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Wie die Eltern von Tina Punzel in Dresden mitfiebern

Die erste deutsche Medaille in Tokio ist eine made in Dresden: Hier wurde nachts trainiert, hierhin zog Punzels Partnerin und hier feierten Mama und Papa vorm TV.

Rainer Punzel ist äußerlich gefasst, seine Frau Jacqueline jubelt schon über die Bronzemedaille der Tochter.
Rainer Punzel ist äußerlich gefasst, seine Frau Jacqueline jubelt schon über die Bronzemedaille der Tochter. © SZ/Daniel Klein

Dresden/Tokio. Als um kurz vor neun Uhr am Sonntagmorgen die rund 20 geladenen Gäste im Vereinszimmer des Dresdner SC jubeln, klatschen, sich umarmen und Tränen wegwischen, bleibt Rainer Punzel ganz ruhig, zeigt fast keine Regung. Kurz fasst er sich an die Nase. Erst dann umarmt er seine Frau Jacqueline, die ihre Arme gleich hochreißt, als das Ergebnis auf dem großen Flachbildschirm eingeblendet wird, womit feststeht, dass ihre Tochter Tina im 9.000 Kilometer entfernten Tokio Bronze gewonnen hat.

Es ist eine ganz besondere Medaille – nicht nur für die stolzen Eltern. Es ist die erste Olympiamedaille für Tina Punzel und die erste für die deutsche Mannschaft bei diesen Spielen. „Ein Traum ist wahr geworden“, sagt die 25-Jährige ins ARD-Mikrofon. „Die ganze Arbeit hat sich bezahlt gemacht.“ Verstehen kann man das in Dresden nicht mehr, dafür ist der Trubel viel zu groß. Sektkorken knallen, die Eltern geben ein Interview nach dem anderen, sollen erzählen, wie sie den bisher wichtigsten Wettkampf ihrer Tochter erlebt haben.

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„Eine Stunde davor war ich noch ganz ruhig, vor dem letzten Sprung aber schon aufgeregt“, erklärt Jacqueline Punzel, die früher selbst Wasserspringerin war. Ihr Mann Rainer wurde in dieser Sportart 1991 sogar Europapokalsieger, jetzt ist er Lehrer am Sportgymnasium und Trainer am Bundesstützpunkt in Dresden. Ein Fachmann also. Da verwundert es kaum, dass der 54-Jährige mit seiner Prognose komplett richtig liegt. „Wir müssen den letzten Sprung der Italienerinnen abwarten. Erst dann wird feststehen, ob es für die beiden für eine Medaille gereicht hat“, erklärt er nach dem dritten von fünf Durchgängen.

Das Duo aus Italien liegt im Synchron-Wettbewerb vom Dreimeterbrett knapp hinter den drittplatzierten Tina Punzel/Lena Hentschel. Wenn die Italienerinnen den letzten Sprung der gesamten Konkurrenz sauber ins Becken bringen, wird es eng. Richtig eng. Spannender geht es kaum. Doch beim Eintauchen spritzt viel Wasser auf – ein sicheres Zeichen, dass es nicht so viele Punkte geben wird.

Synchron und sehr elegant tauchen Lena Hentschel (links) und Tina Punzel ins Olympiabecken von Tokio ein.
Synchron und sehr elegant tauchen Lena Hentschel (links) und Tina Punzel ins Olympiabecken von Tokio ein. © dpa/Michael Kappeler

„Wir wussten da schon, dass wir auf dem dritten Platz sein müssten. Als es dann auch auf der Anzeigetafel stand, war es einfach supercool und gar nicht in Worte zu fassen“, sagt Tina Punzel. Auch sie hatte eine exakte Prognose für die Entscheidung abgegeben. „Die Chinesinnen sind natürlich favorisiert, die Kanadierinnen sehr stabil“, erklärte sie vor dem Abflug in einem SZ-Gespräch. „Und wenn wir unsere Leistung abrufen, ist auch was möglich.“ Am Sonntag holt China dann Gold vor Kanada und Deutschland.

Diese Bronzemedaille war von langer Hand geplant. Vor anderthalb Jahren zog Lena Hentschel von Berlin nach Dresden, wechselte aufs hiesige Sportgymnasium, um öfter mit Tina Punzel trainieren zu können. „Dass es sich jetzt so auszahlt, ist einfach unglaublich schön“, findet die 20-jährige Hentschel. Eine faustdicke Überraschung ist es allerdings nicht. Das Synchron-Paar hatte Mitte Mai Gold bei der EM gewonnen und zwei Wochen zuvor beim Weltcup in Tokio mit Platz vier das Olympia-Ticket gesichert. Damals kamen die Italienerinnen noch auf Rang drei.

Vor der Qualifikation wie auch vor den Spielen hatte die Nationalmannschaft jeweils ein einwöchiges Trainingslager in Dresden absolviert, bei der die sieben Stunden Zeitunterschied zur Olympiastadt simuliert wurden. Gesprungen wurde vier Uhr morgens. „Dieser Auftakt nach Maß zeigt, dass wir gut vorbereitet sind“, erklärt Bundestrainer Lutz Buschkow. „Die beiden sind sehr stabil gesprungen und haben die Italienerinnen so unter Druck gesetzt.“

Strahlen um die Wette: Tina Punzel (r.) und Lena Hentschel präsentieren nach der Siegerehrung ihre Bronzemedaillen.
Strahlen um die Wette: Tina Punzel (r.) und Lena Hentschel präsentieren nach der Siegerehrung ihre Bronzemedaillen. © dpa/Michael Kappeler

Nicht nur er hofft nun auf weitere Medaillen seiner Wasserspringer. Tina Punzel geht noch zweimal an den Start, das nächste Mal am Dienstag mit der Berlinerin Christina Wassen im Synchron-Wettbewerb vom Zehnmeterturm. „Da ist die Konstellation ähnlich wie vom Brett“, orakelt Vater Punzel, womit er erneut eine spannende Entscheidung verspricht. Beim Weltcup waren die beiden auf den dritten Platz gesprungen, bei der EM wurden sie dann Vierte.

Dabei hätte der Sportlehrer die mitfiebernden Freunde, Trainer und Sportfunktionäre im Vereinszimmer noch mehr verblüffen können. Er verlässt sich nicht nur auf die Live-Übertragung der ARD, sondern schaut auch immer wieder auf sein Handy, wo ständig die Zwischenstände aus Tokio aktualisiert werden. „Das Fernsehen hinkte um zwei Durchgänge hinterher, ich hätte es also viel eher wissen können“, erzählt er. „Aber vor dem letzten Sprung der Italienerinnen habe ich das Handy ausgemacht.“ So bleibt die Spannung erhalten – bis zum erlösenden Schluss.

Die letzte Dresdner Wassersprungmedaille bei Olympia hatten 2000 in Sydney Jan Hempel und Heiko Meyer im Turm-Synchron mit Bronze gewonnen, die letzte sächsische Heike Fischer 2008 an der Seite von Ditte Kotzian – ebenfalls Bronze, ebenfalls im Brett-Synchron.

Für Tina Punzel ist es der Höhepunkt einer Karriere, die 2011 mit ihrem ersten großen internationalen Wettkampf beginnt. Bei der Schwimm-WM in Schanghai ist sie gerade mal 15, scheidet schon im Vorkampf aus. Das erste Mal für Aufsehen sorgt sie zwei Jahre später, als sie – mit 17 – bei der EM in Rostock völlig überraschend Einzel-Gold vom Dreimeterbrett gewinnt und dabei die haushoch favorisierte Italienerin Tania Cagnotto schlägt.

Seit anderthalb Jahren trainiert das Paar gemeinsam in Dresden. Dafür ist Lena Hentschel extra umgezogen.
Seit anderthalb Jahren trainiert das Paar gemeinsam in Dresden. Dafür ist Lena Hentschel extra umgezogen. © dpa/Michael Kappeler

Längst ist die Sportsoldatin, die nebenbei Wirtschaftswissenschaften an der TU studiert, zum Gesicht dieser Sportart in Deutschland geworden. Wie es nach Olympia weitergeht, lässt sie offen. „Ich werde dann in mich reinhören. Vorstellen kann ich mir beides“, sagt sie. „Ich bin jetzt zehn Jahre dabei, habe so viele Ziele erreicht. Da stellt man sich schon die Frage: Welche bleiben da noch?“

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Darüber nachdenken will sie im Urlaub auf Mallorca. Beim Buchen der Reise hat sie einen alten Gutschein eingelöst. Den hatte sie vor fünf Jahren nach ihrer ersten Olympia-Teilnahme vom Dresdner Oberbürgermeister Dirk Hilbert geschenkt bekommen. In Rio de Janeiro war sie im Brett-Synchron Siebente geworden. Vermutlich hatte das ihr Vater damals auch schon genau so prognostiziert.

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