merken
PLUS Sport

Was läuft da eigentlich in der Chemnitzer Turnaffäre?

Der Verband fordert die Entlassung einer Trainerin, aber das Konstrukt der Verantwortlichkeiten ist kompliziert. Ein Bericht über die Hintergründe.

DTB-Präsident Alfons Hölzl (l.) fordert, die Trainerin Gabriele Frehse in Chemnitz zu entlassen, aber das kann nur Thomas Weise (r.), der Leiter des Olympiastützpunktes.
DTB-Präsident Alfons Hölzl (l.) fordert, die Trainerin Gabriele Frehse in Chemnitz zu entlassen, aber das kann nur Thomas Weise (r.), der Leiter des Olympiastützpunktes. © dpa/Jensen; Toni Söll; Andreas Seidel

Chemnitz. Es ist die Ruhe nach dem Sturm, wobei es hinter den Kulissen weiter turbulent zugeht. Doch nach außen ist nicht viel passiert, seit der Deutsche Turnerbund (DTB) am 21. Januar den Extrakt eines Gutachtens der Anwaltskanzlei Rettenmaier aus Frankfurt am Main im Chemnitzer Turn-Skandal vorgestellt und seine Schlussfolgerungen daraus gezogen hat. Der Trainer Gerrit Beltmann ist inzwischen zurückgetreten, eher ein Nebeneffekt.

Der Niederländer war wegen bekannter Vergehen, die er zu seiner Zeit als Nationaltrainer in seinem Heimatland bis 2010 begangen und für die er sich entschuldigt hatte, mit hineingezogen worden in die vermeintliche Affäre um Gabriele Frehse. Die Trainerin arbeitete seit 1990 erfolgreich am Stützpunkt in Chemnitz. Im Dezember wurde sie von 14 ehemaligen Schützlingen um die Ex-Weltmeisterin Pauline Schäfer im Magazin Der Spiegel beschuldigt, sie psychisch unter Druck gesetzt und erniedrigt zu haben.

Anzeige
premolab testet die Eislöwen
premolab testet die Eislöwen

Mit premolab haben die Dresdner Eislöwen einen zuverlässigen Partner für Corona-PCR-Tests für sich gewinnen können.

Die Kanzlei hat 32 Interviews mit Sportlerinnen, Trainern, Funktionären und Eltern geführt, die im Durchschnitt dreieinhalb Stunden dauerten. Davon wurden 800 Seiten Protokoll erstellt. Das Ergebnis der Untersuchung: In 17 Fällen liegen „hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte für die Anwendung psychischer Gewalt“ durch die Trainerin vor. Zudem habe sie den Turnerinnen „in mehreren Fällen“ Schmerzmittel gegeben, einmal das Opioid Tilidin.

Die Konsequenz erscheint angesichts dieses Berichts folgerichtig: Der DTB fordert, Frehse, die seit der ersten Veröffentlichung suspendiert ist, zu entlassen – und Beltmann ebenfalls. Das Problem: Der Verband hat beide Trainer nie angestellt, obwohl sie am Stützpunkt in Chemnitz hoffnungsvolle Talente betreuten. Vor einer Woche hat der DTB seine 16 Kandidaten für Olympia 2021 und darüber hinaus bekannt gegeben, sechs der Turnerinnen trainieren beim TuS Chemnitz-Altendorf sowie Pauline Schäfer bei den Männern des KTV Chemnitz – seit sich Frehse nach der enttäuschenden EM 2018 von der Balken-Weltmeisterin von 2015 getrennt hatte.

Erste Vorwürfe nach der Trennung 2018

Damals kamen zum ersten Mal Vorwürfe auf, und Schäfer betont jetzt, sie seien nicht ernst genommen worden. Allerdings wurde Frehse wegen der Tilidin-Abgabe abgemahnt und vom DTB für ein Jahr für Auswahleinsätze gesperrt. Dafür könnte die 60-Jährige nicht erneut bestraft werden.

Pauline Schäfer (r.) hat mit ihren Aussagen im Magazin Der Spiegel mögliche Verfehlungen ihrer ehemaligen Trainerin Gabriele Frehse öffentlich gemacht. Dabei geht es auch um ihre Schwester Helene Schäfer, die nach ihr ebenfalls aus dem Saarland an den Stü
Pauline Schäfer (r.) hat mit ihren Aussagen im Magazin Der Spiegel mögliche Verfehlungen ihrer ehemaligen Trainerin Gabriele Frehse öffentlich gemacht. Dabei geht es auch um ihre Schwester Helene Schäfer, die nach ihr ebenfalls aus dem Saarland an den Stü © Matthias Rietschel

Angestellt ist sie beim Olympiastützpunkt Sachsen, der Frehse bisher nicht entlassen hat. Leiter Thomas Weise bittet auf Nachfrage schriftlich um Verständnis, dass er keinen Termin für die Entscheidung nennen kann. „Wir prüfen weiterhin die umfangreichen Erkenntnisse“, teilt er mit.

Das Konstrukt der Verantwortlichkeit ist kompliziert: Der Turnerbund hat zwar die fachliche Aufsicht, der Olympiastützpunkt ist arbeitsrechtlich zuständig. Weise braucht also juristische Klarheit, bevor er Frehse kündigen könnte. Allerdings liegt ihm der vollständige Untersuchungsbericht bisher genauso wenig vor wie Frank Munzer, Präsident des im Verdacht stehenden Vereins TuS Chemnitz-Altendorf. Auch der Anwalt von Frehse hat ihn nach Informationen der SZ trotz Aufforderung mit Fristsetzung bislang nicht erhalten.

Er liege im engen Führungsgremium des DTB denjenigen vor, „die mit Beschlussfassungen und der Aufarbeitung des Sachverhalts befasst sind“, heißt es vom Verband. Er beruft sich auf den Schutz der Persönlichkeitsrechte der Betroffenen und die zugesagte Anonymität der Befragten. Vereinspräsident Munzer fragt sich dennoch: „Was haben sie zu verbergen, wenn sie den nicht rausrücken? Stattdessen wird gegenüber den aktiven Turnerinnen und deren Eltern ausführlich daraus zitiert.“

Am vorigen Sonntag hatte der DTB erneut eine Videoschalte einberufen. Weder Weise noch Munzer waren eingeladen, „da es sich um ein Gespräch des DTB mit den Kaderathletinnen und Erziehungsberechtigten des Bundesstützpunktes Chemnitz handelte“, wie der Verband mitteilt.

Chemnitzer Aussagen unglaubwürdig?

Der Erklärungsbedarf ist groß. Die Eltern der 25 aktiven Turnerinnen hatten in einem offenen Brief ihr „großes Unverständnis“ geäußert, dass sie und ihre Töchter nicht oder bestenfalls unzureichend in die Untersuchung einbezogen worden sind. Vielmehr seien Aussagen Chemnitzer Gesprächspartner „von vornherein als unglaubwürdig klassifiziert worden“, heißt es im Schreiben, das auch die Eltern von Sophie Scheder unterzeichnet haben.

Sophie Scheder gewann in Rio de Janeiro 2016 die Olympia-Bronze am Stufenbarren. Die 24-Jährige gehört auch jetzt zu den Kandidatinnen für die Spiele in Tokio. Sie kann die Vorwürfe gegen ihre Trainerin nicht bestätigen.
Sophie Scheder gewann in Rio de Janeiro 2016 die Olympia-Bronze am Stufenbarren. Die 24-Jährige gehört auch jetzt zu den Kandidatinnen für die Spiele in Tokio. Sie kann die Vorwürfe gegen ihre Trainerin nicht bestätigen. ©  dpa

Scheder hat 2016 Olympia-Bronze gewonnen und betont, sie stelle nichts von dem in Abrede, was die anderen Turnerinnen berichten. Man müsse gegen jeden Missbrauch vorgehen, doch die 24-Jährige ergänzt: „Ich glaube, es gibt zwei Seiten, die man hören muss.“ Sie sei seit fast 13 Jahren in Chemnitz und könne „so was nicht bestätigen“. Ähnlich hatte sich die Dresdnerin Anna-Sophie Kalauch über ihre Zeit in Chemnitz geäußert. Sie schilderte außerdem, dass sich die Turnerinnen damals selbst Schmerztabletten besorgt und gebunkert hätten, Frehse davon aber nichts wusste. „Es heute so darzustellen, als hätte sie uns die Medikamente gegeben, damit wir trotz Schmerzen trainieren könnten, empfinde ich als Lüge“, sagte Kalauch im Gespräch mit der SZ.

Mit der Videoschalte wollte nun der DTB nach eigener Aussage seine Haltung noch mal erläutern sowie „Fragen zum Sachbericht, zur Untersuchungsmethodik und der Definition von psychischer Gewalt im Leistungssport“ durch die Rechtsanwaltskanzlei und die einbezogene Psychologin klären lassen. Die Persönlichkeitsrechte sämtlicher Betroffener seien „vollumfänglich gewahrt“ worden.

Sportausschuss des Bundestages befasst sich mit dem Fall

Wobei klar ist, wer am Pranger steht: die Trainerin Gabriele Frehse. „Sie hat nicht mal die Chance, etwas dazu zu sagen, weil ihr der Bericht nicht vorliegt. Das ist etwas, was ich nicht verstehe“, meint Munzer. Frehse hatte die Vorwürfe unter anderem in einem SZ-Interview größtenteils zurückgewiesen und sich für den Fall entschuldigt, dass sich Turnerinnen durch sie schlecht behandelt gefühlt haben. Es gelte darauf hinzuweisen, „dass … die Unschuldsvermutung uneingeschränkt gilt“, erklärt die Kanzlei zum Abschluss der am 21. Januar veröffentlichten Zusammenfassung ihrer Prüfung.

Weiterführende Artikel

Der Fall Frehse und die Folgen, nicht nur im Turnen

Der Fall Frehse und die Folgen, nicht nur im Turnen

Im Bundestag-Sportausschuss geht es um Fehler im System statt um einzelne Personen. Danach wird dennoch erneut die Entlassung der Trainerin gefordert.

Staatsanwalt ermittelt gegen Turn-Trainerin

Staatsanwalt ermittelt gegen Turn-Trainerin

Weil sie Athleten misshandelt haben soll, ermittelt nun auch die Justiz in Chemnitz gegen Gabriele Frehse. Die Trainerin ist derzeit freigestellt.

Sportausschuss will Trainerin Frehse nicht anhören

Sportausschuss will Trainerin Frehse nicht anhören

Die Chemnitzer Turnaffäre ist am Mittwoch im Bundestag ein Thema, die Beschuldigte aber nicht eingeladen. Sie äußert sich schriftlich - auch zu möglichen Fehltritten.

Chemnitzer Turnaffäre: Verband gerät unter Druck

Chemnitzer Turnaffäre: Verband gerät unter Druck

Jetzt taucht ein brisantes Protokoll auf: Wurde die Trainerin Gabriele Frehse bereits 2019 bestraft, aber vom Vorwurf der psychischen Gewalt freigesprochen?

Am 24. Februar steht der „Fall Chemnitz“ nun auf der Tagesordnung des Sportausschusses im Bundestag, bevor es am 5. Mai eine öffentliche Anhörung zum Thema „Physische, psychische oder sexualisierte Gewalt gegen Sportlerinnen und Sportler“ geben soll.

Mehr zum Thema Sport