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Die Frau, die jetzt auf Pechsteins Freund trifft

Die Dresdnerin Anna Seidel ist die neue Athletensprecherin im Eisschnelllauf- und Shorttrack-Verband. Ihr Vorgänger kam mit dem Präsidenten nicht klar.

Die doppelte Anna Seidel. Jetzt sind nicht nur ihre sportlichen Leistungen gefragt, sondern vermehrt auch ihre Meinung zu kritischen Themen.
Die doppelte Anna Seidel. Jetzt sind nicht nur ihre sportlichen Leistungen gefragt, sondern vermehrt auch ihre Meinung zu kritischen Themen. © Archiv: Matthias Rietschel

Dresden. Sie ist zweifellos das Gesicht ihrer Sportart in Deutschland. Shorttrack definiert sich hierzulande vor allem über Anna Seidel, die mit Abstand erfolgreichste Athletin. Nun dürfte zunehmend auch die Meinung der 22-Jährigen in den Vordergrund rücken. Die dreifache EM-Bronzemedaillengewinnerin vom EV Dresden ist seit einigen Tagen neue Athletensprecherin im deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrackverband (DESG), neben dem Ex-Eisschnellläufer Moritz Geisreiter.

Der Posten wäre normal nur eine Randnotiz wert, allerdings sorgten zuletzt innerhalb des Verbandes die Athletensprecher für Schlagzeilen – als Gegenpol zum neuen nicht unumstrittenen Verbandspräsidenten Matthias Große. Der Lebensgefährte von Claudia Pechstein war bereits vor seinem Amtsantritt auf viel Skepsis gestoßen, die der Unternehmer aus Berlin bislang nicht beheben konnte. So sehen das zumindest Geisreiter und Seidels Vorgänger, der Dresdner Leon Kaufmann-Ludwig.

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Letzterer hatte im September 2020 den Job als Assistenz-Bundestrainer Shorttrack angetreten. Weil er trotz mehrfacher Nachfragen weder Arbeitsvertrag noch Aufwandsvergütung erhielt, trat Kaufmann-Ludwig im November wieder zurück. Daraufhin erklärte Große, der 24-Jährige verbreite Unwahrheiten. Auf seinen Social-Media-Kanälen schildert Kaufmann-Ludwig nun wiederum detailliert die Geschehnisse aus seiner Sicht.

24-Jährige ist voller Zuversicht

Der kriselnde Verband, dessen Athleten zudem als einzige Wintersportler in dieser Saison noch keinen internationalen Wettkampf bestreiten konnten, kommt offenbar nicht zur Ruhe. Seidel aber ist zuversichtlich, die neue Aufgabe traut sie sich ohne Weiteres zu.

„Ich bin nun so viele Jahre schon als Athletin dabei. Gerne bringe ich meine Erfahrung auch in einer offiziellen Funktion mit ein. Wenn mein Rat benötigt wird, stehe ich gerne zur Verfügung“, sagt Seidel auf SZ-Anfrage. Kaufmann-Ludwig ernannte sie de facto zur Nachfolgerin. Bei einer Umfrage erklärten alle Sportler ihr Einverständnis.

Ob Seidel auch öffentlich ähnlich kritisch argumentiert? „Es geht mir nicht darum, ein kritischer Geist zu sein oder nicht. Als Athletensprecher vertreten wir die Meinung und Interessen der Athleten, nicht mehr, aber auch nicht weniger“, erklärt sie energisch. Natürlich habe sie sich mit Kaufmann-Ludwig immer wieder ausgetauscht. „Aber das ist ja normal, wenn man sich so häufig sieht, wie wir das in unserer kleinen Shorttrack-Welt tun.“

Sprecher-Kollege Geisreiter bekräftigte jüngst in einem Podcast mit dem Deutschlandfunk, dass es „eine bedenklich große Anzahl“ an Sportlern gäbe, die sich Sorgen machen, ihre Meinung frei zu äußern „und Missstände im Verband anzusprechen“.

Der Fokus liegt erst mal auf der EM

Diese Entwicklung treibt auch Seidel um. „Über diese Thematik müssen wir auf jeden Fall noch sprechen, aber aktuell gilt mein Fokus verständlicherweise der EM“, sagt sie mit Blick auf den ersten Wettkampf des Jahres vom 22. bis 24. Januar im polnischen Gdansk. Doch Seidel betont: „Generell leben wir ja aber in einer freien Demokratie. Da darf jeder seine Meinung sagen, und das mache ich auch.“

In ihrer neuen Position versteht sie sich jedoch vordergründig als Interessenvertreterin. „Das kann auch organisatorische Themen betreffen. Generell versuche ich, eine Schnittstelle zwischen Verband und Athleten zu bilden, um vor allem ein zielführendes Miteinander zu erreichen. Wir alle wollen sportlichen Erfolg, deshalb freue ich mich auf den Austausch mit dem Verband“, sagt sie.

Die gebürtige Dresdnerin, die mit Brausehersteller Red Bull einen potenten Privatsponsor an ihrer Seite weiß, freut sich nun erst einmal auf die erste sportliche Herausforderung seit Monaten. Anders als andere Wintersportarten war Shorttrack von der Bildfläche verschwunden, selbst die Weltcups in Bietigheim und Dresden mussten ausfallen. „Die Absagen kann ich absolut nachvollziehen und wir respektieren das auch total, auch wenn es natürlich schade ist“, betont Seidel.

Das Gute: Für alle wird es eine Wundertüte

Beispielsweise Biathleten und Skispringer bestreiten indes weiter ihre Wettkämpfe. „Das sind Outdoor-Events. Da lässt sich ein Konzept einfacher umsetzen als bei Eisschnelllauf oder Shorttrack in einer Halle“, sagt Seidel. Wie die Spitzenläuferin in Form ist, kann sie mangels Vergleichsmöglichkeiten selbst nicht abschätzen. „Kein Training, kein Testwettkampf kann hierüber Aufschluss geben. Die EM wird für alle Sportler eine Wundertüte. Das Gute ist, dass es allen so gehen wird“, sagt sie.

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Danach sind noch zwei Weltcup-Wettbewerbe offen, die Weltmeisterschaft im März in den Niederlanden gilt als gesichert. „Hoffen wir mal, dass das so bleibt“, sagt Seidel und kann den Saisonstart kaum erwarten. „Ich bin voller Vorfreude, endlich das zu tun, wofür ich sehr viel investiere und was meine Leidenschaft ist – Shorttrack und vor allem das Leistungsmessen mit Gegnern“, unterstreicht die 1,66 Meter große Kufenflitzerin.

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