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Wie ein sächsisch-thüringisches Duo zum Olympiasieg tanzt

Die Langläuferinnen haben die nächste Sensation geschafft: Das sächsische-thüringische Duo Katharina Hennig und Victoria Carl gewinnt den Teamsprint.

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Ist das wahr? Victoria Carl (l.) stürmt zum Olympiasieg.
Ist das wahr? Victoria Carl (l.) stürmt zum Olympiasieg. © dpa/Daniel Karmann

Von Christoph Leuchtenberg und Erik Roos

Peking. Im völligen Freudentaumel sprangen Victoria Carl und Katharina Henning Hand in Hand auf das Siegerpodest, der in Tränen aufgelöste Bundestrainer Peter Schlickenrieder jubelte am schönsten Geburtstag seines Lebens den Golden Girls fassungslos zu: Nach einer der größten deutschen Sensationen bei Winterspielen brachen bei den Skilangläuferinnen alle Dämme.

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„Ich zittere am ganzen Körper, das ist alles einfach unglaublich“ rief Carl, die mit einem Bilderbuchspurt den märchenhaften Teamsprint-Triumph von Peking perfekt gemacht hatte.

Um exakt 17.37 Uhr Ortszeit war die 26-Jährige als Schlussläuferin im Sachsen-Thüringen-Express vor den beiden scheinbar übermächtigen Kontrahentinnen Jonna Sundling aus Schweden und Natalja Nerprjajewa vom russischen Team über die Ziellinie und ins pure Glück gestürmt. Dem ersten Olympiasieg seit zwölf Jahren für die zwischenzeitlich fast zur Lachnummer gewordene deutsche Langlaufsparte folgte Ekstase in Schwarz-Rot-Gold.

Erschöpft, aber glücklich liegt sich das Duo im Schnee in den Armen.
Erschöpft, aber glücklich liegt sich das Duo im Schnee in den Armen. © dpa/Daniel Karmann

„Wir sind doch hier im falschen Film! Ich bin so stolz“, sagte Carls kongeniale Kollegin Hennig aus Oberwiesenthal: „Dass wir hier nach dem Staffelsilber noch einen draufsetzen können, ist Wahnsinn. Wir beide sind gerade selber emotional noch völlig überfordert, was uns da heute gelungen ist.“ Schlickenrieder war nach dem gigantischen Geschenk an seinem 52. Geburtstag kaum noch einzufangen. „Ich könnte die ganze Zeit heulen, so intensiv ist das. Hier geschieht etwas Einmaliges.“ Selbst im drei Kilometer entfernten Biathlon-Stadion lag sich die deutsche Frauen-Bronzestaffel mitten im Interview jubelnd vor dem TV in den Armen.

„Das war ein Geburtstagsgeschenk der Extraklasse, was die Mädels sich da überlegt haben. Heute Abend wird definitiv richtig getanzt“, sagte Schlickenrieder: „Das haben wir hier schon jeden Abend gemacht. Um zehn vor zehn haben wir im Hotel immer die Türen aufgemacht und gemeinsam ein bisschen getanzt. So etwas braucht man, wenn man ohnehin angespannt ist.“

Eine Lehre aus der unter Druck so verkorksten Heim-WM 2021 in Oberstdorf als Tiefpunkt der jahrelangen Talfahrt. Salsa, Techno, Hardrock – alles habe Damen-Trainer Erik Schneider als DJ in seinen Playlists gehabt, berichtete Schlickenrieder und lachte. Carl sagte: „Das Tanzen, das befreit einfach. Wir waren lockerer als jemals zuvor. Ich glaube, das ist ein kleiner Schlüssel, der uns dabei geholfen hat.“

"Riesenrespekt" für Teamkollegin Sauerbrey

Völlig losgelöst war das einstige Top-Talent Carl, dem immer ein kleines bisschen zum großen Durchbruch fehlte, auf dem finalen Teil dieser brutalen 6 x 1,5 Kilometer zum Olympiasieg getanzt – allerdings mit mächtig Power: „Ich habe den Kopf ausgeschaltet und nur noch gedacht: Schieb, schieb, schieb, schieb. Erst im Ziel habe ich wahrgenommen, dass ich vorne war“, sagte sie.

Acht bittere Jahre lang waren die deutschen Langläufer bei Großereignissen ohne Medaillen geblieben, seit Evi Sachenbacher-Stehles und Claudia Nystads Vancouver-Triumph 2010 ebenfalls im Teamsprint ohne Olympiasieg, hatten am Rande der Drittklassigkeit agiert. „Ich bin superstolz und freue mich wahnsinnig, unerwartet ist immer am schönsten“, meint Nystad. Die Oberwiesenthalerin gehörte einst zur „Goldenen Generation“ im Langlauf, spätestens jetzt hat sie in Hennig eine würdige Nachfolgerin in Sachsen.

Für Hennig und Carl war es schon das zweite Edelmetall bei den Spielen. Am Samstag hatten sie gemeinsam mit Katherine Sauerbrey und Sofie Krehl Silber mit der Staffel gewonnen. Für den Team-Sprint war eigentlich Sauerbrey vorgesehen gewesen. Die 24-Jährige fühlte sich aber nicht hundertprozentig fit und trat deshalb nicht an. „Ich muss der Katherine einen Riesenrespekt zollen“, sagte ihre Vertreterin Carl. „Wenn man das Gefühl hat, man ist nicht in Topform und verzichtet dann darauf: Das ist absoluter Wahnsinn. Das zeigt so viel Größe.“ Hennig nickte zustimmend.

Deutsche Langläuferinnen ganz oben auf dem Podest. Das klingt wie im Film.
Deutsche Langläuferinnen ganz oben auf dem Podest. Das klingt wie im Film. © dpa/Daniel Karmann

Sauerbreys Ersatzfrau erwies sich als Glücksfall. Bei Sonnenschein und Temperaturen im zweistelligen Minusbereich konnten die beiden Deutschen im Finale von Beginn an das Tempo der Spitzenduos mitgehen. Beim letzten Wechsel führte Hennig knapp vor Finnland und den USA.

„Ich habe vorher noch zur Katha gesagt: Auf der Zielgeraden zerstöre ich sie“, erzählte Carl. „Ich wusste, dass ich schieben kann, dass das meine Stärke ist. Gesagt, getan.“ Auch Schlickenrieder konnte vor allem ihre Vorstellung kaum fassen. „Wenn wir ins Finale kommen, ist das schon super“, habe er nach der Umstellung vorher gesagt. „Und dann macht die Vicky etwas, was sie noch nie gemacht hat.“

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Carl präsentiert sich bei den Winterspielen in der Form ihres Lebens und trug entscheidend zu den unerwarteten Medaillenerfolgen bei. 2018 in Pyeongchang waren die Langläufer ohne Medaille geblieben, 2014 in Sotschi hatte es Bronze für die Staffel mit Nicole Fessel, Stefanie Böhler, Nystad und Denise Herrmann gegeben. Die beiden jüngstem Erfolge wirken noch immer ein bisschen unwirklich. (dpa/sid/SZ)

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