising GmbH verantwortlich, die auch den Fanshop betreibt. „Wir werden die internen Prozesse und Verantwortlichkeiten kritisch prüfen, damit Fehler im Bereich der Markenkontrolle in Zukunft nicht mehr passieren“, kündigt Wehlend an.

Offenbar versprach man sich von der für Dynamo neuen Farbe und dem dezenten Vereinslogo einen guten Absatz. Der Verkauf soll auch gut laufen. Doch der Geschäftsführer stellt klar: „Modische Aspekte und mögliche Kaufanreize dürfen nicht über dem Gesamtinteresse des Vereins stehen.“ Tim Knipping war überrascht, als er die neue Kleidung das erste Mal sah. "Ich habe da dumm aus der Wäsche geschaut. Wenn Borussia Dortmund in blauen Klamotten auftreten würde, gäbe es sicher ähnliche Probleme", erklärt der Verteidiger. "Von daher kann ich nachvollziehen, dass es dem einen oder anderen nicht so gefällt.“ Im Fanshop und auch online wird die Kleidung weiterhin angeboten. Die bereits produzierte Ware zu spenden oder gar zu vernichten, wäre ein großer finanzieller Verlust.

In der vergangenen Saison hatte noch der schwedische Hersteller Craft Dynamos Kleidung hergestellt. Ausrüsterwechsel, Corona und der Brexit führten nun zu Lieferschwierigkeiten. Die blauen Streitobjekte stammen aus der sogenannten Travel Line, sollten also auf Reisen, etwa zu Auswärtsspielen oder Trainingslagern, getragen werden. Zuletzt kamen sie jedoch mangels Alternativen auch bei offiziellen Anlässen wie der Autogrammstunde in dieser Woche am Haus der Presse zum Einsatz. Die ersten beiden Testspiele musste die Mannschaft in einem Ausweichtrikot bestreiten, das Heim- und Auswärtstrikot ist noch nicht in Dresden eingetroffen.

Auch das Vereinslogo auf der Hose ist blau hinterlegt - für manche Fans ein Unding.
Auch das Vereinslogo auf der Hose ist blau hinterlegt - für manche Fans ein Unding. © Lutz Hentschel

Auch bei der Spielkleidung gab es unmittelbar nach Wehlends Amtsantritt erhöhten Diskussionsbedarf. Eigentlich sollte Umbro ein Trikot in den Farben schwarz-gold produzieren. Gold hätte dabei für die Landeshauptstadt und deren Barockbauten gestanden. Als die aktive Fanszene Wind davon bekam, „gab es kritische Anmerkungen“, erinnert sich Wehlend. „Da konnten wir noch in den Prozess eingreifen, und darüber bin ich auch froh.“ In der neuen Saison läuft die Mannschaft im klassischen Schwarz-Gelb oder, wenn das auswärts nicht geht, in Schwarz-Weiß auf.

Es gab Zeiten, da war das anders. Als nach 1990 zwischenzeitlich das Weinrot, oder genauer Rubinrot RAL 3003, wie es in der Satzung steht, aus dem Vereinswappen verbannt worden war, weil es wohl zu sehr an die ehemaligen Arbeitgeber der Dynamo-Vereine, Volkspolizei und Staatssicherheit, erinnerte, und durch grün ersetzt wurde, waren auch die Trikots grün. Der Farbtausch wurde wieder rückgängig gemacht – im Logo wie bei den Trikots. Der Ausflug ins Blaue dürfte ein einmaliger bleiben. „Ein Verein hat Farben und denen bleibt man treu“, meint Wehlend.

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