merken
PLUS Sport

RB Leipzig und die Diskussion über die Akzeptanz

"Den Verein nimmt hier niemand so richtig an", sagt Dynamo-Aufsichtsrat Dixie Dörner. Ist das nur sein persönlicher Eindruck oder stimmt es? Ein Faktencheck.

Bis zur Corona-Zwangspause waren die Spiele in der Red-Bull-Arena oft ausverkauft. Aber ist das allein ein Hinweis auf die Akzeptanz in der Region?
Bis zur Corona-Zwangspause waren die Spiele in der Red-Bull-Arena oft ausverkauft. Aber ist das allein ein Hinweis auf die Akzeptanz in der Region? © dpa-Zentralbild

Dresden/Leipzig. Jubiläen sind passende Anlässe, um grundsätzliche Fragen zu stellen. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung zum Beispiel die über den Zustand des Profi-Fußballs in den gar nicht mehr so neuen fünf Bundesländern. Hans-Jürgen Dörner hat sie quasi mit einer Unterschrift beantwortet. Bereits im Juni unterzeichnete Dynamos Aufsichtsrat – wie einige andere Ex-Nationalspieler – eine Petition mit dem Titel „Im Osten geht die Sonne unter“.

In einem Satz zusammengefasst wird darin eine systematische Benachteiligung der Klubs zwischen Rügen und Fichtelberg beklagt und als Schlussfolgerung die Aussetzung der Abstiegsregel in Corona-Zeiten gefordert. Neben Dörner unterschrieben zwar 10.780 weitere Personen den Aufruf, doch erfolgreich war er nicht. Dynamo Dresden, Carl Zeiss Jena und der Chemnitzer FC rutschen trotzdem eine Klasse tiefer.

Anzeige
Praxis für Physiotherapie
Praxis für Physiotherapie

Krankengymnastik, Bewegungsbad, physikalische Therapie, Lymphdrainage, Massagen, Outdoor-Training - PPS Medical Fitness ist rundum aufgestellt.

Dörner, mit 100 Länderspielen hinter Joachim Streich die Nummer zwei in der DDR-Rekordliste, hat außerdem mit den Internetportalen Spox und Goal über den Zustand des Ost-Fußballs im Jubiläumsjahr gesprochen. Union Berlin und Erzgebirge Aue, die „jahrelang etwas aufgebaut haben und vor allem Geduld hatten“, sieht er als positive Ausnahmen. Dass der Ex-Libero dabei den erfolgreichsten Verein vergisst, hat seinen Grund: „RB ist kein echter Ostklub“, findet der 69-Jährige.

Viele Ostvereine meldeten Insolvenz an

Das stimmt natürlich. Schließlich wurde Rasenballsport Leipzig e. V., wie der Verein offiziell heißt, erst vor elf Jahren gegründet und damit lange nach dem Mauerfall. Die typische DDR-Biografie der einstigen Fußballklubs oder Betriebssportgemeinschaften fehlt so. Und es gibt noch einen gewaltigen Unterschied: Da hinter RB mit Red Bull ein großer Investor und potenter Kreditgeber steckt, muss der Verein sich keine Sorgen ums Finanzielle machen. Das war bei allen Ostklubs anders. Stadtnachbar Lok Leipzig etwa fing 2004 in der 3. Kreisklasse an, nachdem der Vorgänger VfB das zweite Mal Insolvenz angemeldet hatte und schließlich aus dem Vereinsregister gelöscht wurde. Ähnlich lief es bei Chemie Leipzig. Allerdings wurde die BSG bereits wiedergegründet, als der zweimal von der Insolvenz betroffene FC Sachsen noch am Spielbetrieb teilnahm. Dynamo bekam 2008 die Lizenz nur, weil die Stadt ein Darlehen über 1,25 Millionen Euro gewährte. Und der Chemnitzer FC steckt gerade in einem Insolvenzverfahren.

Dörner hat aber noch einen dritten Unterschied ausgemacht. „Den Verein nimmt hier niemand so richtig an, außer natürlich den Leipzigern“, findet er. Es ist ein hartes Urteil. Aber hat er damit auch recht?Um die Frage zu beantworten, muss man zunächst klären, wie man die Akzeptanz und die Sympathie für einen Klub misst. Macht man es an den Aufklebern und Auto-Wimpeln fest? An den Fahnen in den Kleingärten? Oder aber an der Zahl der Mitglieder, Stadionbesucher und Fanklubs?

Leipzig hat nur 19 stimmberechtigte Mitglieder

Gemessen an den Mitgliedern liegt Dörner absolut richtig. 19 Stimmberechtigte hat RB. Dazu kommen 604 Fördermitglieder. Im Vergleich zu den mehr als 23.000 bei Dynamo ist das ein Witz. Allerdings legt Leipzig keinen Wert auf basisdemokratische Mitbestimmung. Um den Einfluss von Großinvestor Red Bull, der 99 Prozent an der Rasenballsport GmbH hält, zu sichern, gleichen Mitgliederversammlungen eher Kaffeekränzchen im engen Familienkreis. Wer dazustoßen möchte, wird abgewiesen.

Aussagekräftiger ist deshalb der Zuspruch der Fans. Bis zur Corona-Zwangspause lag der Zuschauerschnitt im ehemaligen Zentralstadion bei 40.206, die Auslastung bei 95 Prozent. Beide Werte sind Bundesliga-Mittelfeld. Zu Dynamo kamen im Schnitt 27.261, was eine Auslastung von 84 Prozent bedeutet. Damit gehörten die Schwarz-Gelben zur Spitzengruppe der 2. Bundesliga. Was auffällt: Der Zuspruch wächst seit neun Jahren – mit einer Unterbrechung – von Saison zu Saison. 2001 waren gegen Wacker Nordhausen 920 Zuschauer im Rudolf-Harbig-Stadion. Lässt sich das auch auf Leipzig übertragen? Fakt ist: Ein so junger Verein wie RB muss Fans erst gewinnen. Das dauert und ist trotz der sportlichen Erfolge kein Selbstläufer. Nach dem Umbau der Red-Bull-Arena, der derzeit läuft, steigt die Kapazität auf 48.000. Spannend wird sein, ob die Auslastung dann immer noch bei 95 Prozent liegt.

Fanklubs hat Dynamo derzeit 137. RB unterscheidet da in offizielle und die restlichen. Wer anerkannt werden will, muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen und bekommt im Gegenzug Vergünstigungen, etwa beim Ticketkauf. Derzeit gibt es 62 offizielle, die sich geografisch neben Leipzig auf den Nordwesten von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen konzentrieren.

RB-Fanclub im Dynamo-Kernland

Bei den restlichen Fanklubs ist die statistische Auswertung schwierig. Aber auch im Dynamo-Kernland, also Ostsachsen, gibt es welche, etwa seit 2016 den „Bulls-Fanclub Oberlausitz“ in Zittau. „Insgesamt haben wir etwa 20.000 organisierte Anhänger“, erklärt RB-Pressesprecher Christian Geidus. Die Aussagen von Dörner möchte der Bundesligist nicht kommentieren.

Er verweist aber gern auf Ergebnisse von Meinungsforschungsinstituten. Bei allen liegt RB, befragt nach der Sympathie, hinter dem FC Bayern und Dortmund auf Platz drei – mit großem Abstand zwar. Bemerkenswert erscheint es trotzdem.

Fanforscher Harald Lange überrascht das weniger. „Die Gruppe derer, die ins Stadion gehen, sich unterhalten lassen, nach einem Sieg kurz freuen und dann das Fansein sofort wieder abstreifen, wird immer größer“, erklärt der Professor für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg in einem SZ-Gespräch. „Und deshalb schneidet RB in solchen Umfragen nicht schlecht ab. Das liegt natürlich auch daran, dass sie einen attraktiven und erfolgreichen Fußball spielen. Was da auf der sportlichen Ebene innerhalb kürzester Zeit geschafft und erreicht wurde, kann man bewundern. Und das tun viele – bundesweit.“

Weiterführende Artikel

RB Leipzig kooperiert mit indischem Klub

RB Leipzig kooperiert mit indischem Klub

Perlensuche im Hippie-Mekka: Der Klub arbeitet künftig im Nachwuchs mit dem FC Goa zusammen. Die sportlichen Aspekte sind dabei eher zu vernachlässigen.

Bundesliga: Ostvereine gewinnen deutlich

Bundesliga: Ostvereine gewinnen deutlich

RB Leipzig und auch Union Berlin feiern klare Heimsiege. Das Kellerduell zwischen Mainz und Schalke endet nach strittigen Situationen unentschieden.

Leipzigs Schwede glänzt in neuer Rolle

Leipzigs Schwede glänzt in neuer Rolle

Emil Forsberg hat großen Anteil am Sieg gegen das Starensemble von Paris Saint-Germain. Sogar dessen Trainer lobt RB danach.

Leipzig verliert auch die Tabellenführung

Leipzig verliert auch die Tabellenführung

RB bleibt im Top-Spiel harmlos und unterliegt Gladbach mit 0:1, die Bayern ziehen im Sparmodus vorbei und auch Dortmund gewinnt.

Hat Dörner also recht? Die Aussage, dass RB hier niemand so richtig annimmt, ist, so pauschal formuliert, falsch. Der Klub hat seine Anhänger – vor allem aber hat er andere. Ein Fan der Schwarz-Gelben wird auch künftig kaum auf die Idee kommen, die Farben zu wechseln. Für die Akzeptanz der Rasenballer ist das nicht nötig.

Mehr zum Thema Sport