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Chemnitzer Trainerin wehrt sich gegen Vorwürfe

Gabriele Frehse wird von Turnerinnen um die Ex-Weltmeisterin Pauline Schäfer schwer beschuldigt Jetzt äußert sich die 60-Jährige im exklusiven Interview dazu.

Gabriele Frehse war als Schwimmerin im Leistungssport, wollte aber lieber turnen. Bereits während ihrer Lehre begann sie als Übungsleiterin am Trainingszentrum in Chemnitz-Altendorf. Jetzt wird sie von ehemaligen Athletinnen beschuldigt.
Gabriele Frehse war als Schwimmerin im Leistungssport, wollte aber lieber turnen. Bereits während ihrer Lehre begann sie als Übungsleiterin am Trainingszentrum in Chemnitz-Altendorf. Jetzt wird sie von ehemaligen Athletinnen beschuldigt. © Toni Söll

Chemnitz. Sie waren gemeinsam stark: die Turnerin Pauline Schäfer und ihre Trainerin Gabriele Frehse. Von 2012 bis 2018 arbeiteten sie am Olympiastützpunkt in Chemnitz an höchsten Schwierigkeiten, Schäfer kreierte in der Zeit sogar ein eigenes Element, den Schäfer-Salto, das international anerkannt ist. 2017 wurde sie bei den Titelkämpfen in Montreal Weltmeisterin am Balken – als erste deutsche Turnerin, seit Maxi Gnauck für die DDR 1981 gleich dreimal Gold gewonnen hatte.

Danach ging die Zusammenarbeit jedoch in die Brüche, jetzt kämpfen sie gegeneinander. Im Magazin Der Spiegel hat die 23 Jahre alte Schäfer schwere Vorwürfe gegen ihre ehemalige Trainerin erhoben. Es geht unter anderem um psychische Gewalt. Im exklusiven anwaltlich abgestimmten Interview mit der SZ äußert sich die 60-jährige Frehse erstmals ausführlich dazu.

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Frau Frehse, wie geht es Ihnen?

Mir geht es gut, weil ich mich gut aufgehoben fühle in meinem Umfeld, erhalte viel Zuspruch von meinen Turnerinnen, in meinem Verein.

Andererseits sind Sie als Trainerin vorläufig suspendiert. Wie sehen Sie das?

Ich finde die Entscheidung richtig, um die Kinder und meine Trainerkollegen zu schützen.

Sie haben über Ihren Anwalt ausrichten lassen, dass es sich bei den im Magazin Der Spiegel zitierten Aussagen der Turnerinnen um Pauline Schäfer um viele Unwahrheiten und haltlose Vorwürfe handelt. Was meinen Sie konkret?

Das sind viele Punkte. Die Aussage von Lisa-Katharina Hill, sie habe manchmal gedacht, es sei einfacher, wenn sie nicht weiterleben würde, schockiert mich. Ich verstehe es nicht, weil sie mich bei der WM 2014 in China – ihrem erfolgreichsten Wettkampf – gefragt hat, ob ich sie in den Finals im Mehrkampf und am Stufenbarren betreue, obwohl Cheftrainerin Ulla Koch und Claudia Schunk, die Heimtrainerin von Elisabeth Seitz, auch vor Ort waren. Ihre Mutter, eine Trainerkollegin, hat 2018 bei mir angefragt, ob sie eine Turnerin aus Hannover zu uns schicken könnten. Wie passt das zu der jetzigen Darstellung?

Pauline Schäfer kam mit 15 Jahren nach Chemnitz. Sie haben selbst in einem früheren Interview gesagt, dass sie anfangs Schwierigkeiten hatte, zu akzeptieren, dass Sie als Trainerin vorgeben, was richtig ist. War das Verhältnis von Anfang an angespannt?

Sie war ein sehr zurückhaltendes, ruhiges Mädchen. Sie hatte sich im großen Streit von ihrem vorherigen Trainer getrennt, hatte aufgehört, war kurzzeitig im Stabhochsprung aktiv. Das ehrenamtliche Trainerteam in Saarbrücken hat sie wieder in die Turnhalle zurückgeholt. Sie hatte eine Rückwärtsblockade (Elemente, bei denen die Turnerin rückwärts abspringt/d. Red.), und ich wusste deshalb anfangs nicht, ob das funktionieren kann. Zudem ist das Training an einem Bundesstützpunkt natürlich ein anderes.

Ein Bild aus erfolgreichen gemeinsamen Tagen: die Turnerinnen Sophie Scheder (l.) mit ihrer bei Olympia 2016 gewonnenen Bronzemedaille und Pauline Schäfer (r.) mit ihrer Trainerin Gabriele Frehse.
Ein Bild aus erfolgreichen gemeinsamen Tagen: die Turnerinnen Sophie Scheder (l.) mit ihrer bei Olympia 2016 gewonnenen Bronzemedaille und Pauline Schäfer (r.) mit ihrer Trainerin Gabriele Frehse. © Foto: Toni Söll

Nicht nur im Umfang, sondern auch im Ton, wie sie Ihnen vorwirft?
Mich hat eine ehemalige Turnerin zum Abschied mal so beschrieben: G – großherzig, A - authentisch, B – beharrend, I – impulsiv, F – fordernd, R – ruppig, E – erfolgreich, H – hartnäckig, S – sensibel, E – ehrlich. Ja, so bin ich. Wenn man den Schritt zum Leistungssport geht, erwartet einen ein hartes Training. Ich habe immer gesagt, ich bewundere alle Mädchen, die diese Belastung jeden Tag auf sich nehmen: Schule, drei bis sechs Stunden Training, oft schon mit zehn Jahren von zu Hause weg. Für sie habe ich die größte Hochachtung. Aber dass man sich im Leistungssport eben quälen, auch mal schinden muss, ab und zu ein härteres Wort fällt, ist im Spitzensport so. Ich hatte aber zu keinem Zeitpunkt die Absicht, Turnerinnen durch meinen Ton zu verletzen.

Sind Pauline Schäfer oder die anderen auf Sie zugekommen und haben das, was Sie Ihnen heute vorwerfen, angesprochen oder zumindest angedeutet?
Pauline hat etwas in diese Richtung zum ersten Mal 2018 in der Vorbereitung auf die EM angesprochen. Bis dahin war es für mich ein ganz normales Miteinander. Sie war anders zu führen als Sophie Scheder (Olympia-Bronze am Stufenbarren 2016/d. Red) oder Lisa Zimmermann (aktuell in der Auswahl-Riege/d. Red) …

Inwiefern? Es wird auch der Vorwurf erhoben, wer nicht aufmuckt, kommt mit Ihnen klar, wer Widerworte gibt, ist untendurch …
Nein, Auseinandersetzungen gibt es mit jeder Turnerin, das gehört dazu, erst recht in der pubertären Phase. Ich meine es so, dass andere einfacher davon zu überzeugen sind, dass es der richtige Weg ist. Nach ihrem WM-Titel 2017 hat Pauline in einem Interview gesagt, ich zitiere: „Wenn mich meine Trainerin nicht täglich so durch die Halle scheuchen würde, wäre ich nie Weltmeisterin geworden. Ich brauche diesen Antrieb.“

Jetzt sagt sie aber, eine Turnerin halte viel aus, aber täglich erniedrigt zu werden, hinterlasse irgendwann Spuren. Vor allem sollen Sie auf das Gewicht abgezielt haben. Die Sportlerinnen, heißt es in dem Bericht, seien bei dem Thema aber alleingelassen worden. Ist das nicht unprofessionell?

Wir haben immer mit Ernährungsberatern gearbeitet. Wir haben zeitweise abends extra einen Caterer engagiert, der ihnen das Essen zubereitet, was sie sich ausgesucht haben. Ich war mit ihnen bei Mrs. Sporty, ein Projekt für gesunde und ausgewogene Ernährung, das auch von Steffi Graf unterstützt wird. Wir haben mit Eiweiß-Shakes gearbeitet. Ja, das Gewicht ist im Turnen ein wichtiges Thema. Die Mädels verändern sich in der Pubertät, nehmen zu, das ist ganz normal. Aber wir müssen darauf achten, weil es gefährlich werden kann, wenn sie am Barren zu viel Gewicht haben, das Flugelement deswegen schiefgeht und sie sich dadurch gar verletzen. Deshalb habe ich mich immer gekümmert. Und die Mutter von Pauline Schäfer hat im Juni 2018 sogar ihr Konzept für eine getreidefreie Ernährung in Chemnitz bei einem Elternabend vorgestellt.

Das sind Freudentränen: Pauline Schäfer freut sich am 8. Oktober 2017 über ihre Goldmedaille. Die Turnerin gewinnt überraschend bei der Weltmeisterschaft in Montreal am Schwebebalken.
Das sind Freudentränen: Pauline Schäfer freut sich am 8. Oktober 2017 über ihre Goldmedaille. Die Turnerin gewinnt überraschend bei der Weltmeisterschaft in Montreal am Schwebebalken. ©  Foto: dpa

Sie sollen den Mädchen ohne ärztliche Verordnung Medikamente verabreicht haben, damit sie über Schmerzen hinaus trainieren und Wettkämpfe bestreiten. Können Sie das widerlegen?

Darauf gebe ich Ihnen eine klare Antwort: Ich habe nie einer Turnerin ohne Absprache mit einem Arzt und/oder den Eltern ein Medikament gegeben.

Warum hat Sie der Deutsche Turnerbund dann aber aus diesem Grund für Lehrgänge der Nationalmannschaft 2018 suspendiert?

Der Vorwurf kam damals von Pauline. Ich hatte mich nach der EM 2018 in Glasgow von ihr getrennt. Es war für mich als Trainerin ein schlimmer Wettkampf (Schäfer kam ein Jahr nach ihrem WM-Titel auf Platz sechs am Balken/d. Red.). Deshalb habe ich am Flughafen zu ihr gesagt: Pauline, ich glaube, hier müssen sich unsere Wege trennen. Du möchtest eine Medaille bei Olympia, aber ich habe eine völlig andere Vorstellung, wie man das macht. Bitte suche dir einen anderen Trainer, um deine Träume zu verwirklichen.

Die Medikamente …
Ja, in den Gesprächen äußerte sie dann, ich hätte ihrer Schwester Helene Tilidin gegeben. Man muss wissen: Helene wollte trotz großer Schmerzen unbedingt die anstehenden Wettkämpfe turnen. Ich habe einen Arzt um Rat gefragt, ob man in einem solchen Fall Tilidin anwenden kann. Er hat freigegeben, dass sie das einmal vor dem Wettkampf nehmen kann. Das hat der Arzt schon 2018 schriftlich bestätigt.

Trotzdem sind Sie wegen dieses Vorkommnisses abgemahnt und von der Auswahl abgezogen worden. Wieso haben Sie das akzeptiert, wenn Sie sich nichts vorzuwerfen haben?

Ich wollte einen Skandal vor der Heim-WM in Stuttgart 2019 verhindern. Auch, weil man gegen die Abmahnung bis drei Jahre danach vorgehen kann.

Tilidin steht auf der Dopingliste …

Nein, auf keinen Fall. Es ist ein starkes Schmerzmittel, kein Opioid.

Es wird behauptet, die Eltern hätten nicht gewusst, dass ihre Kinder Medikamente bekommen. Wie läuft denn die Absprache?

Ich habe die Eltern immer informiert. Inzwischen weiß ich aber von einer ehemaligen Turnerin, dass einige wohl ihren eigenen Vorrat an Schmerzmitteln hatten.

Gab es darauf keine Hinweise?

Wir hatten 2017 die Situation, dass es unser Doktor bei einer Turnerin mitbekommen hatte. Daraufhin haben wir mit allen geredet und eindeutig klargestellt: Wenn ihr Schmerzen habt, kommt zum Arzt, er sagt euch, was ihr nehmen dürft.

Am 11. Oktober 2017 tragen sich Weltmeisterin Pauline Schäfer (r.) und Trainerin Gabriele Frehse vom TuS Chemnitz-Altendorf in das Goldene Buch der Stadt Chemnitz ein.
Am 11. Oktober 2017 tragen sich Weltmeisterin Pauline Schäfer (r.) und Trainerin Gabriele Frehse vom TuS Chemnitz-Altendorf in das Goldene Buch der Stadt Chemnitz ein. © haertelpress

Die Ärzte kommen im Spiegel-Bericht nicht gut weg, wenn Verletzungen nicht erkannt oder verschwiegen werden. Wie funktioniert die Zusammenarbeit?

Wir haben den Arzt am Olympiastützpunkt und einen, der am Klinikum arbeitet. Er kommt sogar manchmal spät abends in die Halle, um die Mädchen zu behandeln. Die Zusammenarbeit ist sehr gut, sie opfern sich für die Turnerinnen auf.

Wie sind denn die vermeintlichen Fehldiagnosen zu erklären?

Ich kann Ihnen dazu im Moment nur sagen, dass es Unwahrheiten sind.

Lisa Hill war angeblich eine Diagnose über Bandscheibenvorfälle verschwiegen worden – und Sie hätten ihr gesagt, sie sei nur zu faul zu trainieren.

So etwas habe ich nie zu einer Turnerin gesagt, dagegen verwahre ich mich. Wie gesagt, dass mal härtere Worte gefallen sind, streite ich nicht ab. Aber Lisa hat in dem Jahr 2009 so gut wie keinen Wettkampf bestritten. Wenn sie nicht wusste, dass an ihrem Rücken etwas war, frage ich mich, warum sie dann ein Jahr verletzt war? Anders, als von ihr dargestellt, habe ich ihr den Befund mit nach Hause gegeben.

Sie haben die harten Worte angesprochen. Welche verwenden Sie denn?

Man feuert sie an, man motiviert sie. Komm, gib dir doch mal Mühe! Mach noch eine Übung! Du schaffst das noch mal! Das sind für mich keine bösen Worte, es ist normal im Leistungssport. Die Mädchen haben nach Wettkämpfen oft gesagt: Wenn du nicht dabei bist, ist es nicht wie sonst. Und jeder hat die freie Entscheidung, zu gehen, wenn ihm das zu viel wird.

Es sollen sich Mädchen geritzt, also selbst verletzt haben. Was haben Sie davon mitbekommen?

Was denken Sie, was ich gemacht habe? Die Eltern informiert und sofort mit ihnen zur Psychologin gegangen.

Es wird so dargestellt, als hätten Sie die Mädchen zur Kinderpsychologin abgeschoben, für Sie sei es damit erledigt gewesen?

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Ich arbeite nach wie vor mit der Psychologin zusammen und sie sagt, es gab niemals einen Grund, ihre ärztliche Schweigepflicht zu brechen. Das müsste sie aber, wenn ihr die Kinder erzählt hätten, dass ich so grausam bin. Wenn eine Psychologin mitbekommt, dass ich Schindluder betreibe und die Kinder sich deshalb ritzen, glauben Sie nicht, dass sie das sofort melden würde?

Das Gespräch führte Sven Geisler.

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