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St. Marienstern hat eine neue Äbtissin

Der Konvent hat gewählt, aus Schwester Gabriela wurde Mutter Gabriela. Seit 1981 lebt sie im Kloster - und hat jetzt großen Respekt vor ihrem neuen Amt.

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© René Plaul

Von Jana Ulbrich

Panschwitz-Kuckau. Es ist Stille eingekehrt in St. Marienstern. Alle Betriebsamkeit ist zur Ruhe gekommen. Langsam senkt sich der Abend über den Klostergarten, taucht die üppige Blütenpracht in goldgelbwarmes Licht. Schwester Gabriela hat den halben Nachmittag noch E-Mails beantwortet. Jetzt hat sie sich auf eine der Bänke im Garten gesetzt. Abends, wenn keine Touristen mehr da sind und die Mitarbeiter Feierabend haben, kommt sie oft hierher in den Klostergarten. Besonders jetzt, an diesen wunderbar langen, warmen Mitsommerabenden. „Die mag ick janz besonders“, sagt sie. Sie sagt das in diesem liebevollen brandenburgischen Dialekt, der immer so fröhlich aus ihr heraussprudelt. In den ganzen Jahren, die sie jetzt schon hier ist – mehr als ein halbes Leben lang – hat sie ihn nicht abgelegt. Warum sollte sie das auch?

Sie muss lächeln. Es gibt doch viel Wichtigeres. Schwester Gabriela ist jetzt Mutter Gabriela. So angesprochen zu werden von ihren Mitschwestern, sagt sie, das ist ihr immer noch ungewohnt. Am 4. Juni hat der kleine Konvent der Zisterzienserinnen Gabriela Hesse zur neuen Äbtissin des Klosters gewählt. Das ist jetzt endgültig. Sie holt tief Luft. Sie tut sich noch ein bisschen schwer mit der großen Ehre. Es ist doch eine große Ehre. Aber es ist doch auch eine sehr schwere Last, die sie jetzt wird tragen müssen. Sie gibt ganz offen zu, dass sie manchmal Zweifel hat und betet, dass Gott ihr jetzt auch die Kraft dafür gibt.

Sie weiß, was es bedeutet, Äbtissin zu sein. Sie hat nachgesehen in den Schriften des Heiligen Benedikt von Nursia, nach dessen Regeln die Zisterzienserinnen seit dem Mittelalter leben, und dessen Worte für sie bis heute gelten. „Was der Heilige Benedikt von einem Abt erwartet, das ist für einen Menschen fast nicht erfüllbar“, sagt sie leise. Sie hat großen Respekt vor diesem Amt, sehr großen.

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„Es ist etwas sehr Schönes, mütterlich zu sein“

Mutter Gabriela weiß, dass sie bestehen muss. Und sie will es auch mit allen Kräften, sagt sie. Mit Gottes Hilfe wird sie es schaffen, allen ihrer elf Schwestern gleichermaßen eine gute Mutter zu sein. „Es ist doch auch etwas sehr Schönes, mütterlich zu sein“, sagt sie und ist auch voller Zuversicht. „Ich wünsche es mir sehr, dass ich für alle da sein kann.“

Sie hat ja auch schon bewiesen, dass sie das kann: Dieses ehrwürdige Kloster zu führen. Viele Jahre war sie Priorin, die Stellvertreterin der Äbtissin. Und mehr als ein Jahr lang hat sie das Kloster jetzt schon kommissarisch geleitet. Das war notwendig, weil die 43. Äbtissin, Philippa Kraft, sechs Jahre nach ihrer Wahl von ihrem Amt zurückgetreten ist und den Konvent für immer verlassen hat. Noch nie in der 770-jährigen Geschichte des Klosters hat es so etwas gegeben. Auch das gehört zu den Lasten, die Mutter Gabriela jetzt mit sich trägt. Aber es ist keine Last des Amtes mehr auf Lebenszeit.

Nach dem überraschenden Rücktritt von Philippa Kraft hat der Konvent seine Konstitutionen überarbeitet. Eine Äbtissin wird jetzt nicht mehr bis zu ihrem Lebensende, sondern auf zwölf Jahre gewählt. Ein langer, aber überschaubarer Zeitraum. Das lässt sie die große Verantwortung auch ein bisschen leichter tragen, findet Mutter Gabriela. Sie sitzt mit gefalteten Händen in ihrem Schoß und blickt sich um. Sie erinnert sich, als wäre es gestern gewesen, wie sie diese Stille, diese Ehrfurcht und Schönheit hier zum ersten Mal in sich aufgesogen hat.

„Wir haben Jesus zum Begleiter“

Es ist Anfang Januar 1980, als die junge Krankenschwester aus Premnitz im Brandenburgischen für ein paar Tage nach St. Marienstern kommt. Sie ist 19, in Panschwitz-Kuckau liegt Schnee, und sie hat keine richtigen Winterschuhe. Aber ihr wird sofort warm, als eine gütige, mütterliche Äbtissin sie empfängt. Nach drei Tagen weiß sie: Hier möchte ich leben. Anderthalb Jahre später tritt sie in den Konvent ein, 1983 legt sie ihr Ordensgelübde ab. Nur sehr wenige in ihrer brandenburgischen Heimat hätten das verstehen können, erzählt sie.

Gabriela Hesse ist jetzt 57. Vorsichtig streicht ihre Hand über das goldene Kreuz, das sie seit ihrer Wahl um den Hals trägt. Sie ist jetzt Äbtissin dieses ehrwürdigen Klosters in der Oberlausitz. Das Kreuz ist eines der Zeichen. Sie hat es sich ausgesucht aus der Schatulle, die seit der Barockzeit im Kloster verwahrt wird. Sie hat ein schlichtes Kreuz genommen. Die Initialen „IHS“ sind eingraviert. „Wir haben Jesus zum Begleiter“. Sie lächelt. Das ist doch sehr passend, oder?

Seit jeher leben die Zisterzienserinnen in tiefer Bescheidenheit. Auch für die neue Äbtissin ist das selbstverständlich. Ihr würden jetzt Räume in der Abtei zustehen. Aber sie will lieber im Konvent der Schwestern wohnen bleiben. In ihrer Zelle, die zwei Fenster hat: das eine mit Blick zum Garten, das andere mit Blick auf den Friedhof. Vor dem Fenster zum Friedhof steht ihre Gebetsbank. „Der Blick ist sehr hilfreich, wenn ich mal Schwierigkeiten habe oder traurig bin“, sagt sie. „Er zeigt mir die Endlichkeit des Lebens.“ Es gibt sehr viel, über das sie nachdenkt, wenn sie aus diesem Fenster blickt.

„Ick bin schon total uffjeregt“

Auch in den Klostergarten ist sie an diesem Abend zum Nachdenken gekommen. Sie hat sich vorgenommen, mit jeder der Schwestern ausführlich zu reden. „Ich möchte wissen, was sie bewegt, was sie sich wünscht und wie sie sich die Zukunft hier vorstellt“, sagt sie. Und dass sie da auf große Offenheit hoffe. In einem Unternehmen würde man das „Mitarbeitergespräche“ nennen. Mutter Gabriela ist es wichtig, dass das Zusammenleben der kleinen Gemeinschaft gut funktioniert. Es ist ihr wichtig, dass Entscheidungen gemeinsam und im Sinne aller getroffen werden. Und vor allem ist es ihr wichtig, dass der Konvent so lebt, dass sich auch künftig junge Frauen angezogen fühlen, der Gemeinschaft beizutreten „und sich Gott zu schenken“, wie sie es ausdrückt. Schwester Dolores und Schwester Cora sind jetzt mit Mitte 30 und Schwester Laetitia mit Ende 20 die Jüngsten im Konvent.

Im Juli wird Mutter Gabriela das erste Mal in ihrem Leben nach Rom reisen. „Ick bin schon total uffjeregt“, gibt sie zu. Und da ist er wieder, der fröhliche Dialekt. Sie war noch nie in Rom. Und sie hat auch noch nie in einem Flugzeug gesessen. Aber als Äbtissin von St. Marienstern gehört sie jetzt dazu, wenn sich die Oberen des Ordens eine Woche lang zu ihrer großen Jahrestagung treffen. „Autorität und Gehorsam“ ist diesmal das Thema. Sie seufzt: „Das wird anstrengend.“

Über den Klostergarten senkt sich langsam die Dämmerung. Die Stille ist jetzt fast vollkommen. Schwester Gabriela schlägt die Handflächen auf die Oberschenkel und steht auf. Genug für heute. Punkt 3.42 Uhr klingelt auch morgen früh wieder der Wecker. Sie hat ihn so gestellt, dass ihr noch ein paar Minuten zum Wachwerden bleiben. Die Nächte zum Schlafen sind kurz in Marienstern. Schwester Gabriela duscht zum Munterwerden, macht ein bisschen Gymnastik, kocht sich einen Tee. Halb fünf treffen sich die Schwestern in der Kirche zum ersten Chorgebet. Es wird ihr wie jeden Morgen Kraft geben. Vor allem auch Kraft für ihre neue, große Aufgabe.