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Kein Ballermann in Oberhof

Wo sonst Tausende Fans feiern, sind die Biathleten diesmal unter sich. Der Geister-Weltcup spaltet und hinterlässt ein dickes Minus.

Wo sich sonst Tausende Fans drängen und Lärm machen, bleibt diesmal alles leer. Die Biathleten bestreiten in Oberhof vor verschneiten Traversen ihre Rennen.
Wo sich sonst Tausende Fans drängen und Lärm machen, bleibt diesmal alles leer. Die Biathleten bestreiten in Oberhof vor verschneiten Traversen ihre Rennen. © dpa/Martin Schutt

Die Tannen entlang des Rennsteigs können die gewaltigen Lasten kaum tragen. Die ganze Landschaft ist von einer dicken Pulverschneeschicht eingehüllt, der Anblick fast schon kitschig. Wer Werbebilder braucht, sollte sie jetzt machen. Winterlicher und schöner geht es kaum. Die Postkarten-Idylle in und um Oberhof kommt gerade zur rechten Zeit, für zwei Wochen sind die besten Biathleten hier.

Oberhof und Biathlon ist eine ganz besondere Mischung. Das liegt weniger am Sport, sondern vielmehr an den Zuschauern, die hier Fans genannt werden. Das klingt nach Fußball, und auch die Stimmung bei den Weltcup-Rennen erinnert stark daran. Fahnen, Gesänge, Bier und Bratwurst – alles wie in der Bundesliga. Nur, dass es in Oberhof nach dem letzten Zieleinlauf weitergeht mit der Party. Dann ziehen die Fans in die Zelte und Kneipen. Wenn zur Stimmungsmusik geschunkelt wird, Biergläser aufeinanderprallen und trotz Sprachbarrieren Kurzzeit-Freundschaften geschlossen werden, gibt es viele Parallelen zum Oktoberfest. Mitunter wird auch das Bild vom „Ballermann des Winters“ bemüht.

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Wer in diesen Tagen durch das verschneite Oberhof spaziert, fühlt sich weder ans Oktoberfest noch an den Ballermann erinnert. Die leeren Straßen und verschlossenen Restaurants wirken fast schon gespenstisch. Seit 1984 gibt es nahezu im Jahres-Rhythmus Anfang Januar einen Weltcup, einen ohne Zuschauer gab es noch nie. „Natürlich blutet mir da das Herz“, sagt Thomas Grellmann, der Organisationschef. „Das ist dramatisch: Wir haben jetzt erstklassige Bedingungen für Wintersport, und keiner darf kommen.“

An den Wochenenden nach Weihnachten kamen Tausende Familien mit Schlitten oder Ski im Kofferraum nach Oberhof. In Zeiten von Corona-Auflagen und Bewegungseinschränkungen sind einige Stunden auf der Rodelwiese oder in der Loipe verlockend. Doch die Autos versperrten Rettungswege, verstopften den ganzen Ort. Um für die Zeit des Weltcups die Tagesausflügler abweisen zu können, sobald die öffentlichen Parkplätze voll sind, bat Bürgermeister Thomas Schulz um Hilfe beim Freistaat Thüringen. Nun kontrollieren Polizeistreifen die Zufahrtsstraßen. Mit Erfolg.

Polizeibeamte stehen an einer Zufahrtsstraße
Polizeibeamte stehen an einer Zufahrtsstraße © Bodo Schackow/dpa-Zentralbild

Schulz aber beantwortet seitdem „bestimmt 25 Mails am Tag. Da steckt zum Teil richtig viel Frust dahinter“, erzählt er. Dass sie nicht in den Ort dürfen, während gleichzeitig mehr als 200 Biathleten aus aller Welt um die Wette laufen, sehen einige – um es zurückhaltend zu formulieren – kritisch. „Ich verstehe die Leute auf der einen Seite“, meint Schulz. „Da müssen Eltern ihren Kindern erklären, dass sie zu Weihnachten Oma und Opa nicht sehen dürfen, aber wir veranstalten hier einen Weltcup. Und das macht man am Ort fest. Sie sehen natürlich die umfangreichen Hygienekonzepte nicht, die dahinterstehen, und den ganzen Aufwand.“ Eine ähnliche Diskussion erlebte Dresden vor einigen Wochen beim Skiweltcup am Elbufer.

Der parteilose Oberhofer Bürgermeister, seit 15 Jahren im Amt, will die Entscheidung, die Wettbewerbe trotz der hohen Corona-Infektionszahlen und des Zuschauerausschlusses durchzuziehen, „nicht infrage stellen. Aber ich hätte das anders entschieden.“ Bei den Verantwortlichen stößt diese Meinung auf wenig Verständnis. „Wem wäre mit einer Absage geholfen?“, fragt Organisationschef Grellmann. „Es bringt ein Stück weit Abwechslung und weckt auch am Fernsehen Emotionen. Die TV-Quoten zeigen, dass es ein riesiges Interesse gibt.“

Ohne die Sender würde es die Rennen in Pandemiezeiten gar nicht geben. Die üppige Summe für die Übertragungsrechte ist quasi die Überlebensgarantie in der so besonderen Saison. ARD und ZDF wollen zwar nicht verraten, wie viel sie für das bis 2026 laufende Paket an die Internationale Biathlon-Union (IBU) zahlen, doch es sind viele Millionen. Die deutschen Anstalten lassen sich das was kosten, weil Biathlon hinter Fußball und Formel 1 längst zur TV-Sportart Nummer drei aufgestiegen ist. Die Marktanteile steigen zum Teil über 30 Prozent und sind damit ähnlich hoch wie bei der Bundesliga in der ARD-Sportschau.

Die Finanzierung ist in Oberhof neben den fehlenden Fans der zweite heikle Punkt, obwohl die IBU eine halbe Million Euro überweist und einen Hygienezuschlag von 150.000 Euro obendrauf. Auch Corona-Hilfsgelder für den Sport wurden vom Land bewilligt. Doch allein die Ticketverkäufe spülen sonst rund zwei Millionen Euro in die Kassen. So hoch wird das Defizit am Ende nicht ausfallen, glaubt Hartmut Schubert, Staatssekretär im Finanzministerium. „Ich gehe von einem Minus von knapp einer Million Euro aus“, erklärt er.

Damit das nicht zur Insolvenz eines Veranstalters führt, übernahm der Zweckverband Thüringer Wintersportzentrum das finanzielle Risiko. Dahinter steht im Grunde der Freistaat, der Vorsitzende ist Schubert. Den Eindruck, dass am Ende der Steuerzahler das Defizit ausgleichen muss, will der 60-Jährige aber nicht erwecken. Vielmehr werde „eine Kapitaleinlage gebildet, mit dem Ziel, sie durch Gewinne bei späteren Veranstaltungen wieder zu befüllen“. Neben dem Biathlon-Stadion betreibt der Zweckverband in Oberhof auch die Skisprungschanzen, die Rodelbahn und die Skihalle. Bei der Refinanzierung denkt Schubert aber vor allem an die Biathlon-Weltmeisterschaften 2023.

Die sind für die Befürworter ein wichtiger Grund, warum der Weltcup unbedingt stattfinden muss. Stadion und Strecke werden seit knapp einem Jahr für 30 Millionen Euro modernisiert und umgebaut. „Im Hinblick auf die WM braucht man ein paar Probeläufe, um zu schauen, wo man noch was nachjustieren muss“, argumentiert Schubert. Wenn alles fertig ist, passen 27.500 Fans ins Stadion und an die Strecke.

Dann werden auch mindestens doppelt so viele Helfer benötigt als die 350, die derzeit im Einsatz sind. Sie kommen aus den Skisportvereinen der Region. Um die macht sich Erik Lesser, einer der besten deutschen Biathleten und Oberhofer, die größten Sorgen. „Ich weiß, dass sich viele Vereine größtenteils durch Bratwurst- und Glühweinverkäufe hier beim Weltcup finanzieren. Und das bricht jetzt weg. Deshalb haben sie Probleme, ihre Kleinbusse und ihr Skimaterial zu bezahlen“, sagt er. Doch die Vereine gehen nicht leer aus. Laut Staatssekretär Schubert gibt es 90.000 Euro, die sich rund 25 Vereine teilen müssen – je nachdem, wie viele Helfer sie stellen.

Nur temporär geöffnete Hotels

Über Hilfszahlungen würde sich auch Schulz freuen – nicht als Bürgermeister, sondern als Hotelbesitzer. Im November und Dezember sei noch nichts geflossen, kritisiert er. Für 14 Tage hat er, wie sieben weitere Hotels im Ort, wieder geöffnet, um die Sportler, Betreuer, Techniker, Offizielle und Journalisten unterzubringen. Bei ihm wohnt das schwedische Team. „Doch ein finanzieller Gewinn ist der Weltcup für keines der Häuser“, versichert er. Das Hygienekonzept des Verbandes ist streng und schreibt etwa eine Einzelbelegung der Zimmer vor. „Dadurch sind die Hotels nicht ausgelastet. Trotzdem muss alles wieder hochgefahren, die Mitarbeiter aus der Teilzeit zurückgeholt und die Lager aufgefüllt werden“, erklärt er. Wenn der Weltcup vorbei ist, sperrt er wieder zu. Für zwei oder drei Dienstreisende pro Woche würde sich der Aufwand nicht lohnen.

Die Mannschaft aus Norwegen kann ihre morgendliche Laufeinheit mangels Verkehr auf die Hauptstraße von Oberhof verlegen.
Die Mannschaft aus Norwegen kann ihre morgendliche Laufeinheit mangels Verkehr auf die Hauptstraße von Oberhof verlegen. © dpa/Martin Schutt

Dann ist es in Oberhof – zumindest unter der Woche – noch ruhiger als jetzt schon. Die 1.600-Einwohner-Stadt zählte 2019 fast eine halbe Million Übernachtungen. „Neben dem Tourismus gibt es hier keine andere Einnahmequelle“, betont Schulz. „Ohne Urlauber kann man Mäusehaschen spielen.“

Selbst mit den Biathleten und ihrem Tross ist es schon bedenklich ruhig. Der einzige Supermarkt im Ort hat seine Öffnungszeiten verkürzt. Geschlossen wird bereits um 18 Uhr, ist auf einem handgeschriebenen Zettel zu lesen. Ohne Fans und Urlauber läuft das Geschäft schleppend. Im Kurpark, wo sonst auf einer Bühne allabendlich die Sieger geehrt werden und nebenan aus einem Festzelt bis in die Nacht hinein Partymusik dröhnt, türmen sich nur Schneeberge. Auf der Straße hinauf zum Stadion, wo in all den Jahren zuvor Reisebusse in Zweierreihen parkten und die Fans mit ihren bunten Mützen, Schals und Fahnen in Pulks marschierten, ist niemand unterwegs.

So kann auch kaum jemand das Schild sehen, das fast symbolisch für die Zeit nach Corona stehen soll. Bis zur WM baut hier ein Investor aus Österreich ein 500-Betten-Hotel. Und auf den leeren Rängen im Stadion hängen wie üblich die Transparente der Fanclubs. Sie haben sie aus ganz Deutschland und sogar dem Ausland nach Oberhof gebracht oder geschickt. Die Sprecher beschallen die Arena mit ihren Kommentaren, Anfeuerungen und beliebten Hits – so, als wären die Traversen nicht voll Schnee, sondern voll Menschen.

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