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Die beste Klippenspringerin bangt um ihre Karriere

Iris Schmidbauer möchte von ihrem Sport leben, wird aber nicht gefördert. In Dresden kann sie sich auch nicht auf die Weltmeisterschaften vorbereiten.

Spektakulär sind die Sprünge von Iris Schmidbauer, wie hier in Polignano a Mare in Italien, wo die Red-Bull-Serie Station machte. Die Frauen springen in einer Höhe von 21 Meter ab, die Männer aus 27 Metern.
Spektakulär sind die Sprünge von Iris Schmidbauer, wie hier in Polignano a Mare in Italien, wo die Red-Bull-Serie Station machte. Die Frauen springen in einer Höhe von 21 Meter ab, die Männer aus 27 Metern. © Redbullmediahouse.com

Die Saison ist seit gut einer Woche vorbei und Iris Schmidbauer immer noch hin- und hergerissen. Zum einen ist da die Freude, dass sie nach fast zwei Jahren ohne Wettkämpfe, ohne Zuschauer, ohne Kribbeln überhaupt wieder das tun konnte, was sie so liebt: Aus 21 Metern Höhe ins Wasser zu stürzen.

Zum anderen sind da die Ergebnisse bei der Cliff-Diving-Serie von Red Bull, die nach der Corona-Pause Mitte Juni wieder gestartet war. Rang acht im Endklassement ist nicht das, was sie sich erhofft hatte. „Ich bin nicht wirklich zufrieden“, sagt Schmidbauer. „Während der langen Pause konnte ich kaum trainieren, und das habe ich nun gemerkt.“ Kurz nachdem sie zu einem Trip nach Neuseeland aufgebrochen war, breitete sich das Virus weltweit aus und verhinderte die geplante Rückkehr. Dann verliebte sie sich – nicht nur in das Land. Aus einigen Wochen wurden fast zwei Jahre.

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Um sich zumindest ein bisschen auf die Wettkämpfe vorbereiten zu können, trainierte Deutschlands beste Klippenspringerin im Frühjahr mit dem italienischen Wassersprung-Nationalteam in Bozen und einige Tage in einem Freizeitpark im Ötztal, wo ein 21 Meter hoher Sprungturm steht. „Die ersten Sprünge aus dieser Höhe nach so langer Zeit haben ganz schön Überwindung gekostet“, sagt sie. Als gezielte Wettkampfvorbereitung reichte es nicht.

Vor allem reichte es nicht, um sich fürs nächste Jahr erneut einen der – auch aus finanzieller Sicht – begehrten festen Startplätze in der vom Brausehersteller gesponserten Serie zu ergattern. Die bekommen nur die besten vier der Gesamtwertung, die restlichen vier werden anhand der Weltrangliste vergeben. Und da hat Schmidbauer Mitte Dezember beim Weltcup in Abu Dhabi eine Chance, sich nach vorn zu schieben.

In der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate kann sich die 26-Jährige zudem für die Schwimm-WM, die im Mai im japanischen Fukuoka ausgetragen wird, qualifizieren. Diesmal will sie besser vorbereitet sein und sucht deshalb gerade nach Trainingsmöglichkeiten. Angefragt hat sie auch in Dresden, wohin sie im Januar 2019 gezogen war, um am hiesigen Bundesstützpunkt mit erfolgreichen Athleten wie Tina Punzel und Martin Wolfram springen zu können, selbst wenn die aus drei Metern und nicht aus 21 Metern abheben.

Am Rande der Wettkämpfe gibt Iris Schmidbauer Interviews, erzählt, wie es sich anfühlt, drei Sekunden durch die Luft zu wirbeln.
Am Rande der Wettkämpfe gibt Iris Schmidbauer Interviews, erzählt, wie es sich anfühlt, drei Sekunden durch die Luft zu wirbeln. © Redbullmediahouse.com

Diesmal klappt es jedoch nicht, weil die Sprunghalle in den zwei Herbstferien-Wochen wegen Wartungsarbeiten schließt und die Olympiakader bei Lehrgängen unterwegs sind. Deshalb zieht sie wohl nach Berlin – zunächst für zwei Monate bis zum Weltcup, wie es danach weitergeht, ist ungewiss. Langfristige Planungen sind nicht so ihre Sache, meist kommt es ohnehin anders als gedacht.

Spontanität ist nicht nur im Sport ihr Markenzeichen. Vor einem Jahr hatte sie in Neuseeland Chris kennengelernt. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt sie. Nachdem sie einen „klassischen Antrag“ bekam, heiratete das Paar am 3. September in Kopenhagen. „In Deutschland wäre das wegen der Papiere zu schwierig gewesen“. Eigentlich wollten die frisch Vermählten nach dem letzten Wettkampf der Red-Bull-Serie zurück nach Neuseeland fliegen, doch das verhinderten die strengen Corona-Auflagen. Wer einreist, muss für 14 Tage in eines der 34 Quarantäne-Hotels – egal, ob er geimpft ist oder nicht. Ein Zimmer kostet umgerechnet 3.000 Euro. Vor allem aber gibt es nur 4.000 Plätze. „Wir hatten uns beworben, hatten aber kein Glück“, erzählt Schmidbauer.

Also bleibt das Paar erst einmal in Europa, wohnt derzeit bei ihren Eltern in Bayern und zieht demnächst vielleicht nach Berlin weiter. Chris hat eine Aufenthaltsgenehmigung beantragt, sucht als gelernter Elektriker nach einem Job – und seine Frau nach der besten Möglichkeit, sich auf die nächsten Wettkämpfe vorzubereiten. „Ich will das Springen nicht aufgeben, es ist weiter ein Traum für mich“, sagt Schmidbauer. „Aber es ist schon frustrierend, wenn man sieht, welche Unterstützung andere Athleten bekommen. Und ich kriege nichts, muss um alles kämpfen.“

Zum Beispiel um ein Sporttauglichkeitsattest, das braucht sie für den Weltcup in Abu Dhabi, der vom internationalen Schwimmverband Fina veranstaltet wird. Ein Mannschaftsarzt des deutschen Schwimmverbandes (DSV) darf den nicht ausstellen. „Weil ich keine Kaderathletin bin. Und das bin ich nicht, weil Klippenspringen noch nicht olympisch ist“, erklärt sie. Man kann ihren Frust heraushören.

Start bei der Schwimm-WM, aber keine Kaderathletin

Sie muss sich kümmern und die Untersuchung selbst bezahlen. „Ich bin privat krankenversichert, habe eine hohe Selbstbeteiligung“, sagt sie. Beim Saisonfinale hatte sie sich das Knie verdreht, müsste das eigentlich mal checken lassen, doch zu einem der Sportärzte, mit denen die Olympia- und Bundesstützpunkte kooperieren, darf sie nicht gehen.

Der DSV bekommt anhand des Abschneidens bei Olympia Fördergelder vom Bund zugewiesen, Trainerstellen bezahlt. Das klassische Wasserspringen von drei oder zehn Metern ist olympisch, High Diving, wie die Sportart offiziell heißt, eben nicht. Das erklärt die Ungleichbehandlung.

Gerecht muss man das trotzdem nicht finden, schließlich vertritt Schmidbauer Deutschland auch bei der Schwimm-WM, ist da genauso Teil des Teams wie Olympiasieger Florian Wellbrock. Klippenspringen gehört seit 2013 zum WM-Programm, 2019 wurde sie in Gwangju (Südkorea) Achte. Nun will sie sich nun für die Titelkämpfe in Fukuoka qualifizieren und den DSV auch im August in Rom vertreten, wo High Diving seine EM-Premiere feiern wird.

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„Ich muss schauen, ob ich es danach als Hobby weitermache, oder ob ich es mir leisten kann, als Profi-Sportlerin davon zu leben“, sagt sie. Viel hängt vom Abschneiden beim Weltcup im Dezember ab – und davon, ob sie sich gezielt und optimal darauf vorbereiten kann.

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