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Die Mielke-Suite und andere Geheimnisse der Bobbahn

Der Altenberger Eiskanal ist der anspruchsvollste der Welt und das Mekka des Bobsports. Beim umstrittenen Bau verfolgte Stasi-Chef Mielke andere Ziele.

Gilt heute als das Mekka des Bobsports: der schnelle wie anspruchsvolle Eiskanal in Altenberg.
Gilt heute als das Mekka des Bobsports: der schnelle wie anspruchsvolle Eiskanal in Altenberg. © kairospress

Altenberg. Mein Haus, mein Auto, mein Ministerium. Beim Überbietungswettkampf in Sachen Statussymbole zweier älterer Herren hätte Erich Mielke, Chef der Staatssicherheit in der DDR, Ende der 1970er-Jahre locker mithalten können. Als Heinz Keßler, der stellvertretende Minister für nationale Verteidigung, allerdings die Bobbahn in Oberhof ins Spiel brachte, musste Mielke passen – für einen Moment. „Dann baue ich mir eben eine“, soll er Kollege Keßler geantwortet haben.

So geht die Entstehungsgeschichte des Eiskanals in Altenberg, die ebenso legendär ist wie die Rennschlitten- und Bobbahn, so der offizielle Name damals, selbst. Offenbar war mit Mielke also auch in solch bierseligen Runden nicht zu spaßen. Er meinte es ernst, koste es, was es wolle. In diesem Fall: rund 350 Millionen DDR-Mark.

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Wolfgang Landt erzählt die Anekdote mit einer gewissen Routine, und er kennt inzwischen auch die ganze Geschichte. Dabei gewesen ist er nicht, das waren die allerwenigsten. „Ich war anfangs sogar ein Gegner der Bahn“, sagt der Altenberger. Das wiederum waren damals die allermeisten im Ort. Denn das Prestigeprojekt wurde nicht nur an ihnen vorbei im schattigen wie abgelegenen Kohlgrund nahe Hirschsprung gebaut, sondern vor allem in absoluter Geheimhaltung. Mielke wollte es so.

Noch wichtiger war ihm, den Kollegen Keßler und die Spitzensportler, die im Armeesportklub „Vorwärts“ organisiert waren, unbedingt übertrumpfen zu können. Dazu gehörten im Bobsport beispielsweise die Oberhofer Legenden Meinhard Nehmer und Wolfgang Hoppe sowie die Rodlerinnen um Margit Schumann. Bei der Sportvereinigung Dynamo, die der Staatssicherheit und Polizei angegliedert war und im Wintersport die zentrale Anlaufstelle in Zinnwald hatte, lag der Fokus allerdings zunächst allein auf Biathlon.

Drei mal fünf Meter groß, ausgestattet mit Schrankwand und Leder-Sitzmöbeln – das war das sogenannte Mielke-Zimmer. Wo der Stasi-Chef einst auf die Anzeigetafel blickte, steht Ex-Bahnchef Wolfgang Landt.
Drei mal fünf Meter groß, ausgestattet mit Schrankwand und Leder-Sitzmöbeln – das war das sogenannte Mielke-Zimmer. Wo der Stasi-Chef einst auf die Anzeigetafel blickte, steht Ex-Bahnchef Wolfgang Landt. © kairospress

Nun jedoch forcierte Mielke neben der Bahn, es sollte die anspruchsvollste der Welt werden, auch den Aufbau der Rodel- und Bobsparte. Wolfgang Landt reagierte darauf, wie er sagt, sehr angefressen. „Die hatten alles, wir nichts“, meint der damalige Ausbildungsleiter beim VEB Zinnerz und ehrenamtliche Chef der Betriebssportgemeinschaft Stahl Altenberg mit 500 Mitgliedern. Durch Tuscheleien hatte er von dem geheimnisumwitterten Bau erfahren, nicht aber von der Fehlkonstruktion. Dabei sollten sich DDR-Athleten hier auf Olympia 1984 vorbereiten können. Die sportliche Überlegenheit gegenüber anderen Nationen zu sichern, war schließlich ein weiteres Anliegen an diese Bahn, das noch deutlich über der Privatfehde von Mielke und Keßler stand.

Doch der erste Anlauf scheiterte, die Bahn, so stellte es Weltklasse-Pilot Hoppe nach geheimen Probeläufen fest, war unbefahrbar. „Das hat man natürlich nicht in der Presse erfahren, sondern nur über den Buschfunk“, erzählt Landt. Ganze Kurvenpassagen mussten aufgrund von Berechnungsfehlern gesprengt und ab 1984 neu gebaut werden. Mielke machte die Bahn jetzt endgültig zur Chefsache. Und der Stasi-Chef war dann auch bei der offiziellen Eröffnung im November 1987 mit den Rennen um den Aero-Cup da – allerdings auch das geheim in einem eigens für ihn vorgerichteten Zimmer im ersten Obergeschoss des Zielhauses unmittelbar an der Bahn: mit Holztäfelung, Schrankwand, dazu ein gemütlicher Ledersessel, großes Sofa und Küchennische. „Das war sein Reich. Von der Bahn hat er nicht so viel gesehen. Aber das wollte er auch gar nicht. Hauptsache, er hatte die Anzeigetafel im Blick“, erklärt Landt und stellt fest: „Hier war er für sich, das war seine Welt, ganz ohne Publikum.“ Im Volksjargon war von der Mielke-Suite die Rede, die der Stasi-Chef so oft gar nicht mehr benutzen konnte.

Drei Gebäudeteile umfasst das Zielhaus, die ersten zwei werden noch genutzt. Im dritten befand sich das Mielke-Zimmer.
Drei Gebäudeteile umfasst das Zielhaus, die ersten zwei werden noch genutzt. Im dritten befand sich das Mielke-Zimmer. © kairospress

Mit der politischen Wende im November 1989 änderte sich alles, auch das komplexe DDR-Sportsystem brach von einem Tag auf den anderen zusammen. „Es ging darum, dass die Bahn erhalten wird. Das war eine harte Nuss“, betont Landt. Vor Ort fusionierten seine BSG Stahl Altenberg und der SV Dynamo Zinnwald, der Eiskanal war damit aber nicht gerettet.

Es gab noch die Bob-WM 1991, danach aber zähe Verhandlungen beim Bundesinnenministerium in Bonn. Irgendjemand, so erzählt es Bürgermeister Thomas Kirsten, habe die Bahn ja nun mal nehmen müssen und als Bund und Land ablehnten, sei nur noch die Stadt übrig geblieben. Und Landt bekam nach öffentlicher Ausschreibung die Stelle als Bahnchef. Ausgerechnet er, der anfängliche Bahngegner.

Nun wurde er von Kumpels und Kollegen für sein Engagement kritisiert. Was er denn dort draußen wolle, haben sie ihn im Ort gefragt und misstrauisch festgestellt: „Jetzt gehst du also auch dahin.“

Bei den Eröffnungsrennen 1987 waren zwar 20.000 an der Bahn, die Neugier hatte sie angelockt, akzeptiert haben die Einheimischen den 1.413 Meter langen Betonkoloss lange Zeit nicht. „Die Verbindung ist langsam gewachsen. Heute ist die Bahn ein Grund, um stolz zu sein. Jedes Jahr gehen von hier aus Bilder um die Welt wie zuletzt bei der Bob- und Skeleton-WM. Bessere Werbung für die Region kann man nicht kriegen“, sagt Landt und spricht von einem Aushängeschild für den Ort.

Die Lichter sind aus, jedenfalls auf der Anzeigetafel im unteren Teil des Eiskanals, wo lange auch die Siegerehrung stattfand.
Die Lichter sind aus, jedenfalls auf der Anzeigetafel im unteren Teil des Eiskanals, wo lange auch die Siegerehrung stattfand. © kairospress

Begeistert sind auch die Athleten, trotz oder gerade weil die Bahn so anspruchsvoll ist – und nirgendwo in der Welt so viele Zuschauer zu den Wettkämpfen kommen wie im Kohlgrund. Die Wiege des Bobsports, so geht die moderne Erzählung der Sportart, steht in St. Moritz, das Mekka aber ist Altenberg. Eine heilige Stätte also. Und dazu hätte die Bahn fast sogar noch einen adligen Hausherren bekommen.

Fürst Albert von Monaco, immer schon begeisterter Sportler und als Bobpilot bei fünf Olympischen Spielen dabei, startete in den 1990er-Jahren auch bei Weltcups in Altenberg. Bei einer Führung über das Gelände erzählte ihm Landt von der Entstehung, dem Mythos und auch den finanziellen Unwägbarkeiten. „Er war begeistert und auch sehr interessiert“, sagt der damalige Bahnchef. Die Frage, ob Albert die Anlage nicht kaufen wolle, hat der Monarch dann allerdings überhört. Vielleicht ja, weil es ihm an Statussymbolen noch nie mangelte.

Noch eine Anekdote hält sich bis heute, nämlich die von der Lichtschranke im Ziel. Von seinem Zimmer, das tatsächlich in unmittelbarer Nähe zur Zeitnahme lag, habe Mielke die Lichtschranke je nach Rennverlauf so verschieben können, dass am Ende seine Dynamo-Sportler ganz vorne waren. Dabei aber, da sind sich in Altenberg nun alle einig, handelt es sich wirklich nur um ein Gerücht.

Und die Mielke-Suite? Wurde zu Beginn der 1990er-Jahre mit neuen Stühlen ausgestattet und als VIP-Raum genutzt, auch die Bahnbetreiber und das DRK hatten auf der Etage ihr Domizil. 2010 wurde das Zielhaus geschlossen, wegen Asbest komplett entkernt – und wartet jetzt auf Investoren.

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